Leben und Lernen

Studenten nachts in Halle

Am Ende zu Charles Bronson

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? Felix Bohr tastet sich durch Rauchschwaden, lässt sich die Leviten lasern und tanzt zwischen Baum und Borke. Eines Nachts in: Halle an der Saale.

Sonntag, 15.01.2017   09:50 Uhr

19.00 Uhr: Ich erreiche Halle voreingenommen. Meine Berliner Freunde haben die Stadt mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Halle scheint unter hippen Großstädtern eine Art Geheimtipp zu sein. "Da geht was", hatten sie mir übereinstimmend versichert. Das liege vor allem an den knapp 21.000 Studierenden, die das Nachtleben prägen.

Auf den ersten Blick wirkt Halle beeindruckend, denn der Bahnhof ist umgeben von riesigen Plattenbauten, die noch aus DDR-Zeiten stammen. Doch nur wenige Hundert Meter entfernt beginnen die verwinkelten Gassen der Altstadt.

19.13 Uhr: Ich überquere den schmucken Marktplatz, passiere die elegant gewundene Große Ulrichstraße und erreiche schließlich das erste Ziel des Abends: die Imbissbude Don't worry be Curry. Hier bin ich mit Eve und Raik verabredet, die mich durch die Nacht begleiten wollen.

Eve studiert International Area Studies und arbeitet nebenbei in einer Bibliothek. Raik schreibt eine Doktorarbeit in Indologie. "Halle ist übelst schön", sagt er, während wir Currywurst und Pommes Schranke essen: "Die Mieten sind billig, das zieht viele junge Leute an." Deshalb sei die Stadt sehr lebendig. Allerdings nur im Semester.

In den Ferien, wenn die Studierenden von auswärts in ihren Heimatort fahren, biete die Stadt oftmals "einen eher traurigen Anblick", sagt Eve. Und ich gratuliere mir innerlich zum gut gewählten Zeitpunkt meines Besuchs.

19.55 Uhr: Wir laufen über den historischen Universitätsplatz und betreten die kleine Bar Czech. Gold getünchte Wände, gedimmte Lichter und alte Teppiche auf dem Boden schaffen eine schummrige Stimmung. Die Luft ist rauchverhangen. An der gut ausgestatteten Bar gibt's nicht nur zahlreiche Drinks, sondern auch Erdnusssuppe.

Wir trinken Bier und begeben uns gedanklich in die Weiten des Weltalls. Denn Raik, perfekt vorbereitet, erzählt uns von der "Himmelsscheibe von Nebra", einer etwa 1600 vor Christus geschaffenen Bronzeplatte, die man in einem halleschen Museum bestaunen kann. Sie ist die weltweit zweitälteste Darstellung des Firmaments.

21.00 Uhr: Auch heute thront der Mond über der Stadt. Nach einem kurzen Spaziergang erreichen wir die bekannteste Kneipenmeile Halles: die Kleine Ulrichstraße.

Rauchen? Kein Problem

Wir entscheiden uns für die Bar Haley. An den Wänden hängen alte Werbeblechschilder und besprühte Autotüren. Als Raumteiler dienen zwei blecherne Oldtimer-Motorräder. Hinter der Theke brutzeln Burger auf einem Grill; dichter Zigarettenqualm durchzieht den Laden.

Aus gutem Grund, wie ich lerne: Gastwirte aus Halle haben 2008 vor dem Landesverfassungsgericht Beschwerde gegen das Nichtraucher-Gesetz eingelegt - und gewonnen. Seitdem darf in Sachsen-Anhalts Ein-Raum-Kneipen tatsächlich wieder gequalmt werden.

Wir trinken Bier vom Fass und treffen Anna, eine Modedesign-Studentin. "Die Deko ist ein bisschen durcheinandergeraten", merkt sie an. Aber die Stimmung sei hier immer gut. Was sie an Halle besonders schätze? "Hier passiert viel", sagt sie. In der Kunsthochschule, "Burg" genannt, gebe es häufig sehenswerte Ausstellungen.

Das bestätigt auch Annas Schwester, Ida, die heute hinter der Bar arbeitet. "Halle", ergänzt sie, "bietet einfach die beste Mischung zwischen klein und groß." Quasi jedes Ziel sei in einer halben Stunde mit dem Fahrrad zu erreichen.

22.40 Uhr: Auch für Bahnfahrer gibt es in Halle einen Rundumservice: "Die Trams fahren am Wochenende die ganze Nacht durch", erzählt Eve, als wir uns wieder auf den Weg machen. Das gibt's sonst nur in Großstädten wie Berlin oder Hamburg. Wir wollen frische Luft schnappen und schlappen zu Fuß in die Nordstadt.

Uni als Hoffnungsträger

Das Wolkenkuckucksheim kann man von außen kaum als Kneipe erkennen. Doch von innen ist die Bar ein Schmuckstück. Von der Decke hängen schwarze Emaillelampen, den Boden zieren Jugendstilfliesen. Als Zapfhahn dient eine alte Waage. Das Wolkenkuckucksheim ist der erste Laden des heutigen Abends, in dem nicht geraucht wird: "In Halle ein Alleinstellungsmerkmal", sagt Raik.

Heute ist die Bar voller junger Menschen, Semester sei Dank. Die Universität ist Halles Hoffnungsträger. Zu DDR-Zeiten hatte es im Umland noch viel Industrie gegeben. Aber nach der Wiedervereinigung, während des westdeutschen Goldrauschs, schloss die Treuhandanstalt reihenweise die Betriebe in der Umgebung. Jährlich zogen rund 7000 Menschen weg. "Halle gehörte damals zu den Wendeverlierern", sagt Eve.

0.50 Uhr: Unsere nächste Station zählt hingegen zu den Erfolgsgeschichten der Wende: das La Bim. Von fünf Filmverrückten 1991 als erstes Programmkino der Stadt gegründet, wird die Location heute auch als Kulturzentrum genutzt. Hier gibt es Vorträge, Poetry Slams und Partys. Das La Bim ist geräumig und verwinkelt, gleich im Eingangsbereich steht ein Kicker.

Wir bestellen eine Runde Bier und lauschen der Band Levitenlasers, die eine Art Free Jazz spielen. Vor der Bühne sorgen wechselnde Lichtinstallationen für optischen Genuss; die Musiker versteigen sich zu immer längeren Soli, lautstark angefeuert vom jubelnden Publikum. Raik und ich kickern eine Runde. Dann brechen wir auf, denn wir wollen noch tanzen.

Thomas Victor/ UNI SPIEGEL

Dancefloor II im "Charles Bronson"

2.00 Uhr: Dafür sei das Charles Bronson bestens geeignet, hatten mir meine Berliner Freunde versichert. Der Klub liegt etwas abseits vom Zentrum, unterhalb einer Hochstraße. Zwischen den riesigen Betonpfeilern wähnt man sich eher in Brooklyn als in Halle. Benannt ist der Klub nach dem gleichnamigen Schauspieler, der in dem Filmklassiker "Spiel mir das Lied vom Tod" mit der Mundharmonika ähnlich virtuos umgeht wie mit dem Schießeisen. Heute herrscht im Charles Bronson das blühende Leben.

Die Tanzfläche ist holzvertäfelt, abgewetzte Ledersofas stehen herum, aus dem Boden sprießen kleine Bäume, deren Äste und Blätter sich an die Decke ranken. Der DJ legt Techno auf.

An der Theke treffen wir auf Robert, der den Klub vor sieben Jahren mitgegründet hat. Er schwärmt von der kleinen, aber feinen Elektroszene der Stadt, die große Namen hervorgebracht hat - darunter das Duo Monkey Safari, das inzwischen weltweit Erfolge feiert.

Wir trinken mit Robert noch einen Wodka an der Bar, deren hölzerne Rückwand mit alten Geweihen und antiken Pistolen dekoriert ist. Schließlich tanzen wir eine Weile zwischen Baum und Borke. Dann verabschieden wir uns und gehen nach Hause. Ins Bett ist es nur ein Katzensprung.

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