Studenten nachts in Osnabrück Ein "flotter Dreier" auf dem Teller

Was passiert in Unistädten, wenn es dunkel wird? Hendrik Steinkuhl erteilt Tanzbefehl, blickt dem Messias ins Auge und besucht den Lieblingsklub von Robin Schulz. Eines Nachts in: Osnabrück.

Christian Protte

20.20 Uhr: Osnabrück, du Provinzschönheit auf den dritten Blick, wirst du dich heute gefälligst von deiner besten Seite zeigen? Zwei junge Studenten haben sich mir anvertraut, Leif und Marie, die neu in der Stadt sind und das Nachtleben kennenlernen wollen. Ja, an diesem Abend ist der Autor der Zeremonienmeister, und die Studenten sind die Partypraktikanten. Denn Osnabrück und die Umgebung sind schon seit vielen Jahren mein Zuhause. Wenn ich mich irgendwo auskenne, dann hier. Auf geht's.

"Habt ihr Lust auf eine Zeitreise?", frage ich - und sehe in vier neugierige Augen. Ich wusste doch, dass ich sie damit kriege.

20.40 Uhr: Im "Bachmayer's" werden wir mit der Schlagerschmonzette "Sierra Madre" aus dem Jahr 1987 begrüßt. Schöner kann so eine Nacht doch gar nicht beginnen. "Wären wir zwei Stunden später gekommen, würden sich die Gäste schon in den Armen liegen", erkläre ich Marie, die mich erschrocken ansieht. Das ausgelutschte Wort Kultkneipe benutze ich zwar ungern, aber für das "Bachmayer's" machen wir mal eine Ausnahme. Denn hier ist alles aus Holz, überall steht Nippes herum, nahezu jeder Gast raucht, und Inhaberin Anne ist gleichzeitig Wirtin und Mutti für alle.

Nach einer halben Stunde hat sich Marie akklimatisiert, sie unterhält sich mit einer Frau über Andrea Berg; im "Bachmayer's" bleibt eben keiner lange allein. Zu "Rote Lippen soll man küssen" verlassen wir schließlich schweren Herzens das Lokal.

21.20 Uhr: Wir ziehen weiter ins "Trash", eine Osnabrücker Traditionskneipe, um den nächsten ausgelutschten Begriff zu benutzen. Konversation fällt an diesem Abend schwer, ein DJ legt Metal auf. "Ihr seid mehr als bloß gute Freunde, oder?", brülle ich. Marie und Leif habe ich über Bekannte von Freunden kennengelernt - so ganz klar ist mir ihr Beziehungsstatus noch nicht. Den beiden wohl auch nicht. Leif guckt etwas betreten, Marie schüttelt den Kopf.

Na ja, mal schauen, was der Abend noch so bringt. Genau wie das "Bachmayer's" liegt auch das "Trash" ein ganzes Stück vom Osnabrücker Zentrum entfernt, und auch hier darf man die Einrichtung kitschig bis hässlich nennen. Allerdings ist es im "Trash" ironisch gemeint.

Rembrandts "Mann mit dem Goldhelm" hängt als Strickbild an einem Pfeiler, es gibt Fensterscheiben wie in einer Kirche: mit dem Messias über einem Beck's-Logo. Vor der Theke baumeln Sitzschalen an Metallketten. "Ganz geil hier, aber zu laut", ruft Leif. Nach einem Höflichkeitsbier ziehen wir weiter.

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22.30 Uhr: Wir sind auf dem Weg ins "Tiefenrausch", für mich die beste Osnabrücker Bar, im Stadtzentrum gelegen. Leider fehlt dem "Tiefenrausch" eines: Platz. Vor der riesigen Bumerangtheke hat der Gast nur knapp 1,50 Meter bis zur Wand. Wer es nicht eng mag, kommt von Sonntag bis Donnerstag. Wir sind am späten Samstagabend da und gönnen uns deshalb zwei Jever im Stehen.

Schlechte Laune ist zumindest bei mir unmöglich, der DJ im "Tiefenrausch" spielt verlässlich großartige Musik. Curtis Mayfield habe ich hier zum ersten Mal gehört, heute gibt es unter anderem Depeche Mode und Joy Division.

Ein bisschen sehnsüchtig gucken wir in die Loungeecke mit Discokugel. Doch bevor da ein Sitzplatz frei wird, ist Sonntag. "Ich habe Hunger", sagt Marie. "Sehr gut", antworte ich. "Wie wär's mit einem flotten Dreier?"

23.35 Uhr: Ein Bier, ein Korn, ein Pfeffersteak: Das ist die heilige Dreifaltigkeit des Osnabrücker Nachtlebens. Für 7,20 Euro bekommt man in der Altstadtkneipe "Grüne Gans" einen "Flotten Dreier", von dem garantiert niemand enttäuscht ist. Ich erfreue mich zusätzlich an einem rotzbesoffenen Lokalpolitiker, der sich sehr volksnah gibt, was man nirgendwo besser kann als in dieser herrlich abgeranzten Spelunke.

Wir mampfen zufrieden vor uns hin. Als Partydiktator will ich aber nicht zu viel Gemütlichkeit aufkommen lassen. "Tanzbefehl!", rufe ich und marschiere voran.

00.45 Uhr: Wir beginnen im "Dr. Vogel", wo ich meine Zöglinge vor allem deswegen hinschleppe, um mich ein bisschen wichtig zu machen. "Das ist der Laden von Robin Schulz!", brülle ich durch Nebel und Musik. Wenn man es genau nimmt, gehört der Klub den zwei Kompagnons des derzeit bekanntesten Sohns der Stadt; zu dritt betreiben sie das Label "Lausbuben Records". Aber bei so viel Krach bleibt kein Raum für Nebensätze.

Außerdem sagt Robin ohnehin in jedem zweiten Interview, wie sehr er das "Dr. Vogel" mag. Wer auf Electro steht, ist in dieser dunklen Höhle mit grünem Laserlicht gut aufgehoben. Mir ist das ewig Gleiche, wenn auch mit minimalen Variationen, zu anstrengend, deshalb schleppe ich meine Begleiter lieber weiter.

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Studenten nachts in Osnabrück: Zeitreise

01.30 Uhr: Wo ist der Bus? Viele Jahre betrat man die "Kleine Freiheit" am Güterbahnhof durch einen ausrangierten Linienbus, doch die Kassiererin hockt heute bloß unter einem schnöden Pavillon. Leif und Marie kümmert das nicht, nach dem Schlangestehen im Nieselregen wollen sie einfach nur rein. Normalerweise läuft in diesem Laden Indie; heute spielen sie das, was man hier für Neunziger-Trash hält. Uns empfängt Matthias Reim mit "Verdammt ich lieb dich".

Als sie die Melodie erkennt, fragt Marie, ob ich sie heimlich auf eine Ü-30-Party gelotst hätte. Das Publikum besteht allerdings vor allem aus Schülern und Studenten, die meisten sind schon auf einem Alkoholpegel jenseits von Gut und Böse. Der Thekenmann hat sich Strohhalme durch seine Ohrloch-Tunnel geschoben. Als der DJ dann noch "Großer Bruder" von Big-Brother-Ikone Zlatko ("Shakespeare? Kenne ich nicht") spielt, verlassen wir fluchtartig das Gebäude.

02.25 Uhr: "Ah, ha, ha, ha, ha, stayin' alive, stayin' alive / Ah ha, ha, ha, ha stayin' alive, stayin' alive". Wir sind im "Glanz & Gloria" angekommen, wo man sich nicht zu schade ist, an einem Abend ohne dämliches Motto auch mal die Bee Gees zu spielen. Früher war das "Glanz" ein großartiger Kellerschuppen, dann wurde der Laden geschlossen. Der Grund: Brandschutzprobleme. Neulich erst war Neueröffnung an einem anderen Ort, das "Glanz" bringt wieder selbigen in die Hütte.

"Wieso sind wir nicht sofort hierhin gegangen?", fragt Marie. Nicht zu Unrecht. Das "Glanz" ist der schönste Osnabrücker Klub. Hübsche Ornamenttapeten, hervorragendes Licht, ein Plüschsofa neben der Theke, und genau darauf machen es sich jetzt meine beiden Partypraktikanten gemütlich, die zum Tanzen gerade zu verliebt sind. Also doch!
Ich lasse sie in Ruhe und gehe allein auf den Tanzboden. "Ah, ha, ha, ha, ha, stayin' alive, stayin' alive!"



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
azigomon 26.03.2017
1.
So akkurat hat wahrscheinlich noch niemand meine Gefühle zu Osnabrooklyn beschrieben. Wenn man das erste Mal in die Stadt kommt, ist man sich ihrer vielleicht noch unschlüssig, aber innerhalb kürzerer Zeit lernt man sie lieben. Ich bin froh, hier gelandet zu sein und nicht in Bielefeld oder so.
Stamgilde 26.03.2017
2. Wichtige Kneipen etc vergessen!
Wenn man eine echte, stadtnahe und gemütliche Kneipe sucht, ist das Schmale Handtuch nicht zu vergessen, dicht gefolgt vom Rampendahl. Füreine Kneipentour in der Stadt eignen sich die Peitsche, die Olle Use, der Warsteiner Treff, das Rampendahl, das Schmale Handtuch und gegebenenfalls auch das Countdown. Meines Wissens auch alle Partizipierende des beliebten Bierdiploms.
vocivoci 27.03.2017
3. Schöne Kneipen in Osnabrück: Unikeller !
Der Unikeller.de darf nicht fehlen! Mehrfach die Woche live Bänds mit allermeist Eintritt frei!, Kicker, separater "Räucherkeller", Biergarten, Ratz-Fatz-Feddich-Theke, leckere Snäcks wie Ajoli-Brot bis sonstwas, Gäste von Jung bis alt, mit nettem Team im unspießigen Ambiente direkt am und unterm Schloss, sofort neben dem Schlossgarten (quasi SchloGa-Toi :) Prosit!
Anur 27.03.2017
4. Der Autor ist wohl Kettenraucher!
Nicht ganz ernst nehmen meinen Kommentar, aber bis auf die Grüne Gans führte die Rundreise eigentlich nur durch Raucherkneipen. In der kleinen Freiheit gibt es zwar einen offenen Raucherbereich, aber richtig ernst genommen wird das Rauchverbot dort nirgendwo. Grundsätzlich nicht so wild, man arrangiert sich oder geht woanders hin, aber die Alternativen fehlen hier. In Sachen Kneipen steht für Einheimische der Grüne Jäger ganz weit oben auf der Liste, das neue Irish Pub kann sich auch sehen lassen und im Pollyesther's gibt es ebenfalls eine gute Auswahl. Wenn es schon Richtung Dr. Vogel gehen soll, dann unbedingt den Zauber von OS mitnehmen. Bei den Clubs geht es rauchfrei nur, wenn man auf billige Chart-Remixes und niveauloses Gebagger steht, obwohl der altehrwürdige Hyde Park schon noch zu ertragen ist. Immerhin eine der ältesten Discotheken Deutschlands. Sonst gerne in den Rosenhof, denn das ehemalige Kino hat durchaus seinen Reiz und bietet immer mal wieder einen guten Abend. Zum Dr. Vogel muss noch gesagt werden (Spießeralarm!), dass dies auch der übelste Drogenschuppen der Stadt ist. Hier ziehen sich die Pinkelnachbarn am Pissoir gerne mal ne Line durch und wer es dort vergessen hat, holt es zu später Stunde auch stumpf an der Theke nach. Ein offenes Geheimnis in unserer Stadt.
ogg00 27.03.2017
5. Hyde Park
Ein Beitrag über OS ohne Erwähnung des Hyde Parks ist wie Berlin ohne Brandenburger Tor. 40 Jahre ununterbrochen auf und unter gleicher Leitung.
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