Studium mit extremer Sehschwäche Wenn es nur noch Hell und Dunkel gibt

Axel ist fast blind. Trotzdem bewirtschaftet er einen Garten, studiert und möchte mit seiner Freundin einen Bauernhof führen. Wie schafft er das?

Malte Uchtmann

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Axel steigt die steilen Stufen hinauf. Oben am Hang, da liegt sein Reich: hundert Quadratmeter Garten am Waldesrand. Er steuert auf ein Beet zu, geht in die Hocke und berührt vorsichtig die zarten Pflänzchen, die dort aus der Erde sprießen. Im Sommer wird er die winzigen Knoblauchknollen ernten können. Doch das dauert. Selbst der Frühling lässt in diesem Jahr auf sich warten. Aber Axel hat Geduld. "Wenn man blind ist, dauert alles länger", sagt er.

Der 24-Jährige hat die Erbkrankheit Retinopathia Pigmentosa - seit seiner Kindheit erblindet er langsam. Im Alter von zwei Jahren wurde sie diagnostiziert. Die Netzhaut verkümmert, die Sehzellen sterben ab. Beide Eltern sind Träger der Erbkrankheit, obwohl sie selbst sehen können. Eine seiner beiden Schwestern ist blind, die andere nicht. Hatte Axel als Kleinkind 70 Prozent Sehkraft, ist heute noch ein Prozent übrig. Er kann zwischen Hell und Dunkel unterscheiden, Farben jedoch nicht mehr erkennen.

Seine Welt besteht aus wenig Licht und viel Schatten. Pro Retina, eine Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegeneration, schätzt, dass in Deutschland zwischen 30.000 und 40.000 Menschen an Retinopathia Pigmentosa erkrankt sind.

Wenn der Garten zum Leben erwacht, wird Axel das Erblühen nicht sehen können. Doch er kann es riechen und fühlen: Die Krokusse, die ihre Köpfe aus der Erde strecken, die Erdbeeren, die er hier im Frühsommer erntet, und die kleinen Kartoffeln, die er aus der Erde gräbt. Je nach Jahreszeit baut er auf dem unwegsamen Gelände auch Rote Bete, Radieschen, Salate, Erbsen und Spinat an. Für Axel scheint das kein Problem zu sein, so sicher bewegt er sich.

Wenn sein Garten blüht, kann Axel das nicht sehen - dafür aber fühlen und riechen.

Dass er blind ist, fällt hier gar nicht auf. Sein schwarzer Schäferhund Tonga braucht ihn nicht zu führen. Der Garten schenkt Axel etwas Alltägliches, das er außerhalb so selten spürt. Dort muss er sich nicht erklären, Tieren und Pflanzen ist seine Erkrankung egal.

Axel kennt sein Reich gut. Rund zwei Stunden verbringt er hier im Sommer pro Tag, meist zusammen mit seiner Freundin Doro. Die beiden Öko-Agrarwissenschaftsstudenten dürfen das Stück Garten am Rande der hessischen Kleinstadt Witzenhausen umsonst bewirtschaften.

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Fotostrecke: Wenn man Blüten nur fühlen und riechen kann

Axel ist auf einem Bauernhof in der Nähe von Bremen aufgewachsen. Sein Vater war Landwirt wie sein Großvater und sein Urgroßvater. "Das war schon ein bisschen wie in Bullerbü", sagt er. Als Kind sprang er zwischen den Kühen im Stall herum, bewirtschaftete seine eigenen Beete. Später als Jugendlicher half er auf dem Hof, der seit 1898 in Familienbesitz ist. Als Teenager ging er auf ein Internat für Blinde in Hamburg, sehnte sich jedoch nach den Wochenenden auf dem Land. Musik hören, rumhängen wie seine Altersgenossen - das war nichts für ihn. Er wollte raus. "Mit den Händen in der Erde wühlen", wie er sagt.

Sein Vater riet ihm dennoch ab, den Hof, spezialisiert auf Vieh- und Milchwirtschaft, zu übernehmen. Sich mit einem kleinen Betrieb mit rund 120 Kühen auf dem Markt zu behaupten, sei extrem schwer. Auch ohne Sehschwäche schon. Sein Großvater habe dieselbe Augenkrankheit gehabt wie Axel und den Hof trotzdem geführt. Heute wäre das nicht machbar, glaubt Axel. "Die Landwirtschaft ist so stark technisiert. Da hätte ich als Blinder keine Chance."

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Doro und er träumen von einem kleinen Hof, um sich eines Tages selbst versorgen zu können. Um Geld zu verdienen, könne er sich vorstellen, als Berater zu arbeiten, für nachhaltige Unternehmen in der Lebensmittelwirtschaft.

Dass er das hinkriegt, daran zweifelt Axel nicht. Andere hingegen trauten Blinden nicht viel zu, immer wieder sei er mit Vorurteilen konfrontiert. "Neulich saß ich zusammen mit Doro und einem blinden Freund im Zug nach Göttingen", erzählt er. Ein Wildfremder habe sie gefragt, wohin sie fahren würden. "Als wir gesagt haben, dass wir ins Kino wollen, hat er gefragt, wieso. Wir könnten doch eh nichts sehen."

Doro und Axel müssen lachen, als er davon erzählt. Denn natürlich mag Axel Kino. Er nutzt eine kostenlose App namens Greta, über die sich Blinde die Szenen, Gesten und Mimiken der Darsteller im Film beschreiben lassen können. Manchmal souffliert auch Doro für ihn. Bei Filmen mit wenig Handlung ist aber selbst das nicht nötig, findet Axel.

Doros und Axels Liebe begann mit einem Kürbis. Sie ist eng mit ihrer Liebe zur Natur, zur Arbeit auf dem Feld verwoben. "Das war das Erste, was er mir geschenkt hat, einen selbstgezogenen Kürbis", sagt die 25-Jährige und lacht wieder. "So ist das eben bei den Bauern", sagt Axel.

Sie haben sich 2011 kennengelernt, als Axel nach seinem Realschulabschluss eine Berufsfachschule für Blinde mit wirtschaftlichem Schwerpunkt in Hannover besuchte. Doro absolvierte dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Er war beeindruckt von ihrer großen Geduld und ihrer einfühlsamen Art. Sie bewunderte seine Offenheit und das Selbstbewusstsein, mit dem er auf Menschen zugeht. Als er erzählte, dass er sich eigentlich zum Landwirt berufen fühle, aber keine Zukunft für sich in der kommerziellen Landwirtschaft sehe, ermutigte sie ihn, einen anderen Weg zu versuchen und Öko-Agrarwissenschaften zu studieren. Dazu musste Axel allerdings erst einmal sein Abitur machen.

Er sieht wenig, sie kann nicht schwer heben. Im Team gleichen sie diese Nachteile aus.

Er meldete sich auf der Blindenschule in Marburg an, wo Doro an der Universität ein Lehramtsstudium mit den Fächern Geografie und Englisch begonnen hatte. Nach seinem Abitur gingen sie gemeinsam ein Jahr nach Kanada, arbeiteten auf verschiedenen Farmen, kümmerten sich um Rinder, Hühner und Enten, schlachteten Schweine, ernteten Pfirsiche, Äpfel und Kirschen. "Wir funktionieren im Team", sagt Doro. Sie kann nicht schwer heben, das macht Axel für sie. Axel kann kaum sehen, das übernimmt Doro. Man könnte auch sagen: Sie verstehen sich blind.

Nach dem Jahr in Kanada war auch Doro begeistert von der Landwirtschaft. Sie begannen gemeinsam das Bachelor-Studium der Öko-Agrarwissenschaften der Universität Kassel am Standort Witzenhausen, wobei Doro zusätzlich ihr Lehramtsstudium in Marburg weiterverfolgt.

Doro und Axel erkunden zusammen zwei Welten - die der Sehenden und die der Blinden. In der Natur müsse er sich und seine Krankheit nicht erklären, sagt Axel. Das genieße er sehr.
Malte Uchtmann

Doro und Axel erkunden zusammen zwei Welten - die der Sehenden und die der Blinden. In der Natur müsse er sich und seine Krankheit nicht erklären, sagt Axel. Das genieße er sehr.

Auch an der Uni ist Axel auf ihre Hilfe angewiesen. Eine Assistenz steht ihm noch nicht zur Verfügung, weil sich das Verfahren beim Sozialamt hinzieht. "Ohne Doro wäre ich aufgeschmissen", sagt Axel, der inzwischen im dritten Semester ist. Sie bereitet die von ihm eingescannten Bücher für ihn auf, damit er sie per Brailleschrift mit den Fingern lesen oder sich per Sprachausgabe anhören kann.

"Durch Doro kann ich an der Welt der Sehenden teilhaben", sagt Axel. Er kraxelt mit ihr auf Berge, sie arbeitet Brettspiele für ihn um, sodass sie auch für Blinde geeignet sind. Gleichzeitig hat sich Doro auf die Welt der Blinden eingelassen. Sie kann die Brailleschrift lesen und kennt sich mit den gesetzlichen Bestimmungen, etwa zum Blindengeld, teilweise besser aus als Axel. Sie sind ein eingespieltes Team, das die Erfolge feiert, die sie zusammen erreicht haben.

Bis ihr Traum von der Selbstversorgerfamilie wahr wird, bewirtschaften sie den Garten am Waldesrand und helfen auf einem Pferdehof in der Nähe aus. Bald wird Axel wieder Kürbisse ernten. Für Doro.

insgesamt 8 Beiträge
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sir.viver 24.05.2018
1. Demut
Mich macht der Artikel demütig und dankbar, dass ich mein Augenlicht habe. Einen Luxus, den man als normal ansieht. Was es ja auch im Grunde ist. Dieser Artikel führt uns wieder vor Augen, dass man solche alltäglichen Normalitäten nicht hoch genug schätzen kann. Mein voller Respekt dem jungen Mann, der sich diesem Schicksal und der Herausforderung so mutig stellt. Aber was hat er auch sonst für eine Wahl? Ich wünsche ihm weiterhin viel Kraft und viel Erfolg bei allem, was er sich vornimmt.
specialsymbol 24.05.2018
2. Sehen ist wichtig
Ein Bekannter von mir hat sich nach dem Studium das Leben genommen - er litt ebenfalls unter extremer Sehschwäche. Man bekommt eben auch mit Doktortitel keinen Job wenn man nichts sieht, zumindest nicht in dem Bereich, in dem man was könnte. Das frustriert. Die gesellschaftliche Situation macht es sicher nicht besser (der Mensch ohne Job ist nichts wert. Hat man keinen wird man vom Staat bzw. den Ämtern regelrecht zermürbt, egal warum)
Martin SEHENblog 24.05.2018
3. Willkommen in unserer Welt...
...oder so ähnlich könnte es heißen. Ich leide an der gleichen Erbkrankheit und erkenne im Artikel viele Paralelen. Besonders beim Thema der Arbeitsassistenz und dem "zeitlich intensiven" Prozess mit dem Sozialamt, bzw. dem Versorgungsamt. Bürokratische Prozesse, die sich über Jahre hinziehen (können) - und die Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre schauen müssen. Mehr Infos gibt es auch auf meinem Blog, welcher meinen Weg und Umgang mit der Behinderung beschreibt und begleitet.
badscooter 24.05.2018
4. an alle betroffenen:
vor ein paar wochen kam im arte journal ein beitrag zu dieser krankheit. in tübingen gibt es eine firma (und auch die passende uniklinik dazu), die einen chip für die träger dieser krankheit erfunden hat. dieser chip wird hinters auge implantiert und irgendwie mit dem sehnerv verbunden. die betroffenen können nach wenigen monaten wieder unscharfe konturen erkennen und hell und dunkel unterscheiden. es ist nicht wie „sehen“, aber eine große hilfe.
mirage122 24.05.2018
5. Bewunderswert!
An alle Meckerer und Nörgler: Es ist etwas Wunderbares, wenn alle Sinne - oder zumindest die meisten - funktionsfähig sind. Schon damit ist man ein total glücklicher Mensch, weiß es aber oft nicht zu schätzen. Axel zeigt hier genau auf, wie man sich auch mit Handicaps helfen kann. Man muss eben alle Möglichkeiten nutzen, die man hat und immer positiv denken!
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