Abschreiben an der Uni Warum Plagiatssoftware so oft danebenliegt

Viele Unis setzen heute Plagiatssoftware ein. Sie soll Studenten überführen, die heimlich abgeschrieben haben. Doch die Resultate sind mau: Quellenangaben werden als Fehler markiert, echte Schummeleien übersehen.

Erklärung im duden
DPA

Erklärung im duden

Von Christine Haas


Ihr erstes Mastersemester an der Universität zu Köln geht zu Ende. Der Stress ist groß - wie immer in Prüfungsphasen, findet Lara. Neben Klausuren muss sie einige Hausarbeiten schreiben. In einer davon geht es um den Vertrag von Maastricht; Lara schreibt darüber, wie er die europäischen Institutionen beeinflusst hat. Knapp zwei Wochen nach der Abgabe erhält sie eine Mail von ihrem Dozenten. "Die Plagiatskontrolle hat offensichtlich gemacht, dass Sie in einigen Fällen Ihre Zitate nicht korrekt kennzeichnen", steht dort. Und: "Anbei der Turnitin-Bericht, der die entsprechenden Stellen identifiziert."

Lara öffnet das angehängte Dokument. Vor sich sieht sie ihre Hausarbeit, allerdings sind das komplette Quellenverzeichnis und verschiedene Textpassagen in unterschiedlichen Farben markiert. Darüber stehen Prozentangaben, "Similarity Index 19 Prozent", sie zeigen Übereinstimmungen mit anderen Texten.

"Ich war völlig geschockt", sagt die 22-Jährige. "Im Bachelor gab es nie Probleme. Und jetzt sollte fast meine ganze Arbeit zu beanstanden sein?" Lara heißt in Wirklichkeit anders. Weil sie an dem betroffenen Lehrstuhl noch weitere Prüfungen ablegen möchte und dabei Nachteile fürchtet, hat sie darum gebeten, in diesem Text anonym bleiben zu dürfen.

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!

Sogenannte Plagiatssoftware wie das Programm Turnitin wird an vielen Hochschulen eingesetzt. Sie soll dabei helfen, Stellen in Haus- und Abschlussarbeiten zu finden, die Studierende nicht selbst erarbeitet haben. Doch die Resultate, die sie liefert, sind in vielen Fällen nutzlos. Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, ist die wohl bekannteste Plagiatsjägerin Deutschlands. "Es gibt diesen kindischen Glauben daran, dass es eine allmächtige Software geben muss", sagt sie. "Man traut der Software alles zu, und das ist Quatsch! Im regulären Hochschulbetrieb ist sie unbrauchbar."

Das Problem ist die grundsätzliche Funktionsweise der Plagiatsprogramme: Sie suchen nach Übereinstimmungen des verdächtigten Texts mit anderen Quellen. Finden sie einige Wörter in gleicher Reihenfolge, schlagen sie Alarm.

Das Programm kann die fachliche Beurteilung des Professors nicht ersetzen

So war es auch an einigen Stellen in Laras Hausarbeit. Pink markiert ist der Satzteil "wie die europäische Kommission, das Europäische Parlament und der Europäische Rat zusammenarbeiten sollten" - eine Reihung von Fach- und Füllwörtern, die wohl eher als allgemeines Wissen denn als zitierbedürftige Stellen gelten. In verschiedenen Grün-, Braun- und Rottönen leuchtet das gesamte Quellenverzeichnis.

Kritik daran findet der Softwarehersteller nicht gerechtfertigt. "Wir maßen uns gar nicht an, so etwas vollständig vermeiden zu können", sagt Georg Dannemann von Turnitin. "Das Programm hilft zwar dabei, Ähnlichkeiten zu finden. Aber es kann und soll die fachliche Beurteilung durch den Professor nicht ersetzen. Ob es sich um ein Plagiat handelt, muss er entscheiden." Da sowohl die Studentenzahlen als auch die im Internet verfügbare Textmenge immer weiter ansteigen, sei die Software ein wichtiges Mittel, um Lehrkräfte zu entlasten.

Plagiatsexpertin Weber-Wulff weiß allerdings, dass das im Alltag oft anders läuft: "Viele Hochschullehrer lassen Arbeiten durch irgendeine Software laufen, bekommen eine Zahl ausgegeben und sagen: 'O Gott, da sind x Prozent abgeschrieben.' Würden sich die Dozenten den Bericht genau anschauen", so Weber-Wulff, "sähen sie, dass oft die Literaturangaben selbst als Plagiat markiert wurden." Diese Berichte an Studierende weiterzuleiten hält die Informatikprofessorin für verantwortungslos. "Die können noch weniger damit anfangen, die Angaben sind sehr schwierig zu interpretieren."

Und das führt zu großer Verunsicherung - auch bei Lara. In der Mail ihres Dozenten stand zwar, dass ihr keine Täuschung vorgeworfen werde; sie solle die markierten Stellen überarbeiten. Doch Lara zweifelte grundsätzlich daran, korrekt vorzugehen. Wie sollte sie ausschließen, dass noch nie jemand Wörter in ähnlicher Folge aneinandergereiht hatte? Sollte sie alle Begriffe wie "Der Maastricht-Vertrag" künftig mit Anführungszeichen und Fußnote versehen? Eine andere Hausarbeit, an der sie zur gleichen Zeit arbeitete, gab sie nicht ab. "Ich hatte Angst, dass mir etwas angehängt wird", sagt sie.

Die Software kann nur Texte abgleichen, die in der Datenbank sind

Das bedeutet freilich nicht, dass Studenten immer Opfer sind. Sie erwische in fast jedem Semester Kandidaten, die Wikipedia-Artikel als eigene Texte ausgäben, sagt Debora Weber-Wulff. Doch auch hier ist Software selten hilfreich. Denn: Sie lässt sich leicht austricksen. Verändert man die Wortreihenfolge nur geringfügig und schreibt etwa "Grönland und Island" statt "Island und Grönland", schlägt das System nicht an. Ganz zu schweigen von Ideenplagiaten, bei denen Befunde und Gedanken ohne Kenntlichmachen von Fremden übernommen, aber mit anderen Worten wiedergegeben werden. Zudem kann die Software nur Texte abgleichen, die sich bereits in der Datenbank befinden. Auf zugangsbeschränkte Internetquellen zum Beispiel kann sie nicht zugreifen.

Auch die Doktorarbeit des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg wäre - trotz schwerer Mängel - allein mit Software nicht in besonderem Maße aufgefallen. "Ich habe die Arbeit mit fünf verschiedenen Systemen überprüft", sagt Weber-Wulff. "Eines gab an, nur fünf Prozent seien plagiiert. Und die anderen lieferten ähnliche Werte." Tatsächlich seien insgesamt aber 63 Prozent zu beanstanden gewesen.

Mit dem Hochladen der Arbeiten in die Software ist noch ein weiteres, mindestens ebenso gravierendes Problem verbunden: Um die Inhalte vergleichen zu können, werden sie auf den Servern der Programmhersteller gespeichert. "Das verstößt gegen die gesetzlichen Grundlagen in Europa", sagt Weber-Wulff. Turnitin-Sprecher Dannemann versichert zwar, dass Urheberrechte nicht angetastet und Daten nicht zu kommerziellen Zwecken weitergegeben würden. Aber die Informatikprofessorin bemängelt: "Wir haben keinerlei Kontrolle darüber, was die Firmen mit den Texten der Studierenden anstellen." Ihr Lieblingsbeispiel: ein Softwarehersteller, der nebenbei eine Hausaufgabenbörse betreibt. Die Arbeiten, die er auf der einen Seite auf Plagiate überprüft, verkauft er auf der anderen an Kunden zur freien Nutzung weiter.

Denkbar ist auch, dass exklusive Forschungsergebnisse in fremde Hände gelangen und missbraucht werden. "Die Dozenten verletzen die Rechte der Studenten, wenn sie Arbeiten einfach hochladen. Sie brauchen deren ausdrückliche Zustimmung", sagt Weber-Wulff.

Nicht nur sanktionieren, sondern auch vorbeugen

In anderen Ländern gebe es dafür bereits Lösungen. In der Slowakei etwa würden alle Abschlussarbeiten in einer nationalen Datenbank gespeichert. Dort können andere Werke dann abgeglichen werden, ohne dass sie auf externen Servern gespeichert werden.

Ansgar Schäfer von der Universität Konstanz hält das allerdings in Deutschland für den falschen Ansatz. "Solche Systeme aufzubauen ist extrem teuer. Und der Nutzen ist gering." Wie Weber-Wulff geht auch Schäfer davon aus, dass nur wenige Fehler auf diese Weise gefunden werden.

Schäfer plädiert dafür, nicht nur zu sanktionieren, sondern auch vorzubeugen. Man müsse erreichen, dass Studenten korrektes wissenschaftliches Arbeiten lernen. "Wir können uns in vielen Studiengängen gar nicht sicher sein, ob wir den Studierenden überhaupt beibringen, was sie können müssen", sagt er. Zwar gebe es einige Universitäten mit Schreibzentren oder entsprechenden Kursen. "Aber es gibt auch viele Fakultäten, die gar nichts machen." Es genüge nicht, Zitierregeln aufzustellen und zentrale Veranstaltungen zu Plagiaten und wissenschaftlicher Integrität abzuhalten. "Diese Dinge müssen eingebettet sein in die reguläre Fachlehre" , sagt Schäfer. "In jedem Bereich sind die Anforderungen ein bisschen anders, deshalb muss das Einüben wissenschaftlichen Arbeitens Bestandteil der regulären Lehrveranstaltungen sein."

Fühlen sich Studenten ungerecht behandelt, gibt es an vielen Hochschulen Einrichtungen, die Arbeiten unabhängig prüfen. An der Uni Köln ist das zum Beispiel die Anregungs- und Beschwerdestelle.

Für Lara kommt diese Hilfe zu spät; sie wusste nicht, dass es ein solches Angebot gibt. Ihre Arbeit wurde nach der Überarbeitung mit einer 3,0 bewertet. "Damit bin ich überhaupt nicht zufrieden", sagt sie. In anderen Fällen wäre sie auch noch mal zu dem Dozenten gegangen. "Aber ich war einfach nur froh, dass das durch war und ich nicht noch mehr Stress bekomme."

Mail Dozent
Auszug Hausarbeit
Zitat Lara
Zitat Weber-Wulff
Zitat Dannemann
Zitat Schäfer



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dwg 01.04.2017
1. Auch Pagiatsprüfungs S/W ist nur ein Werkzeug
Was auch regelmäßig zu Plagiats Falschmeldungen führt, ist die eidesstattliche Versicherung, die Arbeit alleine und ohne fremde Hilfe angefertigt zu haben. Andererseits ist das Finden eines Plagiats als direkte Übersetzungen am besten aus einer exotischen Sprache nur dem kompetenten und sorgfältigen Leser vorbehalten.
mick64 01.04.2017
2. Make a stand and be a woman!
Warum nur nehmen heutige StudentInnen nur alles einfach so hin aus Furcht vor Sanktionen? Lieber eine 3 und ich habe meine Ruhe?
jetbundle 01.04.2017
3. In die falsche Richtung
Diese ganzen Plagiatsjäger die die Anzahl gleicher Worte zählen gehen doch ohnehin komplett an der Realität der Wissenschaft vorbei. In einer wissenschaftlichen Arbeit geht es doch um viel mehr als darum, Wissen in eigene Worte zu fassen. Sorry, das ist vielleicht beim Schüleraufsatz so. Formelle Selbstplagiate kommen natürlich immer wieder vor, wenn ich mehrere Artikel auf einem Thema veröffentliche, spätestens in der Doktorarbeit oder Habilitation. Viel schlimmer und viel häufiger sind doch die Ideendiebstäle und andere Betrügereien. Da gibt es geschumelte Daten, Ideen die als eigene ausgegeben werden, aber von nderen stammen oder welche aus nicht zitierten Quellen. Hab ich alles schon gesehen. Und das ist Gift für die Wissenschaft. Wer diskutiert den offen mit jamand Anderes, wenn die Ideen dann ohne Acknowledgment in anderer Leute Paper stehen, die vielleicht noch dazu zum die nächste Stelle konkurrieren. Viel wichtiger ist es doch den Studenten gleich zu Beginn des Studiums die wissenschaftliche Ethik einzupauken, und dann Verstöße nicht als Kavaliersdelikt zu sehen. Plagiat = 0 Punkte, ohne Ausnahme, im Schlimmen Fall oder bei Wiederholungen Exmatrikulation mit Aberkennung aller Universitätstitel, später ähnlich bei der Promotion. In deutschen Unis herrscht leider eine Atmosphäre der Schummelei. Das fängt an bei den nachträglichen Krankmeldungen nach Klausuren, der Rumdiskutiererei um Noten und endet bei den Privatfehden zwischen den Fürsten/Professoren.
fantin-latour 01.04.2017
4.
Ungeschulte Dozenten sollten nicht mit Plagiatssoftware arbeiten dürfen. Es gibt auch bessere Software, die Zitate und Literaturverzeichnisse nicht beachtet und rund um längere plagiierte Stellen auch einzelne Wörter anzeigt, die in der 'Quelle' im Kontext stehen. Letztendlich liegt es aber am Dozenten, beim Korrigieren Stichproben zu machen, und da reicht oft schon Google, um den entsprechenden Wikipedia-Artikel zu finden...
gweihir 01.04.2017
5. Keine Ueberraschung
Echte Experten wissen seit langem, dass die Faehigkeiten der sogenannten "KI" eher auf der fundamental inkompetenten Seite liegen. Nur Amateure (und davon gibt es sehr viele) und leider grosee Teile der Presse haben hier voellig unrealistische Erwartungen, die bis hin zu den Faehigkeiten von Menschen gehen. In der Realitaet leistet "Plagiatserkennungssoftware" nicht mehr als eine einfache Google-Suche mit ein paar Saetzen aus dem betreffenden Text. Mangels echter Intelligenz in Software (es ist unklar ob diese ueberhaupt moeglich ist) ist auch nicht mehr zu erwarten. Wie gesagt, echte Experten ueberrascht das nicht im geringsten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UNI SPIEGEL 1/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.