Wildlife-College in Afrika "Im Grunde studieren wir Safari"

Aus dem Hörsaal auf den Kilimandscharo blicken, Seminare in der Serengeti abhalten und Tiere beobachten: Klingt nach traumhaften Studienbedingungen. Ein Besuch am berühmtesten Ranger-College Afrikas.

Philip Richter/ UNI SPIEGEL

Von Fotos: Philip Richter


Die Punkte reichten bis zum Horizont. So sehr Brighton Mbilinyi sich auch bemühte, die Augen zusammengekniffen, den Blick durch ein Fernglas geschärft, er konnte sie einfach nicht zählen. Tausende mussten es sein: Gnus, Gazellen und Zebras, jedes Tier ein Punkt, die zu einem grau-braun-schwarzen Fleckenteppich verschmolzen. Brighton hätte ihrer langsamen, aber stetigen Wanderung stundenlang zuschauen können, so erzählt er es.

Doch die Kommilitonen drängten zum Aufbruch. Die Sonne würde bald untergehen, sie müssten Zelte aufbauen und ein Lagerfeuer entfachen, irgendjemand würde ein Referat halten. Und am Ende würden sie am Feuer sitzen und mit ihrem Professor diskutieren über die wundersame Wanderung der Tiere, die sie alle an diesem Nachmittag beobachtet hatten.

Mehrmals im Jahr ziehen Herden von Millionen Vierbeinern auf der Suche nach Trinkwasser und saftigem Grasland zwischen der Serengeti im Norden Tansanias und dem Massai-Mara-Nationalpark in Kenia hin und her. Wer zur richtigen Zeit kommt, kann das Naturschauspiel aus nächster Nähe beobachten - und dabei mehr über das Zusammenleben der Tiere lernen als in jedem theoretischen Seminar.

"Im Grunde studieren wir Safari"

Deshalb sind Brighton, 24 Jahre alt, und seine Kommilitonen hergekommen. Sie studieren am "College of African Wildlife Management" in Mweka, Tansania - und könnten nach ihrem Abschluss die Serengeti, die bekannteste Savanne Afrikas, zu ihrem Arbeitsplatz machen: als sogenannte Wildlife Manager, besser bekannt als Ranger. "Im Grunde studieren wir Safari", scherzt Brighton.

Und ein bisschen so ist es ja auch. Ein Drittel ihres Studiums, also insgesamt ein gutes Jahr, verbringen die Bacheloranwärter von Mweka nicht im Seminarraum oder Hörsaal, sondern in der Steppe der Serengeti, im Dschungel des Selous Game Reserve, am Ufer des Viktoriasees, am Hang des Kilimandscharo oder am Strand des Indischen Ozeans. Klingt wie ein Reisekatalog, "ist aber harte Arbeit", beteuert Brighton.

Seit die Berlinerin Gesa Neitzel im vergangenen tristen, langen Winter ihren autobiografischen Roman "Frühstück mit Elefanten" veröffentlichte, worin sie von ihrer Ranger-Ausbildung in Südafrika schwärmt, träumen Hunderte Abenteuerhungrige im kalten Deutschland davon, es ihr gleichzutun. Rucksack packen, Safari-Hut auf, ein kleines Vermögen für die Studiengebühren zusammenkratzen - und ab in den Busch.

Die Studenten leben einen Traum

Die Studenten am Mweka College leben genau diesen Traum. Drei Jahre, sechs Semester, dauert der Bachelorstudiengang, der die Absolventen unter anderem dazu befähigt, als Ranger in den Nationalparks Afrikas Tiere, Pflanzen und Boden vor dem Raubbau der Menschen zu bewahren und - im Idealfall - die Besucher für den Schutz von Natur und Umwelt zu begeistern.

In den vergangenen Jahren hat die Bedeutung von Naturschutz in den Ländern Ostafrikas deutlich zugenommen. Auch hier spüren die Bewohner die Folgen des Klimawandels immer deutlicher: Lange Dürrezeiten und sintflutartige Regenfälle machen den Bauern Sorgen. Durch Wilderei sind zahlreiche Tierarten vom Aussterben bedroht. In Naturschutzgebieten werden Minen für Uran und seltene Erden erschlossen. Staudämme und Wasserkraftwerke, wie sie derzeit in Tansania gebaut werden, sollen die Bevölkerung mit elektrischem Strom versorgen.

Junge Menschen, die sich in diesem Konflikt auf die Seite der Natur schlagen und sich für ihren Schutz einsetzen, werden dringend gebraucht.

Seit der Gründung 1963, kurz nach der Unabhängigkeit Tansanias von den britischen Kolonialherren, haben rund 5000 junge Menschen aus mehr als 50 Ländern der Erde die Ranger-Ausbildung in Mweka abgeschlossen. Aktuell lernen hier 300, je 50 pro Semester. Ginge es nach den Bewerberzahlen, könnten es deutlich mehr sein - obwohl das Bachelorstudium mit Gebühren von rund 2500 US-Dollar für Studenten aus Ostafrika nicht gerade ein Schnäppchen ist. Wer von außerhalb kommt, zahlt mehr als das Doppelte.

Ein Impala im Büro

"Unsere Ausbildung ist einzigartig - aber deshalb leider auch mit hohen Kosten verbunden", sagt Jafari Kidegesho und hebt entschuldigend die Hände. "Allein die Eintrittsgebühren für die Nationalparks, in denen wir unsere Seminare abhalten", sagt er und seufzt. Andererseits zahle sich der Einsatz aus: Wer als Ranger arbeiten wolle, finde meist innerhalb weniger Wochen nach Studienabschluss eine Anstellung. Kidegesho, der nicht nur durch sein gütiges Lächeln ein bisschen an eine Buddha-Figur erinnert, ist Direktor des Colleges.

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Fotostrecke: Studium am Fuß des Kilimandscharo

Er teilt sein Büro mit einem imposanten, ausgestopften Impala. "Haben unsere Schüler erlegt und präpariert", sagt Kidegesho und klappst seine Hand auf den leicht angestaubten Hals des Tieres. Alle Wände des Raumes sind voll gehängt mit fotografischen Zeugnissen der Mweka-Studenten: Junge Männer und Frauen in grünen Overalls posieren vor dem Kilimandscharo, stehen auf der Ladefläche eines Lastwagens im Dschungel oder hocken unter einem improvisierten Dach aus Bananenblättern.

"Es macht einen Unterschied, ob Studierende mit eigenen Augen sehen, dass Impalas in Gruppen zusammenleben - rund 20 Weibchen und ein Männchen -, oder dasselbe Wissen aus einem Buch zu lernen", erklärt Hamadi Dulle. Der stellvertretende Rektor hat auf dem Ledersofa neben seinem Chef Platz genommen. Dulle hat jahrelang an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main geforscht. In Mweka unterrichtet er Zoologie.

Die Exkursionen "in the field", die Dulle oft leitet, dienten dazu, den Studierenden die Natur näherzubringen. "Sie sollen Pflanzen und Tiere lieben lernen", sagt Dulle. "Dann werden sie sie auch beschützen." Magische Momente wie die, die sein Schüler Brighton in der Serengeti erlebte, machten junge Menschen zu guten Wildlife Managern, glaubt der Professor.

Die Interessen von Mensch und Natur stehen sich oft im Weg

Im Gegensatz zu seinem Chef Kidegesho ist es in Dulles Büro eine echte Herausforderung, einen Sitzplatz zu finden. Dabei ist der Raum nicht einmal besonders klein. Nur stapeln sich neben seinem Schreibtisch 410 Vogelhäuschen. "Schick, oder?", fragt er. Dulle hat die Häuschen entworfen, in den nächsten Wochen möchte er sie an Bäumen und Häusern in der Umgebung anbringen - auch das ein Praxisprojekt, bei dem die Studierenden mithelfen. Es soll ihnen zeigen, wie oft sich die Interessen von Mensch und Natur im Weg stehen.

Dulle möchte seinen Schülern vermitteln, wie sie diese Konflikte lösen können. Weil Bauern in der Region um das College immer mehr Bäume roden, um auf dem Grund Getreide und Mais anzubauen, verlören viele heimische Vögel ihre Nistplätze. "Mit unserem Projekt wollen wir die Menschen überzeugen, dass die Vögel trotzdem nicht verschwinden dürfen", sagt Dulle.

Auch Brighton wird dabei sein. Während Dulle in seinem Büro die Nistkästen präsentiert, hockt der schmächtige junge Mann an einem Einzeltisch im Hörsaal nebenan. Der Raum sieht aus wie eine Mischung aus Opas Wohnzimmer, Naturkundemuseum und modernem Lernsalon. Geweihe reihen sich zu Hunderten an den Wänden, es sind die Schädel aller Antilopenarten, die in Tansania vorkommen.

"Wir müssen uns alle Details genau einprägen", sagt Brighton. "Sonst erkennen wir sie in der Wildnis nicht." Zwischen all den afrikanischen Huftieren glotzt auch ein Elch durch seine Glasaugen in den Raum. Schließlich sollen die Absolventen von Mweka nicht nur in Südafrika oder Simbabwe, sondern auch in Nationalparks in Schweden, den USA oder Kanada arbeiten können. Deshalb steht auch eine Vorlesung zu nicht afrikanischen Wildtieren auf dem Stundenplan.

Immer weniger der Absolventen wollen Ranger werden

Trotz aller Safari-Romantik - immer weniger der Mweka-Absolventen wollen tatsächlich Ranger werden. Das Geld der Touristen lässt sich im Urlaubsparadies Tansania mittlerweile einfacher verdienen. Und sicherer.

"Wildlife Manager ist ein harter Job", sagt Direktor Kidegesho. "Den Großteil der Arbeitszeit verbringen Ranger im Busch, häufig allein. Und dort riskieren sie ihr Leben." Die Versuchung sei groß, in gefährlichen Situationen einfach davonzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. "Nicht wenige schmeißen nach wenigen Wochen hin, weil sie Angst haben", sagt Kidegesho.

Dabei sind es in erster Linie nicht die Löwen, Geparde oder Flusspferde, die eine Gefahr für Wildhüter darstellen. Schlimmer sind, wie so oft, andere Menschen. "Wilderer gehen immer skrupelloser vor - und greifen häufig auch Ranger an, wenn sie erwischt werden", sagt Kidegesho. Weil auf Wilderei in Tansania und den Nachbarländern hohe Gefängnisstrafen stehen, erscheint es manchem illegalen Jäger als das kleinere Übel, einen Wildhüter zu überwältigen und zu fliehen, als sich zu ergeben.

Natürlich bereite das College die Studenten auf diese Situationen vor, mit Nahkampftraining und einer Schießausbildung, sagt Kidegesho. "Doch es bleibt ein gefährlicher Beruf." Kein Wunder, dass viele Absolventen lieber einen Bogen um die Arbeit im Busch machen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.

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Patricia hat sich ebenfalls so entschieden. Dabei liebt die 23-Jährige die Steppe, den Dschungel, die Berge. "Wahnsinnig schön", sagt sie, wenn sie sich an die Exkursionen erinnert. Die Entscheidung, nach Mweka zu gehen, bezeichnet sie als die beste ihres Lebens.

Patricia studiert im dritten Jahr, wird bald ihren Abschluss als Wildlife Managerin in der Tasche haben. Ihre Noten sind hervorragend. "Im Military Training war ich die beste von allen Frauen", sagt sie stolz. Auch das Schießen, vor dem sie sich vorher ein wenig gefürchtet hatte, machte Spaß. Trotzdem möchte sie lieber nicht als Rangerin arbeiten - sondern als Managerin einer großen Agentur Safaris organisieren. "Es ist einfach sicherer", sagt sie.

Das Wissen über Natur und Tiere weitergeben - per Youtube

Brighton hat lange Zeit mit einer Zukunft als Ranger geliebäugelt, in seiner Jugend sezierte und konservierte er Tiere, es war sein Hobby. "Einige habe ich auch hier in meinem Wohnheimzimmer", erzählt er. Keine Antilopen natürlich, aber beispielsweise ein Chamäleon. Doch auch er verfolgt aktuell andere Pläne.

Er möchte das, was er über Natur, Tiere und das Überleben in der Wildnis gelernt hat, an andere weitergeben. Allerdings nicht als Wildhüter oder Safari-Führer. Zusammen mit seinem Freund Jason hat er den YouTube-Kanal "Saviours of Wildlife" gegründet. Auf Swahili und Englisch erklären sie, wie man Schlangen fängt, wie Bienen Blüten bestäuben und diskutieren über den Einfluss von Entwicklungshilfe auf den Naturschutz. Auch Professor Dulle taucht in einem der Filme auf - er gibt Jason vor der Kamera Auskunft über die ökologische Bedeutung von Mistkäfern.

"Ich träume davon, dass unsere Filme in Schulen gezeigt werden", sagt Brighton. "So könnten alle Kinder lernen, wie faszinierend und schützenswert Natur und Tiere sind." Im Grunde, erklärt der junge Mann feierlich, sei das die wichtigste Erkenntnis, die er im Studium gewonnen habe.



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Seite 1
Flying Rain 03.06.2018
1. Hm
Hm damit bleibt wohl das Problem bestehen dass es an Leuten fehlt die aktiv an der Spitze als Ranger arbeiten wollen und das ganze dann wohl eher als Touristikstudium mit Abenteuerkomponente sehen da etwa Wilderer sich leider nicht durch Lehrvideos auf Youtube von ihrem Werk abhalten lassen... aber sicher ne interessante Sache die einem eine Menge mitgibt.
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