Widerstand gegen Erdogan Kampfzone Campus

Der türkische Präsident Erdogan will nach Justiz und Medien auch die Hochschulen unterjochen. Unter den Studenten im Land formiert sich Widerstand.

Am 1. Mai marschierten Demonstranten wieder durch Istanbul
AFP

Am 1. Mai marschierten Demonstranten wieder durch Istanbul

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Aufgeben? Schweigen? Tilbe A. schüttelt den Kopf. "Niemals!", sagt sie. "Unser Kampf hat gerade erst begonnen." A., 23, läuft über den Campus der Bosporus-Universität in Istanbul. Im Gras liegen Studenten, lesen, spielen Frisbee. Alles scheint so friedlich und fröhlich zu sein, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen.

Die Bosporus-Universität gilt als die beste Hochschule der Türkei. Sie wurde 1863 gegründet. Die ehemalige türkische Ministerpräsidentin Tansu Çiller und der Regisseur Nuri Bilge Ceylan haben hier studiert. Nun ist die Bosporus-Universität Schauplatz einer politischen Auseinandersetzung, die nicht nur die Bildung in der Türkei definiert - sondern die Zukunft des gesamten Landes.

Präsident Recep Tayyip Erdogan ist dabei, sein Land in eine Autokratie umzubauen. Er hat seit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 mehr als 100.000 Staatsbeamte vom Dienst suspendieren lassen, fast 50.000 Menschen wurden als vermeintliche Verschwörer verhaftet. Das World Justice Project, eine amerikanische NGO, listet die Türkei in einem internationalen Rechtsstaatsindex auf Platz 99, hinter Iran und Burma.

Am 16. April stimmten die Wähler in der Türkei mit knapper Mehrheit für eine Verfassungsänderung, die fast alle Macht im Staat bei Erdogan bündelt. Er kann in dem neuen Präsidialsystem Gesetze per Dekret erlassen und das Parlament nach Belieben auflösen. Er ernennt Minister und zwölf von 15 Verfassungsrichtern. Das Amt des Premierministers wird abgeschafft.

An der Bosporus-Universität herrschen Misstrauen und Angst

Von Erdogans Despotismus sind sämtliche Institutionen betroffen - Justiz, Medien und zunehmend auch die Schulen und Universitäten.

Tilbe A. trägt langes braunes Haar, Jeans, Turnschuhe. Sie studiert Literaturwissenschaft im achten Semester. Die Stimmung auf dem Campus habe sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert, erzählt sie. Die Bosporus-Universität sei einst ein Ort der Gedankenfreiheit gewesen. Nun herrschten Misstrauen und Angst.

"Es geht nicht nur um mich, es geht um die Zukunft der Demokratie"
EMIN ÖZMEN

"Es geht nicht nur um mich, es geht um die Zukunft der Demokratie"

A. engagiert sich in einem marxistischen Studentenklub. Sie hat vor dem Referendum am 16. April unter ihren Kommilitonen für ein Nein zu Erdogans Präsidialsystem geworben. Sie hat Flugblätter verteilt und Plakate an Wände geklebt. Die Uni-Leitung hat daraufhin ein Verfahren gegen sie eröffnet.

Auf einer Studentenkonferenz zum Thema Meinungsfreiheit sollte der frühere Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung "Cumhuriyet", Can Dündar, über Skype aus Berlin zugeschaltet werden - sie wurde verboten. Politiker der Regierungspartei AKP behaupten, die Bosporus-Universität unterstütze Terroristen. Immer häufiger lehnen Professoren es ab, im Unterricht kritische Themen anzusprechen. "Vor fünf Jahren noch", sagt A., "wäre das undenkbar gewesen."

Die Repressionen werden jedes Jahr schlimmer

A. war 2012 für das Studium aus Ankara nach Istanbul gezogen. Kurz darauf brachen im Gezi-Park die bislang größten Proteste gegen die Regierung Erdogan aus. Hunderttausende Menschen, Schüler, Studenten, Rentner, Linke, Ultras, Muslime, forderten mehr Freiheit und Demokratie. A. übernachtete mehrere Wochen lang in dem Park. Sie protestierte, sie feierte. "Es war ein großer Traum", erzählt sie.

Erdogan aber ließ die Demonstration von der Polizei niederschlagen. Und seither, sagt A., seien die Repressionen mit jedem Jahr schlimmer geworden.

Für Erdogan ist inzwischen jeder, der nicht seiner Meinung ist, ein Terrorist. Zehntausende Lehrer und Professoren haben seit dem Putschversuch ihren Job verloren, darunter vor allem jene, die Anfang 2016 eine Petition für Frieden in den Kurdengebieten unterzeichnet haben. Manche Hochschulen wurden gänzlich geschlossen. Beobachter sprechen von einem "intellektuellen Massaker".

"Ihr, die sogenannten Intellektuellen", höhnt Erdogan, "ihr seid die Dunkelheit selbst, keine Intellektuellen."

Ein Regierungsdekret räumt dem Präsidenten seit Oktober das letzte Wort bei der Besetzung der Uni-Leitung ein. Erdogan allein entscheidet, wer an einer türkischen Hochschule, ob staatlich oder privat, das Sagen hat. Die Rektorin der Bosporus-Universität, die von 87 Prozent der Uni-Mitarbeiter wiedergewählt wurde, wurde gerade erst durch einen Funktionär ersetzt, der der Regierungspartei AKP nahesteht.

Erdogan will die Gesellschaft umbauen

Erdogan geht es bei seinem Feldzug gegen die Wissenschaft nicht nur darum, kritische Stimmen zu unterdrücken. Er will die Gesellschaft umbauen. "Das säkulare Bildungswesen soll abgeschafft werden", kritisiert der türkische Sozialanthropologe Aykan Erdemir. Der türkische Bildungsminister räumt freimütig ein, "eine neue Generation" erziehen zu wollen, die den Islam notfalls auf der Straße verteidigt.

Die Bosporus-Universität gilt als die beste Universität des Landes, aber die Idylle trügt.
EMIN ÖZMEN

Die Bosporus-Universität gilt als die beste Universität des Landes, aber die Idylle trügt.

A. will sich damit nicht abfinden. Sie hält Vorträge an verschiedenen Universitäten, organisiert Demonstrationen. Die Studentin stammt aus einer religiös-konservativen Familie. Ihr Vater bezeichnet sich als Islamist, ihre Mutter unterstützt die rechtsextreme MHP. A. musste sich ihre Freiheit erkämpfen. Sie will sie nun nicht so einfach verlieren.

Politisches Engagement ist in der Türkei gefährlich geworden. An vielen Universitäten dominieren Nationalisten und Islamisten inzwischen den Diskurs und schüchtern ihre Gegner ein. A. wurde mehrmals von Extremisten attackiert. Die Regierung geht konsequent gegen Studenten vor, die Erdogan kritisieren. A. wurde dreimal vorübergehend festgenommen. Auf der Polizeistation beschimpfte man sie und verbot ihr, die Toilette zu benutzen. Trotzdem lässt sie sich nicht einschüchtern: "Es geht nicht nur um mich", sagt sie. "Es geht um die Zukunft der Demokratie in der Türkei."

Viele junge Menschen denken wie sie. In keiner anderen Altersgruppe schnitt Erdogan bei dem Referendum so schlecht ab wie bei den Erstwählern. Und unter Akademikern betrug die Zustimmung zum Präsidialsystem laut einer Umfrage gerade einmal 30 Prozent. Im ganzen Land schließen sich Studenten zusammen, um gegen die Unterjochung der Wissenschaft durch den Staat zu protestieren. Sie besetzen Hörsäle, veranstalten Seminare auf der Straße und in Parks.

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Jurastudentin Nisan A., 22, wuchs wie so viele Türken in ihrem Alter in dem Glauben auf, dass politisches Engagement gefährlich ist. Ihren Vater steckte das türkische Militärregime in den Achtzigerjahren ins Gefängnis. Ihre Mutter, Mitglied der prokurdischen Partei HDP, war immer wieder Repressionen ausgesetzt. A. hielt sich von der Politik fern. Ihre Haltung änderte sich mit den Protesten im Istanbuler Gezi-Park. "Meine Generation wurde durch Gezi politisiert", sagt sie. "Wir haben erkannt, dass wir eine Stimme haben."

Diese Stimme wollen Studentinnen wie Nisan A. oder Tilbe A. nun einsetzen. Nisan A. half gemeinsam mit ihrer feministischen Organisation "Yeryüzü Kadinlar" (Deutsch: Frauen der Welt) bei einer Veranstaltung, die zum Weltfrauentag am 8. März Tausende Menschen auf die Straßen Istanbuls lockte. Die Demonstranten lachten, tanzten. Sie legten ein eindrucksvolles Zeugnis davon ab, dass die türkische Zivilgesellschaft lebt.

"Europa nimmt von der Türkei nur noch Erdogan wahr", sagt Nisan A. "Aber auch wir sind Teil dieses Landes. Feministinnen, Sozialisten, Homosexuelle, Atheisten, Aleviten, Armenier, Kurden. Wir sind die anderen 50 Prozent."

insgesamt 39 Beiträge
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verbal_akrobat 17.07.2017
1. Thema ist durch
Die Grundfrage nach Demokratie, hat sich bereits erledigt, vor 6Monaten cirka ein Artikel in Spon, "wir sind dabei die Türkei zu verlieren"- verfasst von einem Landsmann, nun, ES IST GESCHEHEN...........
marty_gi 17.07.2017
2. keine Lust
Ich habe so sehr keine Lust mehr auf diese aengstlichen schwachen Maenner, die sich von der Weiterentwicklung der Menschheit bedroht fuehlen und deshalb einen auf harten Kerl machen....
stephan.huber1 17.07.2017
3. Obsolete Universitäten
Die Türkei braucht in absehbarer Zeit keine Schulen und Universitäten mehr. Die Imame zeigen der Jugend das Landes in den Medressen alles, was sie wissen müssen.
senapis 17.07.2017
4. Nazi-Vorwürfe für Opposition?
Auf denPunkt gebracht, kann ich nur konstatieren, die wirklichen Nazis sind die Mannen von R.T.Erdogan. Alles was er tut, alle neuen Gesetze, wecken Erinnerungen an Deutschland nach 1933.
wrkffm 17.07.2017
5. Ganz einfach !
Jeder der in der Öffentlichkeit irgendwie, irgendwas, gegen die Regierung ( Erdogan) plakatiert, oder mündlich kund tut, unterstützt Terroristen. So mit ist er ein Staatsfeind und gehört weggesperrt. Das ist jetzt so, in der Türkei 2017. Und wird demnächst dann noch die Todesstrafe wieder eingeführt, werden Tausende Köpfe rollen. Wünsche allen unverbesserlichen Europäern noch einen schönen Urlaub an der Türkischen Riviera.
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