Studenten nachts in Wuppertal "Ein bisschen wie in Berlin"

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? André Boße ist dort unterwegs, wo nicht nur die Gäste schwitzen, sondern auch der Laden - und pflegt seine Seele mit Gyros und Ouzo. Eines Nachts in: Wuppertal.

UNI SPIEGEL / Maurice Kohl

18.00 Uhr: Ankunft am Wuppertaler Hauptbahnhof. Mich empfängt: eine Großbaustelle. Bretter, Schilder, Umleitungen - und überall Baustaub. Neu gebaut wird auch die B7, die sich mit der Eleganz eines Rasenmähers direkt vor dem Bahnhof durch das Tal der Wupper fräst. Die Straße soll noch mehr Spuren bekommen. Eine prima Idee, um diesen eh schon verhunzten Teil Wuppertals noch ungemütlicher zu machen.

18.15 Uhr: Mit jedem Schritt, den ich mich vom Hauptbahnhof entferne, wird die Stadt schöner. Die Historische Stadthalle erweist sich als wahrer Prachtbau - hundertmal eindrucksvoller als die üblichen Mehrzweckhallen dieser Republik. Auf dem Weg ins Luisenviertel, der inoffiziellen Altstadt Wuppertals, überquere ich die Wupper. Auch schön.

Vom Wetter allerdings bin ich enttäuscht: Es ist trocken. Tom Tykwer nannte Wuppertal mal das deutsche San Francisco, wegen der vielen Berge in der Stadt. Blöd nur, dass an diesen Bergen gern Wolken hängen bleiben - und ordentlich abregnen.

18.30 Uhr: Ich treffe meinen Kumpel Micha, einen Ur-Wuppertaler, der hier in einem alten Hinterhofhäuschen lebt. Sehr idyllisch, fast wie im Märchen. "Das finden auch Touristen, die in den Hinterhof kommen und gaffen", erzählt Micha.

Moment mal, Touristen in Wuppertal? "Doch, wirklich", beteuert Micha. Und setzt noch einen drauf. Noch schlimmer seien nämlich die nächtlichen Gäste, die hier pinkeln oder knutschen. Mindestens. "Unappetitlich", sagt Micha. Trotzdem: erst mal essen.

19.00 Uhr: Zu Fuß durchqueren wir das Zentrum von Elberfeld, einer der zwei Großstädte, die man Ende der Zwanzigerjahre zusammenklatschte und Wuppertal taufte. Die andere heißt Barmen - und so recht finden die Elberfelder und Barmer nicht zusammen. "Ist ein bisschen wie in Berlin", sagt Micha. "Man weiß voneinander, aber kommt sich selten in die Quere."

Als Motto gibt das Workeat, wo wir Platz nehmen, "Fitness- und Healthfood" aus. Die meisten Gäste bestellen trotzdem Fritten und Burger, die übrigens hervorragend schmecken. Smoothies und cool komponierte Limos geben Frische für das, was der Abend noch bringt.

20.30 Uhr: "Sollen wir die Tour mit dem Fahrrad machen?", hatte Micha im Vorfeld gefragt. "Warum nicht?", hatte ich leichtfertig geantwortet. Zu leichtfertig. Die Fahrt zum Platz der Republik ist nicht einmal einen Kilometer lang. Doch die Straße führt auf den 200 Meter hohen Engelnberg, die Steigung ist kurz, aber beachtlich.

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Nachts in Wuppertal: Fritten und Burger als Grundlage

Micha hat für mich ein leichtes Crossrad aus seinem Häuschen gekramt, acht Gänge. Er selbst fährt Rennrad. Und es gesellt sich noch ein weiteres Rennrad zu uns. Im Sattel sitzt Sophie, eine Freundin Michas. Mühelos strampeln die beiden die Steigung hinauf. Der Gast hat seine liebe Mühe. Und dann will Sophie auch noch reden! Die Antwort ist ein erbärmliches Keuchen: "Gleich."

Oben wartet die exzellente Eisdiele Creme Eis, wo die Bedienung keine genormten Kugeln verkauft, sondern so viel Eis wie möglich in die Waffel presst. Super Sache.

21.15 Uhr: Wir rollen die Nordbahntrasse entlang, eine alte Eisenbahnstrecke, die zu einem Radweg umgebaut wurde. 23 Kilometer zieht sich die Trasse durch die Stadt; endlich sind Barmen und Elberfeld nicht nur über Autobahnen und - natürlich - die Schwebebahn verbunden.

Unser Ziel ist der alte Mirker Bahnhof, bis 2011 eine Ruine. Dann zogen die Utopisten ein: Seitdem heißt die ehemalige Bruchbude Utopiastadt und ist ein Coworking-Space für die Kreativszene, dazu Kneipe und Theater. Draußen sitzt man an Tischen oder auf Paletten, drinnen fließt das Hausbier Bärtig Bräu.

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"Hier sieht man, was sich in Wuppertal ändert", sagt Sophie, und sie klingt ein bisschen stolz. Die Stadt ist arm, kann sich nicht viel leisten, schon gar nicht kulturell. "Also machen die Leute das selbst", sagt sie. "Früher", ergänzt Micha, "sind viele weggezogen. Heute bleiben sie und versuchen, etwas aufzubauen."

Beide finden: Man lernt Wuppertal zu schätzen, wenn man sich darauf einlässt. Die Hassliebe, die viele für ihre Stadt empfanden, hat sich umgedreht: Nun kommt die Liebe zuerst.

"Viel Spaß beim Versacken"

Unsere Runde wird größer. Björn ist Schlagzeuger und trifft sich an diesem Abend mit Annette, die an der Uni Wuppertal Musikdidaktik lehrt. Die beiden möchten die Studenten, die auf dem abgelegenen Campus Grifflenberg studieren und häufig unter sich bleiben, in das aufblühende kulturelle Leben hineinziehen. Die Stimmung in Utopiastadt ist grenzenlos optimistisch.

23.30 Uhr: Nach drei, vier Bärtig-Bieren geht es bergab, zurück ins Luisenviertel. Im Craft Beer Kiosk treffen wir junge Paare, die gemeinsam Bier einkaufen - so wie sie sich früher gemeinsam Filme ausgeliehen haben. Ein paar Meter weiter reihen sich die Kneipen und Bars aneinander. "Viel Spaß beim Versacken", sagt Sophie und macht den Abflug.

In der Viertelbar ist am meisten los, vorne wird getrunken, hinten getanzt. Als vor einiger Zeit rückseitig neue Mieter einzogen und gegen den Lärm vorgehen wollten, formierte sich eine Protestbewegung mit dem schönen Namen "Nachbarn für Nachtbars". Mit Erfolg.

0.30 Uhr: Knapp 9000 Meter tief im Köhlerliesel / Ist, wo ich mich noch am ehesten hingehörend fühle / Ich lass mich treiben durchs Luisenviertel / Wie durch Wüstenstürme.

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Nachts in Wuppertal: Fritten und Burger als Grundlage

So rappt Prezident, Wuppertals derzeit bekanntester Hip-Hopper. Zum Köhlerliesel ist ein Traditionsladen, der nach einem Umbau nun die junge Generation anspricht. Funktioniert. Der Laden ist proppenvoll, wir machen es uns gemütlich.

2.45 Uhr: Wir ziehen weiter ins Beatz und Kekse, früher ein Electro-Plattenladen mit Café, daher der Name, jetzt eine Bar im Stil der Sechziger und Siebziger. An den Wochenenden wird gefeiert: Funk, Soul, Indie. Die Leute schwitzen, der Laden auch.

Micha kommt oft her, er organisiert regelmäßig Veranstaltungen hier: die "Fangesänge", Coverkonzerte zwischen Lagerfeuer und Gelage, und den "Dödel-Trödel", einen Flohmarkt mit Jungssachen. "Man kann hier seinen Kram machen", sagt er. "Ich kenne nicht viele Städte, in denen das so leicht möglich ist."

3.55 Uhr: In der Taverne Dio's brennt noch Licht. Wenn sonst nichts mehr geht: Platz für eine Pita ist immer. An den Tischen sitzen Nachtphilosophen und Partywracks. Fitness- und Healthfood steht hier zwar nicht auf der Karte. Aber für die Seele gibt es ohnehin nichts Besseres als Gyros und Ouzo nachts um vier.



insgesamt 4 Beiträge
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Nobody X 11.12.2016
1. Ach herrje - ausgerechnet ein Beitrag über Wuppertal
In den 70er Jahren habe ich in Wuppertal studiert - viele Studentenkneipen, etliche Diskotheken - ja, man könnte sagen: in Wuppertal "war was los". Kürzlich waren wir zufällig an einem Samstagabend in Wuppertal - ab 20Uhr haben wir in der Innenstadt praktisch keinen Menschen mehr auf der Straße gesehen - Diskotheken, die diesen Namen wirklich verdienen, Fehlanzeige. Wir hatten den Eindruck, dass Wuppertal im Vergleich zu früher schlicht und ergreifend tot ist.
chico11mbit 11.12.2016
2. @Nobody X: Sichtweise falsch
Sie machen gleichen den Fehler, den viele machen, die eine Großstadt besuchen. Sie sind schlichtweg an den falschen Plätzen gewesen um hier eine Beurteilung abgeben zu können, tu es aber leider trotzdem. Seit den 70ern hat sich die Ausgehszene in Elberfeld, und um das geht es hier, wie in fast jeder Stadt geografisch verschoben. Wo früher "was los" war, herrscht jetzt Tristesse und 1Euro Läden. Auf der "Gathe" war in den 70er-80er Jahren das Ausgehzentrum von Elberfeld. Nun ist es in der Luisenstraße und rundum, auch der Ölberg direkt darüber hat hervorragende Lokalitäten dazugewonnen. Zum Beispiel eine der bekanntesten Scotch Whisky-Kneipen Deutschlands, das Domhan. Aber wer nach 40 Jahren das erste Mal wieder eine Stadt besucht und an den Flecken sucht, die er von früher kannte, der hat einiges falsch gemacht und sich gar nicht mit dem Wandel einer Stadt beschäftigt. Sehr Schade, diese Einstellung. Und noch viel ärgerlicher für den geneigten Leser hier ist es wohl, wenn dieses Pauschalurteil auch noch den Weg in die Öffentlichkeit findet.
manfredm-1 12.12.2016
3. Wenn ein Wuppertaler richtig ausgehen will,
dann fährt der nach Bochum ins Bermuda-Dreieck!
spam68 14.12.2016
4. ...
Bermuda-Zustand klappt in W auch sehr gut. Du trinkst evtl. nicht die richtigen Drinks. ;-)
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