AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Zeitgeschichte Adenauers heimliche Pläne für eine eigene Atombombe

Kanzler Adenauer hatte 1954 offiziell auf deutsche Atomwaffen verzichtet. Doch insgeheim hielt er die Option offen - und vergiftete damit das Verhältnis zu US-Präsident Kennedy.

Staatsmänner Adenauer, Kennedy 1962 (im Weißen Haus in Washington): Warnung vor "nuklearen Experimenten"
Schulmann-Sachs/ DPA

Staatsmänner Adenauer, Kennedy 1962 (im Weißen Haus in Washington): Warnung vor "nuklearen Experimenten"


Der Amerikaner schlug nach dem Besuch in Bonn Alarm. Zweimal hatte er am 10. Mai 1961 mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) gesprochen, erst auf der Bonner Hardthöhe und dann bei einem Dinner in der US-Botschaft. Anschließend schrieb der Regierungsberater eine Warnung an das Weiße Haus. Strauß trinke viel und sei "aufbrausend". Ihm sei zuzutrauen, sich in einer internationalen Krise die US-Atomsprengköpfe in der Bundesrepublik "einfach zu nehmen". Die amerikanische Administration solle daher die Sicherheitsmaßnahmen verschärfen, sodass ein deutscher Zugriff "physisch unmöglich" sei.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Wohl nie stand ein deutsches Regierungsmitglied vorher oder nachher im Verdacht, die Atomwaffen der Verbündeten kapern zu wollen. Mehr Misstrauen geht nicht.

Der Vorgang ist symptomatisch für das zerrüttete Verhältnis zwischen den Regierungen des jungen, charismatischen US-Präsidenten John F. Kennedy und des über 40 Jahre älteren Kanzlers Konrad Adenauer (CDU), zu dessen Ministern Strauß zählte.

Schon den Zeitgenossen blieb nicht verborgen, dass der Liberale von der amerikanischen Ostküste und der konservative Rheinländer einander geringschätzten. Doch das Ausmaß des Zerwürfnisses in den gemeinsamen Regierungsjahren wird erst deutlich, seitdem interne Dokumente freigegeben werden.

Nun hat der US-Historiker William Burr von der privaten Organisation National Security Archive in Washington eine neue Tranche ehemals als "secret" oder sogar "topsecret" eingestufter Papiere ins Netz gestellt. Sie belegen die Befürchtung der Amerikaner, die Deutschen würden nach der Bombe streben - und Kennedys Reaktion darauf.

Mehrfach beauftragte der Präsident persönlich seine Diplomaten und den Geheimdienst CIA, das Treiben des Verbündeten in Bonn auszuforschen. Er bekam beunruhigende Nachrichten auf den Schreibtisch. Im November 1961 etwa, als Adenauer zu einem Besuch in den Vereinigten Staaten weilte, berichteten US-Spione, Verteidigungsminister Strauß, aber auch Außenminister Gerhard Schröder (CDU) und eine Gruppe führender FDP-Politiker strebten nach der Bombe.

Strauß wolle diese gemeinsam mit den Franzosen bauen, Schröder die Waffe lieber in der Bundesrepublik entwickeln, weil nur eine deutsche Nuklearwaffe die Sowjets glaubwürdig abschrecke.

Nach CIA-Angaben träumte der Bonner Außenminister sogar von einem Deal mit Moskau, der Erinnerungen an den Hitler-Stalin-Pakt weckt: Die Sowjets sollten die DDR freigeben, und im Gegenzug sollte ein nukleares Deutschland den "Status quo in Osteuropa garantieren", also dazu beitragen, dass Polen und seine Nachbarn unter der Kontrolle Moskaus blieben.

Als Kennedy dann Adenauer empfing, warnte er den machtbewussten Kanzler. Sollte dieser mit "nuklearen Experimenten" beginnen, würde das die Gefahr eines Krieges "drastisch erhöhen".

Und dem britischen Verteidigungsminister vertraute Kennedy auf einem gemeinsamen Flug nach Cape Canaveral in Florida an, sollten die Deutschen tatsächlich eine Bombe bauen, würde er wohl die amerikanischen Truppen aus Europa abziehen.

Heute käme es politischem Selbstmord gleich, verlangte ein Berliner Politiker Atomwaffen. In der Gründerzeit der Bundesrepublik hingegen hatten die Deutschen keine Skrupel.

Die Angst vor den Russen, das Streben nach Gleichberechtigung und Eitelkeit kamen zusammen. Es sei "unvereinbar" mit seinem Selbstbewusstsein, klagte etwa Strauß, wenn er im Kreise der Verbündeten als Vertreter einer Nichtnuklearmacht eine "mindere Rolle" spiele. Auch Adenauer fand es "unerträglich", dass nur die Supermächte USA und Sowjetunion über Atombomben verfügten und "damit das Schicksal aller Völker dieser Erde in der Hand haben".

Zwar verpflichtete sich der Kanzler 1954 offiziell, auf die Herstellung von ABC-Waffen in der Bundesrepublik zu verzichten. Doch immer wieder erzählte er herum, dass der damalige US-Außenminister John Foster Dulles zu ihm gekommen sei und gefragt habe, ob diese Verpflichtung "rebus sic stantibus" gelte, also nur wenn die politische Lage sich nicht ändere. Er habe das bejaht. Mit anderen Worten: Der Verzicht war keineswegs endgültig.

Im Gegensatz zu Kennedy störte sich dessen Vorgänger Dwight D. Eisenhower, US-Oberbefehlshaber im Zweiten Weltkrieg, nicht besonders am nuklearen Gebaren der einstigen Feinde. Er hielt es für unvermeidbar, dass die Deutschen und andere Verbündete die Bombe bauten, es sollte nur im Rahmen der Nato erfolgen. Auf einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates im Juli 1959 gab Eisenhower sogar zu bedenken, ob man Bonn nicht besser helfe, indem man die entsprechenden Informationen weitergebe. Dann könnten die Westdeutschen "selbst nukleare Fähigkeiten für sich entwickeln".

Die Wertschätzung ließ nach. Adenauer sei "ein verbitterter alter Mann", schimpfte Kennedy.

Die Begeisterung Bonns für die Kernenergie war damals groß. Es ist umstritten, ob die Bundesregierung hinter der Fassade eines rein zivilen Atomprogramms auch gezielt eine militärische Option schuf, wie etwa der Historiker Tilmann Hanel glaubt - oder sich diese ergab, weil es für die Trennung von ziviler und militärischer Nutzung der Kernenergie keine eindeutige Lösung gibt, wie beispielsweise der Wissenschaftler Stephan Geier argumentiert.

Nach Hanels Angaben lagerte Ende der Siebzigerjahre genug waffenfähiges Plutonium in der Bundesrepublik, um bis zu 30 Atomwaffen zu bauen.

Kennedy war jedenfalls entschlossen, den kleinen Verbündeten vom Rhein einzufangen. Er fand es "nicht wünschenswert", dass die Deutschen Atomwaffen besäßen oder auch nur über sie verfügten. Kennedy fürchtete einen Nuklearkrieg und wollte daher die Zahl der Atommächte klein halten. Und er suchte einen Ausgleich mit den Sowjets, denen es wiederum besonders wichtig war, dass die Deutschen keinen Finger an den Abzug bekamen.

Wie aus den neuen Dokumenten hervorgeht, standen die Verbündeten alle hinter dem US-Präsidenten. Keiner der Europäer wolle, dass Bonn Atomwaffen bekomme, berichtete etwa der britische Außenminister Alec Douglas-Home bei einem Treffen mit Kennedy 1962. Und Londons Premierminister Harold Macmillan ergänzte, Deutschland sei immer noch "gefährlich", wenn auch nicht wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Vermerk des Gesprächs mit den Briten ist schon lange zugänglich, bislang waren solche Sätze jedoch nicht freigegeben worden.

Kennedy glaubte auch, eine deutsche Bombe würde "die Nato in ihren Grundfesten erschüttern".

Dabei vermutete er zunächst, Adenauer stehe an seiner Seite. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt 1961 schrieb er nach London, er wolle den Kanzler darin stärken, innenpolitischen Forderungen nach dem Bau der Bombe standzuhalten.

Forschungsreaktor in Garching um 1960: Begeisterung für Kernenergie
Interfoto

Forschungsreaktor in Garching um 1960: Begeisterung für Kernenergie

Aber die Wertschätzung ließ nach. Kennedy sei "verärgert und misstrauisch" gegenüber den Deutschen, notierte ein britischer Minister nach einem Treffen mit dem Präsidenten.

Über Adenauer schimpfte der Mann im Weißen Haus nun, dieser sei ein "verbitterter alter Mann". Der Kanzler wiederum sah in dem jungen Präsidenten eine "Kreuzung von Marinekadett und Pfadfinder".

Wie sich jetzt nachlesen lässt, erreichten Kennedy immer neue beunruhigende Nachrichten, etwa über eine mögliche diskrete Zusammenarbeit zwischen Paris und Bonn bei der Gasdiffusionsanlage in Pierrelatte südlich von Lyon, die auch waffenfähiges Uran herstellen sollte. Oder über einen geheimen Annex zum deutsch-französischen Grundlagenvertrag, der eine nukleare Kooperation vorsehe.

Beides stimmte nicht, und doch war der Verdacht im Kern begründet. Anfang 1962 lockte Verteidigungsminister Strauß seinen französischen Kollegen mit einem "bizarren Vorschlag" (so der Historiker Oliver Bange). Sollte der Bayer Nachfolger Adenauers werden, wollte er die Bundesrepublik weg von der Nato hin zu einer engen Kooperation mit Frankreich führen. Um die Ernsthaftigkeit seiner Idee zu unterstreichen, offerierte er ein spezielles Kampfgas, das die I.G. Farben entwickelt hatte. Im Gegenzug sollten die Franzosen ihre Atomwaffen teilen.

Doch Strauß wurde nicht Kanzler, sondern musste nach der SPIEGEL-Affäre einige Monate später seinen Hut nehmen.

1963 hatte Kennedy schließlich genug von den deutschen Atomträumen. Intern erklärte er, es sei Zeit für eine "kalte, harte Haltung". Er wollte Moskau dazu bewegen, die Berlin-Krisen zu beenden, und das verlangte amerikanisches Entgegenkommen in einem wesentlichen Punkt: Die Bundesrepublik musste Nichtnuklearmacht bleiben. Von den Westdeutschen erwartete er, dass sie sich fügten.

Am Ende löste sich der Konflikt von selbst. Adenauer, inzwischen 87 Jahre alt, konnte sich dem Drängen seiner Parteifreunde und des Koalitionspartners FDP nicht mehr erwehren, die einen Wechsel im Kanzleramt forderten. Im Herbst 1963 räumte er das Palais Schaumburg.

Seinem Nachfolger Ludwig Erhard war Großmachtgehabe fremd und das Verhältnis zu den Amerikanern heilig. Der deutsche Flirt mit der Bombe hatte ein Ende.



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