AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Unterschätzte Wanzen Auf der Mauer, auf der Lauer

Wanzen gelten als widerliche Blutsauger und Plagegeister - zu Unrecht. Insektenforscher haben Erstaunliches über ihre Sex-Fähigkeiten herausgefunden.

Heimische Wanzenart: Grüne Stinkwanze
Carsten Morkel

Heimische Wanzenart: Grüne Stinkwanze

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Wer das Haus voller Wanzen hat, sollte den Kammerjäger rufen. Für Carsten Morkel gilt das nicht, denn von den Tausenden Exemplaren im Souterrain seines Hauses im ostwestfälischen Beverungen wird sich keines mehr rühren. Säuberlich aufgereiht, ruhen sie unter Glas in Insektenkästen.

Ums Haus herum allerdings werden im Frühling wieder quicklebendige Exemplare krabbeln, fressen, kopulieren. 70 Arten hat Morkel im Lauf der Jahre in seinem Garten entdeckt. Für den Biologen ist jede davon ein Grund zur Freude: Morkel ist Wanzenforscher.

Seit er als Siebenjähriger zu Ostern ein Käferbuch geschenkt bekam, interessiert er sich für Insekten; seit seiner Doktorarbeit lassen ihn die Wanzen nicht mehr los.

Ihre Welt, weiß Morkel, reicht weit hinaus über jene Blutsauger, die sich in Schlafzimmern einnisten, um nachts ihren Opfern den Saugrüssel in die Haut zu rammen und eine Flüssigkeit abzusondern, die die Bildung von Blutgerinnseln hemmt.

Wegen ihrer winzigen Nahrungsgänge können Wanzen nichts Festes zu sich nehmen; schon ein Klumpen aus Blutplättchen wäre für sie zu sperrig. Für Menschen bedeutet der Stich juckende Quaddeln - und oft langwierige Versuche, die Plagegeister loszuwerden.

Cimex lectularius, die Gemeine Bettwanze, ist nur eine der weltweit bekannten rund 40.000 Wanzenarten - und hat ihre Verwandtschaft in Verruf gebracht. Auch wegen des Gestanks, den sie verströmt. Dabei hätten alle Wanzen Duftdrüsen zur Abwehr von Feinden, sagt Morkel, "und manche Arten riechen richtig gut".

Wenn ab März in Wald und Flur die Larven zu ausgewachsenen Exemplaren heranreifen, wird Morkel wieder losziehen, bei Tag und bei Nacht, um mit Klopfschirm, Kescher oder einem seiner mit einem feinen Netz ausgerüsteten Laubsauger möglichst viele verschiedene Wanzen einzusammeln und zu bestimmen.

Wacholderbeerenwanze
Carsten Morkel

Wacholderbeerenwanze

Denn wo welche Wanze sitzt, sagt viel aus über den Zustand eines Ökosystems: Noch in der winzigsten ökologischen Nische gibt es meist einen ihrer Vertreter, der sich genau darauf spezialisiert hat.

So passt der platte Körper der Rindenwanze zwischen den Stamm und die Rinde von Bäumen, wo sie den Saft aus bestimmten Pilzen saugt. Die wiederum finden sich nur in sehr alten Bäumen oder in lange unberührtem Totholz. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee, wo Morkel seit Jahren das Wanzenvorkommen dokumentiert, konnte er so belegen, dass dort tatsächlich ein urwaldähnliches Ökosystem besteht. "Ein so alter Wald ist schon etwas Besonderes", sagt er.

Zur Ehrenrettung seines Forschungsgegenstands hält Freiberufler Morkel regelmäßig Vorträge - dann zeigt er Exemplare von bizarrer Schönheit, die er selbst im Kellerwald gefunden und fotografiert hat. Die Geringelte Mordwanze etwa, ein schwarzes Insekt mit knallrot gefleckten Beinen, die andere Insekten durch ihren Stich tötet und dann aussaugt; die Grüne Stinkwanze, deren Farbe temperaturgesteuert ist - im Herbst wird sie braun wie das Laub -, die Ameisen-Sichelwanze, die kleinere Insekten oder deren Eier aussaugt, oder die Wacholderbeerenwanze, die frisst, was ihr Name sagt.

Kaum ein Ort auf der Welt ist so entlegen, dass sich dort keine Wanze fände. Selbst auf dem Meer leben einige Arten - als einzige Insekten überhaupt. Dort dümpeln sie auf Treibholz, Vogelfedern oder Plastikmüll und ernähren sich von Zooplankton. Damit sie nicht in der Sonne verbrutzeln, haben diese Meerwasserläufer Pigmente, die UV-Strahlen absorbieren.

Gemessen an der Zeit, die Wanzen bereits die Erde besiedeln, erscheint die Menschheitsgeschichte als lächerlich kurze Episode: Sie teilten schon mit den Dinosauriern ihren Lebensraum.

Geringelte Mordwanze
Carsten Morkel

Geringelte Mordwanze

Über einen sehr alten Wanzenfund berichteten vergangenen September Wissenschaftler vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main: Mittels Infrarotmikroskopie konnten sie in einem Stück Bernstein aus Nordspanien anatomische Details zweier Wasserläufer sichtbar machen. Gelebt haben die Insekten in der Kreidezeit - vor 105 Millionen Jahren.

Fortpflanzungsforscher wiederum dürften angesichts der vielfältigen Spielarten beim Wanzensex in Verzückung geraten. So betreiben Herr und Frau Wasserläufer eine Art Wettrüsten - er entwickelt immer bessere Klammerwerkzeuge, um sich zwecks Geschlechtsakts auf ihrem Rücken zu halten; sie zieht nach mit martialischen Abwehrmechanismen - Stacheln und Dornen. So kann sie sicher sein, dass nur die verwegensten Männchen ans Ziel gelangen.

Die Männchen der Zeuswanzen klammern sich nach dem Sex wochenlang an ihre Partnerin - und ernähren sich von Sekreten, die diese dann absondert.

Wenig romantisch erscheint die Strategie jener Wanzenmänner, die der Partnerin ihr säbelförmiges Begattungsorgan einfach in den Hinterleib rammen. So kann ein möglicher Konkurrent das Sperma nicht so leicht entfernen und durch eigenes ersetzen - sonst bei Wanzen ein beliebter Trick, um die eigenen Gene weiterzugeben. Und wer betreibt diese "traumatische Insemination"? Klar, es sind die Outlaws im Wanzenreich: die Bettwanzen.



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