AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Deutsche Flüchtlingsaktivisten Unterstützen die Retter das Geschäft der Schlepper?

Italien beschlagnahmte ein deutsches Rettungsschiff. Die Aktivisten sollen mit kriminellen Schleusern gemeinsame Sache gemacht haben. Stimmt das?

Konfiszierter Kutter von "Jugend rettet": Monatelang überwacht
Italy Photo Press / Imago

Konfiszierter Kutter von "Jugend rettet": Monatelang überwacht

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Der Verdacht taucht zum ersten Mal am 10. September 2016 auf, etwa 15 Meilen vor der libyschen Küste. Das Schiff "Iuventa" des Berliner Vereins "Jugend rettet" ist auf dem Mittelmeer unterwegs. Die freiwilligen Helfer aus Deutschland suchen nach überladenen Schlauchbooten und Holzkähnen. Viele Flüchtlinge haben sich an dem Tag auf den Weg von Nordafrika nach Europa gemacht, bis zum Abend rettet die Besatzung der "Iuventa" 372 Menschen aus dem Wasser.

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Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Auch die "Vos Hestia" ist unterwegs, ein Schiff, das die Organisation Save the Children für ihre Rettungseinsätze gechartert hat. Mit an Bord sind Vittorio Nuncio(*) und Paolo Pinelli(*). Sie arbeiten für die italienische Firma IMI Security Service und sollen das Schiff und seine Besatzung beschützen. Doch ihr Interesse gilt an diesem Donnerstag nur der "Iuventa".

Pinelli blickt auf das Radargerät der "Vos Hestia". Ihm fällt auf, dass die "Iuventa" auffallend oft der libyschen Küste näher kommt. Als sich später die "Vos Hestia" in der Nähe der "Iuventa" befindet, glaubt Pinelli zu erkennen, wie ein schnelles Schlauchboot "mit zwei dunkelhäutigen Männern" von der "Iuventa" wegfährt. Er vermutet, dass es Schlepper sind, die soeben Flüchtlinge direkt auf das Schiff gebracht haben. Am 24. Oktober 2016 berichten die beiden Männer dem italienischen Auslandsgeheimdienst Aise von ihrem ungeheuren Verdacht. Es ist der Tag, als die Jagd auf die "Iuventa" beginnt.

Die Geschichte dieser Jagd steht für einen politischen Kampf, die Arena ist das Mittelmeer. Auf der einen Seite sind diejenigen, die Flüchtlinge in Seenot retten und nach Italien bringen. Neben den Schiffen von Marine und Küstenwache tummelten sich in den vergangenen Jahren immer mehr privat organisierte Initiativen auf dem Wasser. Viele verbanden ihre humanitären Taten mit politischen Forderungen.

Auf der anderen Seite stehen die, die verhindern wollen, dass Flüchtlinge nach Europa kommen. Im vergangenen Sommer schipperte sogar die rechtsextreme "Identitäre Bewegung" auf dem Meer, ihr Motto: "Europa verteidigen". Die Tour war von Pannen begleitet, doch sie zeigte, wie aufgeladen das Thema ist.

Dazwischen agiert die Politik. In Berlin, in Rom, in Brüssel stritten deren Vertreter erbittert über den richtigen Kurs in der Flüchtlingspolitik, immer im Fokus: das Mittelmeer.

Gerettete an Bord der "Iuventa" im Mai 2017: "Taxi-Service" für Flüchtlinge?
@Selene.Ena.Photo

Gerettete an Bord der "Iuventa" im Mai 2017: "Taxi-Service" für Flüchtlinge?

Die Waffen in diesem Kampf sind scharf, der Berliner Verein "Jugend rettet" bekommt es am 2. August vergangenen Jahres zu spüren. Sizilianische Staatsanwälte beschlagnahmen die "Iuventa". Ihr Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Migration.

Monatelang haben Polizei, Küstenwache, die Finanzpolizei Guardia di Finanza und sizilianische Staatsanwälte gegen die Helfer aus Deutschland ermittelt, sie hörten Telefonate ab, brachten Wanzen an und setzten verdeckte Spitzel ein. Ein Aufwand, als ginge es darum, ein global operierendes Mafianetzwerk auszuheben. Haben die jungen Helfer in ihrem Eifer, Gutes zu tun, tatsächlich Regeln gebrochen? Arbeiteten sie mit kriminellen Schleppern zusammen? Oder waren sie nur ein leichtes Opfer in diesem politischen Kampf?

Ein Novembertag auf Malta, die Sonne ist gerade aufgegangen über dem Hafenbecken der Bezzina-Werft, wo viele Schiffe der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ankern, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten. Hunde liegen auf dem Asphalt im Schlaf, während auf Deck des Rettungsschiffs "Lifeline" eine Gruppe um eine Plastikpuppe herumsteht.

Constantin Nestler, 33, drückt mit beiden Händen kräftig auf die Brust des Torsos, Lea Reisner, 28, zählt laut mit. Sie sind ein eingespieltes Team, der Arzt und die Gesundheitsökonomin, schon oft waren sie gemeinsam unterwegs, um Leben zu retten, zuletzt auf der "Iuventa".

Sie sind umringt von Feuerwehrmännern aus Spanien, von Ingenieuren, Elektrotechnikern und Studenten aus Deutschland. An den Wänden hängen Anweisungen: Haltet das Schiff sauber, räumt eure Sachen weg. Die Szene erinnert an einen Klassenausflug, nicht unbedingt an das Treffen einer kriminellen Vereinigung.

Nestler hat zwei Jahre lang als angestellter Arzt für die Berliner Charité gearbeitet, als die Klinik 2015 ein Hilfsprogramm startete und Ärzte in deutsche Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge schickte. Es ging um die Existenz der Ärmsten. "Das hat mich daran erinnert, warum ich das alles überhaupt studiert habe", sagt Nestler. Er unterbrach seine Facharztausbildung zum Anästhesisten, kündigte in der Klinik, lernte einen Helfer von "Jugend rettet" kennen und heuerte dort an.

Auf dem Werftgelände in Malta haben sich viele Menschen mit solchen Biografien versammelt. Da ist Theo, der in Dresden eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht hat. Jetzt ist der 23-Jährige Campmanager, rast mit einem VW-Bus durch die Hauptstadt Valletta und organisiert alles, was die Hilfsorganisation Mission Lifeline für ihren nächsten Einsatz braucht: Wasser, Ersatzteile, Medikamente, Lebensmittel, Rettungswesten. Da ist Francesco, der Italoamerikaner, der in New York in einem Edelrestaurant gekocht hatte, bevor er nach Europa übersiedelte, um für linke Ziele zu kämpfen. Da ist Lea Reisner, die Krankenschwester mit Ausbildung zur Gesundheitsökonomin aus Köln, die in Burma ein Krankenhaus mitaufgebaut hatte und danach beschloss, so lange ehrenamtlich zu helfen, bis das Ersparte verbraucht ist. Sie sagt: "Vielleicht kann man erst verstehen, was wir da machen, wenn man selbst gesehen hat, wie ein Mensch ertrinkt."

Ehrenamtliche Helfer Reisner, Nestler: "Tausende mussten ertrinken"
Joseph L. Hall / DER SPIEGEL

Ehrenamtliche Helfer Reisner, Nestler: "Tausende mussten ertrinken"

Helfen ist für die jungen Menschen zur Lebensaufgabe geworden, sie selbst brauchen nicht viel. Ein Stockbett in der Unterkunft, eine Koje auf dem Boot, Essen, Trinken und Tabak zum Selberdrehen. Manche haben ihre Wohnung in Deutschland aufgegeben, manche sind nicht krankenversichert. Sie sind Idealisten, wie auch die Gründer von "Jugend rettet", eine Studentin und ein Abiturient. Als sie im Sommer 2015 mit dem Aufbau des Vereins begannen, sprach man in Deutschland noch von einer Willkommenskultur für Flüchtlinge und nicht von Obergrenzen. Da schockierte das Bild des toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum, bevor die Zahl der Toten im Meer zur Routinemeldung in den Nachrichten wurde.

Die Berliner fanden prominente Fürsprecher für ihr Projekt, wie Maria Furtwängler oder Jan Josef Liefers, und Sponsoren wie ein Berliner Architekturbüro, das ihnen 2016 die "Iuventa" finanzierte, einen 33 Meter langen Fischkutter. Regelmäßige Spender ermöglichten die Einsätze, die jeden Monat rund 40.000 Euro kosteten.

"Jugend rettet" wurde Teil eines Netzwerks aus Helfern, das immer professioneller agierte. Ein Dutzend NGOs war im vergangenen Jahr mit Schiffen unterwegs, allein aus Deutschland kamen nach einer Umfrage des SPIEGEL unter den NGOs mehr als 500 freiwillige Helfer. Ehrenamtliche Piloten der Organisation Sea-Watch überflogen mehrmals in der Woche mit einem Kleinflugzeug das Mittelmeer, um die Rettungsschiffe schneller zu den Flüchtlingen zu dirigieren. Je besser die Einsätze organisiert wurden, desto mehr Menschen wurden nach Europa gebracht. Zum Missfallen derjenigen, die Flüchtlinge nicht mehr aufnehmen wollen.

Knapp zwei Monate nachdem die beiden Sicherheitsmänner dem italienischen Geheimdienst ihre Beobachtungen geschildert haben, wird der Verdacht in der britischen "Financial Times" erstmals öffentlich geäußert: Kriminelle Schleusernetzwerke brächten Migranten direkt auf NGO-Schiffe. Der Artikel vom 15. Dezember 2016 beruft sich auf einen vertraulichen Bericht der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, nennt aber weder Namen noch Belege. Im italienischen Abgeordnetenhaus verbreiten rechte Politiker das Gerücht, die freiwilligen Helfer wären wie ein "Taxi-Service" für Flüchtlinge.

Italien hatte zuletzt neben Griechenland die Hauptlast der Flüchtlingswelle zu tragen. Im Jahr 2016 kamen 181.000 Menschen über die zentrale Mittelmeerroute hierher, so viele wie noch nie. In einer Umfrage sagte mehr als jeder dritte Italiener, die Immigration beunruhige ihn. Der Druck auf die Regierung in Rom wuchs. Noch im Sommer 2017 beklagte der italienische Außenminister, sein Land fühle sich vom Rest der Europäischen Union im Stich gelassen.

Kontrollraum der italienischen Küstenwache
Paolo Greca

Kontrollraum der italienischen Küstenwache

Es gibt noch einen anderen Rekord aus dem Jahr 2016: Knapp 5000 Flüchtlinge ertranken auf ihrer Flucht. Dass es nicht noch mehr waren, lag an den freiwilligen Helfern. Fast jeder vierte Bootsflüchtling wurde laut einem Bericht des Maritimen Rettungskoordinationszentrums (MRCC) in Rom von den Ehrenamtlichen gerettet. Insgesamt waren es 47.000 Menschen, mehr als die Marine aus dem Wasser zog, mehr als die Küstenwache oder die Handelsschiffe. Die NGOs wurden zu den wichtigsten Lebensrettern im Mittelmeer.

In einem von Frontex im Februar 2017 veröffentlichten Bericht stellen die Autoren fest, dass die NGOs im Mittelmeer immer mehr Rettungsaktionen "unmittelbar in der Nähe, gelegentlich auch innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone" starteten. Innerhalb dieser Zone hat der jeweilige Anrainerstaat das Hoheitsrecht, in diesem Fall Libyen, außerhalb, in den internationalen Gewässern, können Rettungsschiffe frei kreuzen. Allerdings müssen sie nach internationalem Seerecht überall Menschen vor dem Ertrinken retten, sei es außerhalb oder innerhalb der Zone.

Die Rettungsaktionen aber haben sich seit 2012 immer mehr nach Süden verlagert. Viel weiter kommen die Flüchtlinge auch nicht: Die libyschen Schlepper setzen billigere Schlauchboote ein, denen oft schon nach wenigen Meilen die Luft ausgeht. Sie verlassen sich darauf, dass die Helfer schon rechtzeitig kommen. Und die Helfer kommen oft.

Alle, die an der Rettung der Menschen beteiligt seien, heißt es in dem Bericht, spielten unbeabsichtigt den Verbrechern in die Hände. Von einer bewussten Zusammenarbeit zwischen Schleusern und Helfern ist aber nicht die Rede.

Doch einigen Politikern reicht der bloße Verdacht. Sebastian Kurz, heute Kanzler in Wien, zu dem Zeitpunkt noch österreichischer Außenminister, fordert, "den NGO-Wahnsinn" im Mittelmeer zu beenden. In Italien soll Carmelo Zuccaro, Leiter der Staatsanwaltschaft von Catania, dem Parlament am 9. Mai Beweise für eine Zusammenarbeit der Helfer mit den Kriminellen vorlegen.

Aber er liefert nur "Verdachtsmomente" und "Ermittlungshypothesen". Niemals seien NGOs "Gegenstand von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Catania" gewesen, versichert er. Da sind die Ermittlungen seiner Kollegen in Trapani schon voll im Gange.

Dass irgendetwas nicht stimmt, bemerken die Helfer der "Iuventa" auf ihrer elften Mission im Frühjahr 2017. Der Ton in den E-Mails und Gesprächen über Satellitentelefon mit dem MRCC ist gereizt. Die staatliche Leitstelle in Rom ist für die Seenotrettung im westlichen und zentralen Mittelmeer zuständig. Sie koordiniert auch die Einsätze der NGOs. Bislang war die Kommunikation fast freundschaftlich.

Am 6. Mai nimmt die "Iuventa" 75 Flüchtlinge an Bord. Das MRCC ordnet an, sie nach Lampedusa, der größten der Pelagischen Inseln, zu bringen. Die Helfer auf der "Iuventa" sind irritiert. Bislang haben sie die Flüchtlinge an größere Schiffe übergeben, Handelsschiffe, Militärschiffe oder die Schiffe der großen NGOs. Auch diesmal wollen sie im Rettungsgebiet bleiben. Es herrscht gutes Wetter, viele Flüchtlinge sind auf dem Weg. Doch die Rettungsstelle bleibt hart. In Großbuchstaben ordnet sie an, nach Lampedusa zu fahren.

Die Retter sind frustriert, erst später werden sie den Grund für den Befehl erfahren: Die italienischen Ermittler wollen Wanzen anbringen, vermutlich deshalb muss das Schiff nach Italien.

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Einer der Helfer schreibt "Fuck MRCC" auf ein Papier und lässt es auf der Brücke liegen. Das Schild wird später in den Ermittlungsakten erwähnt, die sizilianischen Staatsanwälte erfahren davon aus einem abgehörten Telefonat. Sie überwachen das Handy eines jungen Mediziners aus Pisa.

Mario Grazia(*) engagiert sich bei der italienischen Hilfsorganisation Rainbow for Africa. Er kennt die Aktivisten von "Jugend rettet" gut. Und sie gehen ihm gehörig auf den Geist.

Als er von dem Papier mit der Aufschrift erfährt, sagt er in einem Telefonat mit einem Kollegen von Ärzte ohne Grenzen: "Wäre ich an Bord gewesen, hätte ich sie mit einem Tritt in den Hintern über Bord befördert und hätte sie in den Hafen schwimmen lassen." Die "ragazzini tedeschi", die deutschen Jüngelchen, seien beratungsresistent, unbelehrbar und hätten keinerlei Gefühl für die vertrackte Lage Italiens in der Flüchtlingsfrage. "Denen ist der Unterschied zwischen einer humanitären Mission und einer politischen Kampagne nicht klar." Grazia wird zu einem wichtigen Zeugen der Ankläger. Und zu einem, der offenbart, wie zerrissen die Szene der Helfer bisweilen ist.

Es ist umstritten, wie politisch Organisationen sein dürfen, deren Ziel es ist, Leben zu retten. Da gibt es die, die auf Neutralität setzen. Und andere, die ihre ehrenamtliche Tätigkeit als politischen Aktivismus verstehen. Die deutschen Helfer tendieren zu Zweitem. "Fähren statt Frontex", liest man oft auf den Facebook-Seiten ihrer Organisationen. Es ist die Forderung, die Einreise von Flüchtlingen zu legalisieren.

Auch "Jugend rettet" ist politisch und benennt seine Missionen nach Protagonisten einer restriktiven Flüchtlingspolitik, Mission Leggeri etwa, nach dem Chef von Frontex, Fabrice Leggeri. Oder Mission de Maizière, nach dem Bundesinnenminister. In einem offenen Brief an den CDU-Politiker schreiben die Aktivisten: "Der Status quo der europäischen Asylpolitik steht unseren Vorstellungen europäischer Werte und Ideale entgegen." Auf Facebook fordern sie eine "staatlich organisierte Seenotrettung".

Vermutlich ist nicht nur die politische Haltung der Deutschen Grund für die Wut des Italieners. "Jugend rettet" hatte sich im Streit von ihm getrennt, nachdem er den Klinikraum auf der "Iuventa" nicht nach den Standards der deutschen Ärzte ausgestattet hatte.

Die italienischen Ermittler überwachen die Berliner NGO von nun an rund um die Uhr. Am 19. Mai, die "Iuventa" ist auf ihrer zwölften Mission unterwegs, heuert Francesco Conti(*) auf der "Vos Hestia" an, dem Schiff von Save the Children. Er ist kein gewöhnlicher Sicherheitsmann, sondern ein verdeckter Polizeiagent. Conti soll unauffällig die Beweise gegen "Jugend rettet" liefern, die der Staatsanwaltschaft noch immer nicht vorliegen.

Motordiebe bei "Iuventa"-Einsatz im Juni 2017: "Anormale Vorkommnisse"
Jugend rettet

Motordiebe bei "Iuventa"-Einsatz im Juni 2017: "Anormale Vorkommnisse"

Conti macht von der "Vos Hestia" aus viele Fotos, die zumindest belegen, dass sich die Retter der "Iuventa" und die Schleuser oft gefährlich nahe kommen. Am 18. Juni fotografiert er, wie ein Rettungsschlauchboot der "Iuventa" eine leere Holzbarke mutmaßlich in Richtung libysche Küste schleppt. Zuvor sind darin Flüchtlinge gewesen, die sich nun auf der "Iuventa" befinden. Das leere Boot, vermutet der Agent, solle wieder den Schleusern übergeben werden. "Am Horizont tauchten weitere Boote auf, offensichtlich solche, die von Schleusern benutzt werden", notiert er.

Vier Stunden später wird der Agent nochmals Zeuge von "anormalen Vorkommnissen", wie er sie in seinem Bericht nennt. Wieder drückt er den Auslöser seiner Kamera. Das Foto zeigt, wie zwei Männer in einem Boot den Außenbordmotor eines Schlauchboots abmontieren, in dem sich noch Flüchtlinge aufhalten, die gerade von den Helfern der "Iuventa" gerettet werden. Die Motordiebe fuchteln mit den Armen, die Ermittler deuten die Geste als Gruß an die Helfer.

Jugend Rettet

Im Juni 2017 wird Paolo Pinelli, der Mitarbeiter des IMI Security Service, nochmals vernommen. Er sagt aus, die Helfer der "Iuventa" würden die leeren Boote der Flüchtlinge nicht zerstören, wie es üblich ist, sondern zu anderen Booten zurückbringen. Es sind Aussagen, die dem Staatsanwalt fehlten, um gegen "Jugend rettet" tätig zu werden.

Der Druck aus der Politik ist hoch. Im Juli 2017 bestellt Italiens Innenminister Marco Minniti Vertreter mehrerer NGOs in seinen Amtssitz. Dort präsentiert er einen Kodex, den die Helfer unterzeichnen sollen, wenn sie weiterhin mit Flüchtlingen an Bord italienische Häfen anlaufen wollen.

Die Organisationen müssen sich verpflichten, künftig nicht mehr in libyschen Hoheitsgewässern zu kreuzen. Aus Seenot gerettete Flüchtlinge sollen die NGOs nicht länger an größere Schiffe übergeben, sondern selbst nach Italien bringen. Außerdem müssen sie jederzeit zulassen, dass bewaffnete Polizisten mitfahren. Bis Ende Juli sollen die NGOs unterschreiben.

Die Helfer protestieren. Ärzte ohne Grenzen, eine der mächtigsten Organisationen, verweigert die Unterschrift. Zu ihren Prinzipien gehört es, ohne bewaffnete Kräfte in Krisengebieten zu operieren. Auch "Jugend rettet" weist den Kodex zurück. Die Verpflichtung, alle Flüchtlinge selbst nach Italien bringen zu müssen, sehen die Berliner als Versuch, die kleinen NGOs handlungsunfähig zu machen.

Sie verweisen auf ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags, das den italienischen Kodex als nicht bindend ansieht. Über allem stehe das Völkerrecht und die Verpflichtung, einem Schiff in Seenot zu helfen, heißt es da. Ein Fall von Seenot bestehe dann, wenn man davon ausgehen könne, "dass ein Schiff und die auf ihm befindlichen Personen ohne Hilfe von außen nicht in Sicherheit gelangen können und auf See verloren gehen".

Zufall oder nicht, nur einen Tag nach Ablauf des Ultimatums wird die "Iuventa" vom MRCC wieder nach Lampedusa beordert, fünf Boote der Küstenwache eskortieren sie in den Hafen. Die Staatsanwaltschaft lässt das Schiff beschlagnahmen und nach Trapani bringen. Unter der Aufsicht der Polizeibeamten dürfen die Helfer ihre persönlichen Sachen von Bord nehmen.

Die Aktivisten von "Jugend rettet" legen Beschwerde gegen die Beschlagnahme ein, ein Gericht lehnt sie später ab. Dem SPIEGEL präsentieren sie Logbuch-Einträge, E-Mail-Konversationen mit dem MRCC und Fotos. Die Belege lassen an den Behauptungen der italienischen Behörden erhebliche Zweifel aufkommen.

So wurden auf Fotos des verdeckten Ermittlers Rettungsboote "Jugend rettet" zugeschrieben, die tatsächlich anderen Organisationen gehören. Die Helfer widersprechen auch dem Verdacht, sie würden mit Schleppern kooperieren. Die sogenannten Engine Fishers, die von den Flüchtlingsbooten die Außenbordmotoren abschrauben, seien jeden Tag unterwegs, die NGOs seien machtlos gegen sie.

Auch für jenes Foto, das zeigt, wie die Helfer ein leeres Holzboot hinter sich her ziehen, haben sie eine Erklärung: Sie hätten es nur zur Seite gezogen, damit es die Rettungsaktion nicht behindere. Normalerweise würden sie nach der Rettung die Holzkähne verbrennen und die Schlauchboote zerstechen, damit die Schlepper sie nicht wiederverwenden können. An diesem Tag aber habe es zu viele Notrufe gegeben. "Die Rettung von Menschen zählt mehr als die Zerstörung eines Bootes", sagt Lea Reisner.

Es ist nicht so, dass den Helfern das Dilemma nicht bewusst wäre. Natürlich würden die Schlepper ihre Bereitschaft zu retten missbrauchen, sagt Lea Reisner, natürlich seien sie selbst Teil eines Systems, in dem Kriminelle mitspielten. Sie hätte es lieber, wenn das Problem anders gelöst würde. Sie als linke Spinner, Gutmenschen und Kollaborateure der Kriminellen abzutun, mache sie aber wütend.

"Wir haben die Situation nicht geschaffen, dass Tausende im Mittelmeer ertrinken mussten", sagt Constantin Nestler, der Arzt. "Wir sind erst gekommen, als die Ersten starben." Er fragt sich, was die Alternative sein soll. "Zigtausende ertrinken lassen, damit die Botschaft bis nach Afrika gelangt und sich keiner mehr traut?" Das Kalkül der Behörden sei zynisch. Aber offenbar geht es auf.

Leonardo Marino hat seine kleine Anwaltskanzlei in Agrigent, an der Südküste Siziliens. Er ist der italienische Rechtsbeistand von "Jugend rettet" und hat Klage gegen die Beschlagnahme vor dem Kassationsgericht in Rom eingelegt. Demnächst soll dort eine Anhörung stattfinden. Die Chancen sind nicht groß, das weiß auch Marino. "Es ist eben Politik."

"Jugend rettet" ist ohne Schiff handlungsunfähig. Viele Helfer engagieren sich nun in anderen NGOs. Die Spenden sind seit dem Vorfall zurückgegangen, vor allem die Großspenden. Auch andere Organisationen wie SOS Méditerranée oder Sea-Watch berichten von zeitweilig "deutlichen" und "wahrnehmbaren" Rückgängen.

Die jungen Aktivisten müssen ihre Anwälte bezahlen und fürchten, dass die Behörden ihnen auch die Liegegebühr für die beschlagnahmte "Iuventa" in Rechnung stellen könnten. Irgendwann könnte die NGO dann auch zahlungsunfähig sein.

Auf dem Mittelmeer begann das neue Jahr mit einer Tragödie. Am ersten Wochenende starben 66 Flüchtlinge, nachdem ihre Boote in Seenot geraten waren. Diesmal waren nicht genügend Retter da.


*Namen geändert.



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