AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Geschichte des Lebens Einblicke in die Unterwelt

US-Geobiologe Anthony Martin beschreibt die Welt der Regenwürmer, Ameisen und Maulwürfe. Seine These: Indem das Leben ins Innere der Erde vordrang, veränderte es den Planeten - sechs Geschichten aus der Tiefe.


Verdun am Meeresgrund

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Die Invasion in die Unterwelt begann vor rund 540 Millionen Jahren. Es war ein Umbruch in der Geschichte des Lebens. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sogenannte Ediacara-Wesen dominiert, fächer-, scheiben- oder blattförmige Kreaturen, die am Ozeanboden lebten. Der Untergrund blieb ihnen unzugänglich, er war von einer Matte aus Bakterien versiegelt. Binnen wenigen Jahrmillionen änderte sich das radikal: Die Tiere des Kambriums begannen, mineralisierte Hartteile zu bilden. Sie wappneten sich mit Scheren, Raspeln, Stacheln, Panzer: Ein Wettrüsten kam in Gang. Auch tauchten erstmals Räuber mit Augen auf - Beutetiere mussten sich fortan verbergen. Da fügte es sich, dass Mineralien auch zur Herstellung von Grabwerkzeugen taugen: So durchstießen Tiere die bakterielle Isolierschicht am Meeresgrund und verbuddelten sich. "Verdun-Syndrom" nennen die Paläontologen das Phänomen, bei dem sich Buddelwut und Aufrüstung wechselseitig bedingen - in Anlehnung an die Schützengräben im Ersten Weltkrieg.

Wiedergeburt im Schlamm

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Beim Landgang der Wirbeltiere vor rund 400 Millionen Jahren war die Eroberung des Untergrunds womöglich ein wichtiger Zwischenschritt. Das glaubt Anthony Martin am Lebenswandel afrikanischer Lungenfische ablesen zu können. Diese in Tümpeln und Sümpfen hausenden Tiere leben stets in der Gefahr lang anhaltender Trockenheit. Sie begegnen ihr, indem sie sich, wenn ihr Gewässer auszutrocknen droht, kopfüber in den noch feuchten Schlamm wühlen. Dort verkapseln sie sich in einem Kokon aus Schleim, den sie über ihre Haut absondern. Bis zu vier Jahre können sie darin ohne Nahrung überdauern. Nur Wasser kann ihre Starre wieder lösen. Ein solches Erweckungsereignis haben Dokumentarfilmer der BBC festgehalten. Zu sehen ist, wie sich während eines Sturzregens plötzlich Leben im Gemäuer einer afrikanischen Hütte regt. Unwissentlich hatten die Erbauer des Hauses Lehmziegel gestochen, in denen Lungenfische eingeschlossen waren. Der Regen hatte sie aufgeweckt, nun schlängelten sie aus den Fugen.

Zähes Scheusal

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Im Jahr 1980 schossen heiße Ascheströme den Hang des amerikanischen Vulkans Mount St. Helens hinab. Von 55 Säugetierarten der Umgebung überlebten nur 14 das Inferno, darunter Spitzmäuse, Streifenhörnchen oder Taschenratten - größtenteils geübte Tunnelgräber. Geobiologe Martin wertet dies als Indiz dafür, dass sich das Leben im Untergrund gerade in den Krisenzeiten der Erdgeschichte als vorteilhaft erwiesen haben dürfte. Am schlimmsten kam es vor 252 Millionen Jahren: Supervulkanismus, Treibhaushitze und saurer Regen setzten dem Leben zu. 70 Prozent aller Landwirbeltierarten gingen zugrunde. Namhafteste Ausnahme ist ein Scheusal namens Lystrosaurus. Diese säugetierähnlichen Reptilien - Martin vergleicht sie mit einer Kreuzung aus Nacktmull, Leguan und Schwein - erwiesen sich als wahre Überlebenswunder. Kurz nach der großen Katastrophe gehörten mancherorts 95 Prozent aller Landwirbeltiere dieser Gattung an. Martin ist überzeugt, dass es das Leben im Untergrund war, das Lystrosaurus rettete. Jedenfalls sind die muskulösen Vorderbeine dieser Tiere wie geschaffen für Erdarbeiten, auch fanden sich ihre Fossilien in geräumig ausgestalteten Nestkammern.

Stadt im Fels

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Auch in der Geschichte des Homo sapiens spielten Höhlen eine Schlüsselrolle - eindrucksvoll belegen das die Felsbilder der französischen Chauvethöhle. Immer wieder hat sich im Menschen die Vorliebe fürs Unterirdische geregt. Im zentralanatolischen Kappadokien hat der Mensch sogar ganze Städte in den Untergrund verlegt. Vor mehr als 2000 Jahren wurden dort Katakomben in den Fels gemeißelt. Bis zu 20¿000 Bewohner fanden später in Derinkuyu Unterkunft. Nicht nur für ausreichend Wohnraum, sondern auch für Kapellen, Schulräume und Tierställe unter Tage war gesorgt. Frische Luft kam durch einen 55 Meter hohen Schacht, ein acht Kilometer langer Tunnel erlaubte Besuche in der Nachbarstadt. Sogar eine archaische Form der Telekommunikation wurde in einer der türkischen Höhlenstädte praktiziert: Mithilfe von Röhren ließen sich durch den Fels Gespräche führen. Was Martin jedoch besonders fasziniert: Die Architektur des Gänge-Labyrinths in Kappadokien, so der Forscher, ähnele in auffälliger Weise derjenigen, die er von Nacktmullen kenne.

Reptilien-WG im Kiefernwald

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Tiere, die im Erdreich leben, können die Artenvielfalt ganzer Ökosysteme befördern. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Gopherschildkröte in den Sumpfkieferwäldern Floridas. Diese Reptilien sind besessen vom Buddeln. Sie heben Dutzende Tunnel in bis zu sechs Meter Tiefe aus, die sie abwechselnd bewohnen. Die Schildkröten haben damit einen einzigartigen Lebensraum im Untergrund geschaffen, in dem Biologen mehr als 360 Tierarten gezählt haben. Ein besonders treuer Mitbewohner ist die bis zu 2,6 Meter lange Indigonatter, gelegentlich gehören auch Diamant-Klapperschlangen zur Reptilien-WG. Maulwurffrösche suchen ebenfalls, kaum dass sie als Jungfrösche das Wasser verlassen haben, bei den Schildkröten Unterschlupf. Küstenmäuse gesellen sich dazu und erweitern den Bau um kleinere Seitengänge. Dungkäfer nehmen sich der anfallenden Exkremente an, andere Käfer machen sich als Schädlingsbekämpfer nützlich, indem sie die Larven von Zecken, Läusen oder Fliegen vertilgen. Besonders turbulent geht es während Waldbränden zu. Dann findet sich im Schildkrötenbau eine bunte Notgemeinschaft ein, zusammengewürfelt aus Kaninchen und Schlange, Echse und Fuchs, Gürteltier, Stinktier und Opossum.

Tunnelbauer an den Küsten

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Dass Regenwürmer das Erdreich umwälzen, weiß jeder. Solche Hochachtung wird den Krebstieren meist vorenthalten - zu Unrecht, denn auf Stränden, in Mangroven und an Ufern kommt ihnen zumeist eine ähnliche Rolle zu, wie sie Regenwürmer im Vorgarten spielen. Flusskrebse etwa treiben ihre Tunnel in Uferböschungen und kanalisieren damit das Grundwasser. Schätzungen gehen davon aus, dass manche Arten jeden Hektar ufernahen Erdreichs mit einem Gänge-Gewirr von bis zu 50 Kilometer Länge durchziehen. Leicht sind die Höhlen der Winkerkrabben zu finden, die diese allerorten in tropische Strände graben; denn die Tiere tun ihr Möglichstes, darauf aufmerksam zu machen. Weithin sichtbar winken die Männchen mit ihrer überdimensionierten Schere in der Hoffnung, auf diese Weise eine Partnerin zum Schäferstündchen unter Tage zu gewinnen. Meister im Tiefbau jedoch sind Maulwurfkrebse, die in Mangroven heimisch sind. Sie bauen unterirdische Labyrinthe, die ähnlich komplex wie Ameisennester sind. An den Höhlenausgängen schichten diese eifrigen Erdarbeiter bis zu drei Meter hohe Halden aus Abraum und Kot auf.

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An­t­ho­ny Mar­tin:
The Evo­lu­ti­on Un­der­ground

Burrows, Bunkers, and the Marvelous Subterranean World Beneath our Feet

Pegasus Books; 400 Seiten; Englisch; 16,99 Euro

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