AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2017

Karriere Wie devote Jasager der Firma schaden

Alltag in deutschen Büros: Der Chef stellt mal wieder einen irren Plan vor, doch keiner im Team widerspricht. Warum ducken sich alle weg?

Mitarbeiter im Büro
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Mitarbeiter im Büro

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Es ist eine Situation, die Mitarbeiter nahezu täglich durchleiden: Das Team kommt zusammen, um ein Projekt zu besprechen. Der Chef skizziert das Vorhaben. Und nicht wenige seiner Untergebenen wissen: So wird das nichts.

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Heft 17/2017
Donald Trump und Kim Jong Un riskieren den Atomkrieg

Doch keiner sagt ein Wort. Niemand schreitet ein, um die Probleme zu benennen und die Schieflage zu verhindern, die dem Unternehmen durch den Planungsfehler droht.

Statt der selbstbewussten Fachleute, die die Firma eingekauft hat, hockt ein Haufen kümmerlicher Feiglinge um den Tisch. Die meisten von ihnen halten ihr Schweigen auch noch für eine strategische Meisterleistung. Und der Boss ahnt nichts davon. Er genießt die Schmeicheleien der Speichellecker und interpretiert das Schweigen der Mehrheit als Zustimmung. Später, wenn er und sein Plan auf den Fluren als besonders schwachsinnig durchgehechelt werden, ist er längst mit Volldampf unterwegs auf der falschen Spur.

Das ist der Stoff, aus dem das Bauchaos am Berliner Flughafen gemacht ist, der Abgasskandal bei VW, die Schmiergeldaffäre bei Siemens. Die Mitarbeiter können noch so kompetent sein: Wenn ihnen der Mut fehlt, im entscheidenden Moment gegenzuhalten, nützen sie dem Unternehmen wenig. Doch es gibt gute Nachrichten für alle Hasenherzen: Mut ist nicht einfach nur angeboren, Mut ist erlernbar. Wie das geht?

Angeboren ist eher die Feigheit. Jeder kennt das: Kurz bevor man dem Vorgesetzten widersprechen will, beginnt die Halsschlagader zu pulsieren, die Hände schwitzen, die Luft wird knapp, die Gedanken werden konfus. Der Körper signalisiert: Halt die Klappe, reden kann gefährlich werden!

Der Übeltäter, der gestandene Menschen in Sekundenschnelle zu Angsthasen werden lässt, ist das limbische System im Gehirn. Es dient dazu, vor unbekannten, negativen Erfahrungen zu schützen. In grauer Vorzeit war das überlebensnotwendig, damit man nicht auf die Idee kam, mit einem Säbelzahntiger zu kämpfen. Unglücklicherweise hat sich diese Alarmanlage evolutionär kaum weiterentwickelt. "Trifft das limbische System heute auf unberechenbare Situationen, überreagiert es, als ginge es wie früher ums Überleben", sagt Management-Coach Gracia Thum. Kurz: Es sieht im Chef den Säbelzahntiger.

Thum arbeitet daran, diesen überzogenen Reflex unter Kontrolle zu bringen. In ihrem Buch "Encourage: Mut zur Veränderung" weisen die Dresdner Trainerin und ihre Koautorin Juliane Kluge den Weg zum fruchtbaren Widerspruch.

Denn fruchtbar sollte er sein. Kritiker, die sich in der Rolle des moralisch überlegenen Helden gefallen und bei jeder Gelegenheit die Führungsmannschaft angehen, nützen wenig. Sie werden regelmäßig coram publico abgewatscht, was die Furcht der anderen - und damit das Problem - eher vergrößert.

Autorin Thum: Der Chef als Säbelzahntiger
Sven Döring/Agentur Focus/DER SPIEGEL

Autorin Thum: Der Chef als Säbelzahntiger

Selbst jene, die mit ihren Einwänden recht haben, erreichen oft nichts, und wieder ist das limbische System schuld. Es sorgt dafür, dass massenweise Adrenalin ausgeschüttet wird, was das Denkvermögen beeinflusst. Wer sich spontan ein Herz gefasst hat, plappert sich oft um Kopf und Kragen. "Viel zu viel zu reden ist ein Kardinalsfehler", sagt Thum. "Vor Aufregung wird gesendet, gesendet, gesendet und dabei vergessen zuzuhören."

Souverän wirkt, wer wenig sagt, ruhig und klar, den Körper dabei möglichst aufrecht hält und sich nicht verbiegt.

Doch was, wenn die Angst übernimmt? Kann man aus geborenen Memmen tapfere Individuen machen? Ja, sagt Thum. Indem man die Feigheit rationalisiert. Als Erstes muss man den kurzen, aber mächtigen Moment der Angst erkennen, der Menschen automatisch in alte Verhaltensmuster nach dem Motto "Besser nicht auffallen" zurückwirft. Ist er identifiziert, sollte man sich klarmachen, was man im Begriff ist zu unterlassen. Denn so angenehm sich Anpassung anfühlt und so plausibel die Rechtfertigungsversuche klingen mögen: Sie haben ihren Preis.

Der Mitarbeiter gibt auf Dauer seine Träume, Hoffnungen, Ziele auf, all das, weswegen er den Job einmal angetreten hat. Lebens- und Arbeitszufriedenheit nehmen ab, die Magenschmerzen zu. Nicht selten mutiert er mit den Jahren zum Zyniker, der "dem Scheißladen" feindselig gegenübersteht, weil er ihn für seine charakterliche Deformation, für das Abhandenkommen seines Sinns, verantwortlich macht. Es entsteht eine "zähe Schicht des verdeckten Widerstands" so Thum.

Das Unternehmen seinerseits verliert die Kreativität des Personals und, schlimmer noch, die Kraft zur Veränderung. Genügte früher ein begabter Mensch, um die Geschicke einer Firma zu bestimmen, sind heute alle Köpfe gefragt. Ohne ständige Modifikation, tapfere Ideen und ungewöhnliche Lösungen kann man im schnelllebigen Internetzeitalter kaum mehr überleben.

Hasenfüße kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten, schon gar nicht in der Führungsriege. Zögerliche Manager, die Entscheidungen vor sich herschieben, ungenügend kommunizieren und deren Vorgehen als unfair empfunden wird, schaffen Unsicherheit und Frustration. Mitarbeiter respektieren eine Führungskraft, wenn diese klar, aufrichtig und berechenbar ist. Doch das braucht eben Mumm. Manager, ab zur Mutprobe!

Im Video: Mental-Coach Gracia Thum

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insgesamt 20 Beiträge
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roedelfroe 28.04.2017
1. Widerspruch unerwünscht
Es ist oft nicht hasenfüßigkeit, sondern schlicht die Erkenntnis, daß Widerspruch eh keinen Sinn hat bzw. nur die Laune des Chefs schlechter wird. Zur Zeit werden ganze Abteilungen bei uns in eine Tochterfirma verschoben. Die Aufgaben dieser Abteilungen wird wiederum eine andere, noch billigere, Tochterfirma in Polen übernehmen. Dort ist weder das nötige Know how noch die notwendige Erfahrung vorhanden. Den "Alt"-Mitarbeitern werden Auflösungsverträge angeboten, alle ab 55 können in Altersteilzeit gehen (wie war das noch mit Fachkräftemangel und wichtigen älteren Arbeitnehmern noch mal? - Ach, ist eh egal). Es gab in den entsprechenden Vorabmeetings und Besprechungen genügend Leute, die die Idee (Auslagerung und Verlagerung der Aufgaben) für eher sinnbefreit gehalten haben und dies auch deutlich zum Ausdruck brachten.Der Projektleiter (direkt durch den Vorstand bestimmt) sinngemäß: Das hat zu klappen. Wer dieses Projekt nicht unterstützt, schadet dem Unternehmen und sollte gehen. Ende der Diskussion. Nun sind die ersten Abteilungen ausgegliedert und es herrscht Chaos. Einsicht des Projektleiters: Null! Der Vorstand unterstützt ihn vehement (Alles alternativlos) und weiter gehts. Es gibt genug Leute, die immer noch warnen und dies auch an konkreten Beispielen belegen können. Alles egal, einige "Bedenkenträger" wurden mittlerweile degradiert. So läuft das, und nicht anders. Also sollte man sich nicht wundern, wenn in solchen Meetings diejenigen, die es besser wissen, die Klappe halten,
harald_von_thaden 28.04.2017
2. Angestellte sind klüger als man denkt...
...die wissen ganz genau, warum sie nichts sagen. In Firmen, in denen die Diskussionskultur gepflegt wird und abweichende Meinungen von Angestellten respektiert werden, da wird auch offen diskutiert.
Arnos_Weltbild 28.04.2017
3. Nun könnte man ja sagen...
... dass die Ziele der Chef vorgibt und man selber nur kleiner Angestellter ist, der sich besser nicht in den Weg seines Chefs stellt. Aber so einfach ist es nicht! Zumindest nicht für Jeden. Zudem kenne ich keine Chefs, die idiotische Pläne aufstellen, weil sie häufig fachlich garnicht dazu in der Lage sind. Sie wurden als "Leader" eingestellt, nicht als Fachkraft. Und solch ein Chef lädt dann eher zum Workshop oder Brainstorming, um Ziele zu definieren. Das hat viele Vorteile: Zum EInen haben die Ziele einen Hauch von Bodenhaftung, weil sie von Kennern definiert wurden und zum Anderen sind genau diese Kenner mit dem Ziel auch irgendwie verbunden, weil sie es definiert haben. Dass der Chef dies dann als seine Idee nach oben verkauft... geschenkt!
neue_mitte 28.04.2017
4.
Zitat von Arnos_Weltbild... dass die Ziele der Chef vorgibt und man selber nur kleiner Angestellter ist, der sich besser nicht in den Weg seines Chefs stellt. Aber so einfach ist es nicht! Zumindest nicht für Jeden. Zudem kenne ich keine Chefs, die idiotische Pläne aufstellen, weil sie häufig fachlich garnicht dazu in der Lage sind. Sie wurden als "Leader" eingestellt, nicht als Fachkraft. Und solch ein Chef lädt dann eher zum Workshop oder Brainstorming, um Ziele zu definieren. Das hat viele Vorteile: Zum EInen haben die Ziele einen Hauch von Bodenhaftung, weil sie von Kennern definiert wurden und zum Anderen sind genau diese Kenner mit dem Ziel auch irgendwie verbunden, weil sie es definiert haben. Dass der Chef dies dann als seine Idee nach oben verkauft... geschenkt!
Die Chefs, die ich so kenne (Ingenieurbüros) haben in grauer Vorzeit selbst aktiv gearbeitet, als die jeweilige Firma noch kleiner war. Mit dem Wachsen und der mehr-und-mehr-Übernahme der reinen Führungsrolle wich der Mitarbeitsteil in den Hintergrund. Das perfide ist, je länger diese aktive Zeit zurück ist, desto abenteuerlicher werden dessen Leistungen damals und somit die Erwartungen heute. Dass sich Vorschriften und Arbeitsmethoden seitdem auch noch geändert haben - geschenkt. So ein Chef weiß es grundsätzlich besser. Immer. Die Untergebenen haben einfach keine Ahnung. Er selbst hat es natürlich schon 1.000e Male so-und-so erfolgreich getan. Kommt dann noch ein kleinlicher (oder kleines Ego?) Charakter hinzu, wird Widerspruch mit nichts Geringerem als Majestätsbeleidigung betrachtet. Da heißt es als Mitarbeiter, im Meeting schön brav nicken und hinterher alles versuchen in Bewegung zu setzen, um es richtig zu machen ohne dass es dem Chef auffällt, wie es bewerkstelligt wurde. Das klappt nicht immer, aber das Gespräch, warum man sich über seine königlichen Dekrete hinweggesetzt hat, ist allemal besser, als das mit dem Insolvenzverwalter! Wer sich selbst für den König hält und die dummen Mitarbeiter das spüren lässt, braucht sich allerdings auch nicht über Fehlschläge wundern. Die Zuordnung ist natürlich im Zweifelsfalle bei den Mitarbeitern - Binsenweisheit. Nur im Erfolg war es sein napoleonischer Schachzug.
neue_mitte 28.04.2017
5.
Zitat von Arnos_Weltbild... dass die Ziele der Chef vorgibt und man selber nur kleiner Angestellter ist, der sich besser nicht in den Weg seines Chefs stellt. Aber so einfach ist es nicht! Zumindest nicht für Jeden. Zudem kenne ich keine Chefs, die idiotische Pläne aufstellen, weil sie häufig fachlich garnicht dazu in der Lage sind. Sie wurden als "Leader" eingestellt, nicht als Fachkraft. Und solch ein Chef lädt dann eher zum Workshop oder Brainstorming, um Ziele zu definieren. Das hat viele Vorteile: Zum EInen haben die Ziele einen Hauch von Bodenhaftung, weil sie von Kennern definiert wurden und zum Anderen sind genau diese Kenner mit dem Ziel auch irgendwie verbunden, weil sie es definiert haben. Dass der Chef dies dann als seine Idee nach oben verkauft... geschenkt!
Diese Sorte von Chef ist u. U. aber noch gefährlicher. Als Leader ohne besonders ausgeprägte fachliche Eignung eingestellt, bekommt er doch in den Gesprächen einen Einblick in das Fachliche und lernt dazu. Er als besserer Mensch hat dann gedanklich eine raketenhafte Lernkurve und will mitdiskutieren. Dann wird es richtig übel. Da Reinschnuppern immer jahrzehntelange Erfahrung sticht, werden dann so richtig abstruse Ideen in richtig abstrusen Zeitplanungen durchgesetzt. Weil, so wie er es verstanden hat, müsste das ja easy gehen. Nach oben lässt sich sowas natürlich bombastisch verkaufen, deswegen wird er von oben noch ermutigt. Als Mitarbeiter gibt man dann resigniert auf und lässt den in Gesprächen unwidersprochen quacksalben.
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