AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

US-Botschafter Richard Grenell Der schillernde Falke

Mit Richard Grenell ist ein ungewöhnlicher Diplomat in die US-Botschaft in Berlin eingezogen: laut, modern, offen schwul, erzkonservativ. Wer ist der Mann, der mehr tweetet als sein Präsident?

US-Botschafter Richard Grenell in seiner Residenz
Michael Hübner / BILD

US-Botschafter Richard Grenell in seiner Residenz

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Inkonsistent ist ein Wort mit vielen Bedeutungen: unbeständig, unstimmig, widersprüchlich. Eigenschaften, die man nicht unbedingt einem Spitzendiplomaten zuschreiben würde. Der neue Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin, Richard Grenell, sagt, er sei in hohem Maße inkonsistent.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Ein Mittagessen in der US-Vertretung am Pariser Platz, der Botschafter spricht über sein Weltbild. Er hat eine kleine Runde aus Journalisten eingeladen, in Rotwein geschmorte Rippchen werden gereicht. Dazwischen platziert der Botschafter Sätze, von denen er weiß, dass sie wirken.

Sein Blick auf die Welt sei nicht ideologisch gefestigt, sagt Grenell. Er passe in keine Schublade, in keine der üblichen Denkrichtungen. Mal fühle er sich als Liberaler, mal als Konservativer. Er wäre zum Beispiel gern ein Verfechter des freien Handels. Doch dann sehe er, dass andere diesen freien Handel manipulierten. Es wäre nicht klug, wenn er dann weiter den freien Handel verteidigen würde.

Jede neue Situation erfordere eine neue Antwort, sagt Grenell, er sei ein Problemlöser. Darin gleiche er dem Präsidenten. Auch Donald Trump sei ideologisch inkonsistent, deshalb habe Trump die Wahl gewonnen. "Ich halte es für einen großen Vorteil für Trump, dass man nicht voraussagen kann, wohin er steuert." Es halten alle kurz inne nach diesem Satz.

Mit Richard Grenell ist eine neue Art der Diplomatie in die amerikanische Botschaft eingezogen. In ihrer Darstellung modern und bunt, Grenell überlegt etwa, wie die Kunst in der Botschaft anders präsentiert werden könnte.

Außenpolitisch aber argumentiert der Diplomat konservativ und strikt auf Trumps Linie. Sei es in Fragen der Klimapolitik, sei es bei der Frage, ob die Verlegung der US-Botschaft in Israel sinnvoll war. Der Präsident habe im Wahlkampf versprochen, die Botschaft zu verlegen, sagt Grenell. "Anders als viele andere Präsidenten vor ihm hat er sein Versprechen gehalten." Jerusalem anzuerkennen, bedeute, die Realität anzuerkennen. Kein Wort zu den Toten.

Grenell wendet sich gegen eine zu starke Regulierung von Facebook und Google in Europa und bewundert die deutsche Autoindustrie, auch wenn sie in der Vergangenheit einiges vermasselt habe. Er selbst fährt BMW.

Im Weißen Haus ist Grenell bestens vernetzt, John Bolton, der nationale Sicherheitsberater, ist einer seiner Mentoren und engsten Partner.

Bolton machte zuletzt mit scharfen Sprüchen zu Iran auf sich aufmerksam. In der Frage Nordkoreas forderte er, die atomare Abrüstung müsse dem "Modell Libyen" folgen. Wohl auch deshalb stellte Nordkoreas Diktator Kim Jong Un das geplante Spitzentreffen mit Donald Trump infrage. Die Falken bestimmen die Außenpolitik im Weißen Haus. Auch Richard Grenell ist ein Falke, wenngleich ein schillernder.

Drei Tage vor dem Mittagessen war Grenell in Berlin gelandet, mit seinem Partner Matt Lashey, einem Entwickler von Gesundheits-Apps, ihrem Blue-Lacy-Hund Lola, mit sieben Koffern und Taschen, eine ziert seine Initialen, RG.

Acht Monate hat es gedauert, bis der Senat in Washington seine Nominierung bestätigt hat. Was an der hilflosen Blockadepolitik der Demokraten gegen Trump liegt, aber auch an der ungestümen Persönlichkeit des neuen Botschafters. Über Hillary Clinton tweetete er einmal, sie sehe immer mehr aus wie Madeleine Albright. Er hat sich dafür entschuldigt.

Man konnte die Reise des neuen Botschafters auf Instagram verfolgen. Dort teilt er sein Leben mit allen, die es sehen wollen. Man entdeckt unter vielen fröhlichen Selfies mit Freunden auch sein Haus in Palm Springs, das er mit seinem Partner selbst entworfen und eingerichtet hat, das Bild einer Drag Queen an der Wand, des Künstlers Magnus Hastings. Man lernt, dass Lola, dem Hund, drei Tumoren entfernt werden mussten. Man begleitet Grenell zum Britney-Spears-Konzert. Man sieht ihn mit einem Hut auf dem Kopf, den Truthahnschenkel zieren, beim "Turkey Trot", einem Benefizlauf zu Thanksgiving. Er ist sich für nichts zu schade, er lacht viel auf diesen Bildern.

Atmosphärisch wird sich der diplomatische Alltag in Berlin verändern. Grenell ist nicht gekommen, um den Flurschaden, den die Tweets und Statements aus Washington in Deutschland und Europa hinterlassen haben, wieder zu bereinigen. Er kann höchstens erklären, warum er entstanden ist.

Grenell ist laut, wie sein Präsident. Er twittert mehr als Trump. Ihm liegt die Provokation näher als der Kompromiss. Doch er sucht die konstruktive Auseinandersetzung, er fordert sie von seinem Gegenüber ein. Schreibt doch mal, was uns verbindet, und nicht nur, was uns trennt, empfiehlt er den Journalisten. Hört endlich auf die schweigende Mehrheit in eurem Land und nicht nur auf die, die laut sind. Er glaubt, dass Politiker wie Jens Spahn, Sebastian Kurz und Christian Lindner genau das begriffen hätten. Er wolle ein "begieriger Zuhörer" sein, sagt Grenell, aber er sei auch einer, der "rundheraus spricht".

Zu den Deutschen sprach er rundheraus gleich am ersten Amtstag mit einem Tweet: "Deutsche Firmen, die in Iran tätig sind, sollten ihre Geschäfte sofort herunterfahren." Trump hatte am selben Tag angekündigt, das Atomabkommen mit Iran aufzukündigen.

Der Tweet kam nicht gut an, er widersprach den Regeln der Diplomatie, dass man seinem Gastgeber nichts auftrage. Es liege ihm fern, den Deutschen Anweisungen zu geben, sagt Grenell. Und doch hat er diesen Satz bewusst gesetzt: Er ist nicht nur eine Drohung, man kann ihn auch als Angebot begreifen.

Er erwähnt das Beispiel der Chinesen, die sich nach Trumps ausdrücklichem Wunsch den Sanktionen gegen Nordkorea angeschlossen hätten. Dafür belohne sie Trump nun mit besseren Konditionen. Grenell erinnert daran, dass die EU mit den USA ja derzeit über Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium verhandelten. Trump werde ein Paket aus verschiedenen politischen Entscheidungen schnüren und sie nicht isoliert betrachten. Der Tweet, er sollte auch eine Verlockung sein.

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich innerhalb und außerhalb der Botschaftsmauern die Sicht auf die derzeitige Weltlage ist. Während in Zeitungen nach der Aufkündigung des Iran-Deals von einem Ende der westlichen Allianz die Rede ist, vermag der amerikanische Botschafter keinen tiefen Graben zwischen Europa und den USA zu erkennen. Im Gegenteil: Er sieht die Iran-Frage als Beleg, dass man auf derselben Seite stehe. Er rät, sich die Erklärung genau anzusehen, die Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu Iran abgegeben haben. Darin würden sie die Angst der USA, der Iran könne Atomwaffen erlangen, teilen.

Richard Grenell sieht sich als Freidenker, doch in Wahrheit ist auch er ein Teil der politischen Klasse. Nachdem er in Missouri studiert und später die Harvard Kennedy School mit einem Master abgeschlossen hatte, arbeitete er als Sprecher für den damaligen Gouverneur des US-Bundesstaats New York, George Pataki, als Sprecher der Oberbürgermeisterin von San Diego und für republikanische Kongressabgeordnete.

Im Jahr 2000 half er im Wahlkampf des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain, der schließlich George W. Bush unterlag. Bis heute bezeichnet er John McCain als seinen Mentor, obwohl man von McCain weiß, für wie gefährlich er Trump hält. "So beginnen Diktaturen", hat der republikanische Senator gesagt, nachdem Trump die Medien als "Feinde des Volkes" bezeichnet hatte. Für Grenell ist die Unabhängigkeit McCains entscheidend. Ihm sei es egal, was Republikaner über eine Sache denken würden, was die Demokraten. McCain mache sich jedes Mal ein eigenes Bild. Das bewundere er, so denke auch er.

Von 2001 bis 2008 war Grenell Pressesprecher für die US-Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York, so lange wie kein anderer. Schon damals war das Verhältnis zu den Deutschen angespannt: Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sich dem Irakkrieg verweigert, George W. Bush war mit seinem Folter- und Vergeltungsprogramm nach 9/11 bei den Deutschen ähnlich beliebt wie heute Donald Trump mit seinen Tweets.

Dennoch findet der neue Botschafter: "Man muss nur einen Tag bei den Vereinten Nationen verbringen, um zu spüren: Deutschland und die USA sind auf einer Seite. Wir sind Freunde, auch wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben. Wir glauben an dieselben Werte; Demokratie, Menschenrechte, an die Regeln des Gesetzes und den Kapitalismus."

Nach seiner Zeit bei der Uno gründete Grenell mit Capitol Media Partners sein eigenes Unternehmen. Die Firma berät Regierungen, Unternehmen und Persönlichkeiten mit außenpolitischen Interessen. Grenell arbeitete etwa mit George Clooney oder mit Ryan Gosling zusammen. Er kenne die Welt der Medien, sagt Grenell, "ich liebe sie". Er möchte in Berlin viel mit Journalisten arbeiten, auch, um ihren Blick auf Amerika zu weiten.

Außenpolitisch ist Grenell ein Hardliner, doch er hat auch weiche Seiten. Bisweilen bricht seine Stimme, etwa dann, wenn er über John McCain spricht, der ihn im Senat nicht mitwählen konnte, weil er sterbenskrank zu Hause ist. Wenn er über seine eigene Krebserkrankung spricht, die er mit Chemotherapien besiegt hat. Wenn er von der dicken Bibel erzählt, auf die er seinen Eid abgelegt hat: Sie stammt aus dem Jahr 1892 und gehörte seinem Ururgroßvater. Grenell ist gläubig, zu Hause betet er mit seinem Partner jeden Tag.

Emotional wird er auch, wenn er von Momenten erzählt, in denen seine Homosexualität politisch gegen ihn verwendet wurde.

Es war vor sechs Jahren, im August 2012. Ricard Grenell, damals 45 Jahre alt, stand im Honey Pot, einer Bar in Tampa, Florida. Eine Schwuleninitiative der Republikaner hatte zur Party eingeladen.

Kurz zuvor hatte der Parteitag der Republikaner den Mormonen Mitt Romney zum Präsidentschaftskandidaten nominiert, Grenell war in seinem Team der außen- und sicherheitspolitische Sprecher. Nach drei Wochen aber schmiss er hin, evangelikale Gruppen in der Partei hatten gegen ihn und seine sexuelle Orientierung gehetzt. Das Wahlkampfteam empfahl ihm, sich mit Äußerungen zurückzuhalten. "Es ging irgendwann nicht mehr um meine außenpolitische Kompetenz, sondern nur noch darum, dass ich schwul bin", sagte Grenell damals in der Bar. Das habe ihn tief getroffen.

Donald Trump dagegen, der erst vor Kurzem angeordnet hat, Transsexuelle aus dem Militär auszuschließen, hatte mit der Homosexualität seines neuen Botschafters offenbar kein Problem. Er machte Richard Grenell zu seinem bislang höchstrangigen offen schwulen Beamten. Das, sagt Grenell, habe nicht jeder von Trump erwartet. Es sei die ideologische Inkonsistenz, die Unberechenbarkeit.



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