AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Neue Antiwaffenbewegung Die Jugendlichen, die Amerika wachrütteln

In nur zwei Wochen wurden Schüler aus Parkland, Florida, zu Ikonen der Antiwaffenbewegung. Sie könnten erreichen, woran viele scheiterten: strengere Gesetze.

Schüler der Douglas Highschool in Parkland: Sie weigern sich, Opfer zu spielen
Angel Valentin / DER SPIEGEL

Schüler der Douglas Highschool in Parkland: Sie weigern sich, Opfer zu spielen

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Als Treffpunkt haben sie eine Eisdiele nicht weit von der Schule ausgesucht, zwischen Nagelstudio und Orthopädiepraxis, wo man als Teenager im Süden Floridas betet, dass endlich das verdammte Leben losgeht und einen von hier fortspült. Als wären sie immer noch die unbedarften Jungs aus Parkland wie vor diesem Valentinstag mit 17 Toten.

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Heft 10/2018
Die Wut der Autofahrer - und wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte

John sagt, er habe in den vergangenen zwei Wochen schnell lernen müssen, erwachsen zu werden. Adam sagt, die Welt sei größer geworden, sein Blick habe sich geweitet. Parkland wirkt plötzlich klein. Auf dem Tisch liegen ihre Smartphones, die dauernd vibrieren. Vor ein paar Tagen rief auf dem Telefon eines Mitschülers George Clooney an und versprach, er werde 500.000 Dollar spenden. Oprah Winfrey und Steven Spielberg sagten auch eine halbe Million zu. Es ist verrückt. Ihre Leben explodieren gerade. Herrgott, Clooney!

John Barnitt und Adam Alhanti sind 17 Jahre alt und Schüler der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland, nördlich von Miami. Zwei Jungs, die zu Aktivisten wurden, nachdem ein Ex-Schüler, Nikolas Cruz, in ein Gebäude eingedrungen ist und 3 Erwachsene sowie 14 Teenager erschossen hat. Der 19 Jahre alte Cruz feuerte mit einem halbautomatischen Gewehr vom Typ AR-15, das er legal in einem Laden unweit der Schule gekauft hatte. "Wie ist es möglich, dass ein normaler Mensch einfach in den Laden gehen und eine AR-15 kaufen kann?", fragt Adam.

Er ist wütend und mit ihm die ganze Schule, über 3000 Jungen und Mädchen, und dazu mindestens das halbe Land. Die Schießerei von Parkland hat die USA wachgerüttelt, so scheint es, und schon deshalb unterscheidet sich dieses Blutbad von vielen vorangegangenen: Es folgt nicht der alten Logik. Die Schüler weigern sich, Opfer zu spielen und still zu sein. In ihre Trauer mischen sich Zorn und die Entschlossenheit, die Waffengesetze zu verschärfen. Sie wollen ein Verbot halbautomatischer Schusswaffen, "assault weapons". Keine Kompromisse mehr, kein Gerede.

Als Präsident Donald Trump nach der Tragödie per Twitter seine Anteilnahme ausgesprochen hatte, schrieb die 16 Jahre alte Schülerin Sarah Chadwick: "Ich will deine Anteilnahme nicht, du verdammtes Stück Scheiße, auf meine Freunde und Lehrer ist geschossen worden." Spätestens da merkten viele in Washington, dass diesmal etwas anders ist.

Die Schüler von Parkland sind wortgewaltig und smart. Wer mit ihnen spricht, trifft junge Leute, die ein klares Ziel haben - ein generelles Verbot von Sturmgewehren. Nicht weniger. Sie sind geborene Antiwaffenlobbyisten. Ihr Hashtag lautet #NeverAgain, nie wieder dieser Horror. Gut möglich, dass in Parkland gerade eine neue Jugendbewegung entsteht.

Plötzlich diskutiert Amerika ernsthaft über die Frage, ob es sinnvoll ist, an jedermann Gewehre zu verkaufen, die eigentlich für Kriege gemacht sind. Es sieht aus, als verhielten sich die Schüler erwachsener als Erwachsene, dabei hatte sie das halbe Land zunächst als "these kids" belächelt, diese Kinder aus Parkland.

Inzwischen haben sich die Kinder mit einer der mächtigsten Organisationen des Landes angelegt, den Waffenlobbyisten der National Rifle Association (NRA). Sie setzen den Präsidenten und dessen Partei unter Druck und haben geschafft, was die Demokraten in Jahren nicht vermochten: dass in Washington ernsthaft über strengere Waffengesetze geredet wird.

Donald Trump erwägt, das Mindestalter für Käufer von Sturmgewehren auf 21 Jahre anzuheben. Am Mittwoch erklärte er vor einer verblüfften Runde Parlamentarier, man müsse auch die "background checks" verschärfen, die Überprüfungen der Waffenkäufer. Dann sagte er, einige am Tisch hätten Angst vor der NRA, er, Trump, habe keine: "Ich möchte jetzt ein starkes, wirklich starkes Gesetz." Das wäre mehr, als Barack Obama je erreicht hat, auch wenn es nur ein kleiner Schritt ist und weit weniger, als die Schüler fordern.

Das halbe Land wendet sich jetzt gegen die Waffenlobby. Fluggesellschaften, Versicherungen und Autovermieter strichen Rabatte für NRA-Mitglieder. Dick's Sporting Goods, einer der größten Sportartikelhändler in den USA, kündigte an, halbautomatische Waffen komplett aus dem Sortiment zu nehmen. In Umfragen spricht sich eine Mehrheit der Amerikaner für ein Verbot solcher Waffen aus. Am 24. März wollen die Schüler in Washington protestieren.

Gedenkstelle mit Namen der Opfer: "Wir sind sauer"
Angel Valentin / DER SPIEGEL

Gedenkstelle mit Namen der Opfer: "Wir sind sauer"

Es ist kein Zufall, dass all dies passiert, während Donald Trump im Weißen Haus sitzt, der sich im Wahlkampf der Waffenlobby andiente. Ähnlich wie die Aktivistinnen in der #MeToo-Debatte profitieren auch die Waffengegner von der Wut über einen Präsidenten, der sich instinktiv seinen radikaleren Unterstützern zuwendet, anstatt die Mitte zu suchen. In Parkland halten sie seine Versprechen, die Waffengesetze zu verschärfen, für hohles Gerede.

"Wir sind motiviert dadurch, dass Trump im Amt ist", sagt Adam vor der Eisdiele. Adams Generation wuchs mit Twitter, Facebook, Snapchat und Instagram auf. Sie beherrscht die neuen Medien und übt Einfluss auf Konzerne aus, die um ihr Ansehen bei jungen Kunden fürchten.

Das Problem, sagt John, sei der Begriff "assault weapons", Sturmgewehre. Was fällt darunter, was nicht? Müsste man am Ende womöglich Tausende verschiedene Waffentypen verbieten? Diese Fragen diskutieren die Jugendlichen, es kommt auf Worte an, auf Definitionen. Sie merken, dass Politik kompliziert ist.

Für sie spricht, dass sie authentisch sind, als Überlebende eines Attentats. Sie verachten all die Scheinheiligkeiten und Ausreden, hinter denen sich die politische Klasse bislang versteckte. Täglich sterben durchschnittlich 96 Menschen in den USA an Schussverletzungen - die Wut der Teenager ist verständlich und überfällig.

Zur Kerngruppe der Aktivisten von Parkland zählen 19 Schüler, darunter Emma González, Tochter eines kubanischen Immigranten. González hielt nach dem Blutbad mitreißende Reden und wurde mit ihrem raspelkurz geschorenen Haar zur Ikone der Bewegung, mit über 1,1 Millionen Followern auf Twitter.

Oder David Hogg, der im Fernsehen erklärt, warum sich der Umgang mit Waffen ändern muss. Oder Delaney Tarr mit der schwarz umrandeten Brille, die sagt, ihre Generation habe nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Würde man Aktivisten per Casting suchen, sie alle wären perfekt. Kein Wunder, dass ihnen absurderweise vorgeworfen wurde, sie seien Schauspieler. Die Idee zu #NeverAgain hatte der Schüler Cameron Kasky gleich am Tag nach der Tragödie. Kasky ist wie viele, die gerade öffentlich auftreten, Mitglied der Theater-AG. Er spielte zuletzt die Rolle des Schneiders Mottel im Musical "Anatevka". In der Woche nach dem Attentat sahen ihm Millionen in Amerika zu, als er bei einer Diskussion live auf CNN den republikanischen Senator Marco Rubio in Grund und Boden redete.

"Senator Rubio", hob Kasky an, "versprechen Sie mir, dass Sie keine einzige Spende mehr von der NRA annehmen?" Die Zuschauer im Saal tobten, Rubio antwortete, dass ihn die Leute wegen seiner Überzeugungen unterstützten, nicht umgekehrt. Es war eine Politikerantwort, berechenbar und aalglatt. Kasky bohrte nach, bis Rubio am Ende entblößt dastand, ratlos. Anschließend rutschten die Beliebtheitswerte des Republikaners steil nach unten. Viele Parkland-Schüler sehen in Rubio den Feind.

Video-Animation: Die bewaffnete Nation

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Die Stoneman Douglas Highschool, die Redetalente wie Kasky, Hogg, González und andere hervorbringt, liegt am östlichen Rand der Everglades, umgeben von Palmen, Kanälen und Einfamilienhäusern, die aussehen wie kleine Schlösser. Vor den Garagen stehen Geländewagen. Die Schüler sind mehrheitlich weiß und gelten als "brats", schlaue Emporkömmlinge, oft aus wohlhabenden Familien.

Am Dienstag gehen fünf von ihnen über den Rasen eines Hockey- und Freizeitparks in der Nähe der Schule und bleiben auf einem Hügel stehen. Sarah Chadwick ist unter ihnen, die Trump ein "Stück Scheiße" nannte, Kirsten McConnell, Diego Pfeiffer, dazu John und Adam aus der Eisdiele, alle im Organisationsteam von #NeverAgain. Sie blicken auf weiße Pavillons auf dem Rasen, improvisierte Gedenkstätten für die 17 Opfer. Schüler und Eltern legen Blumen und Kuscheltiere ab, das Rote Kreuz verteilt Wasser.

Seit der Schießerei treffen sie sich fast täglich. Sie halten an ihrem Ziel fest, die Waffengesetze zu verschärfen. John sagt, das sei ihre Art der Trauer. Wenn sie nicht zusammen sind, schicken sie sich über ihren Gruppenchat Textnachrichten. Einige von ihnen sind nach Washington geflogen, um mit dem Senator Bernie Sanders und Nancy Pelosi von den Demokraten zu sprechen. Sie wollen auch noch zu Paul Ryan, dem konservativen Sprecher des Abgeordnetenhauses.

"Das Problem ist, dass die NRA unsere Politiker gekauft hat", sagt Sarah. "Über drei Millionen Dollar im Fall von Marco Rubio, zehnmal so viel bei Trump. Wir sind sauer." Sarah hatte nach dem Attentat in einer aufwühlenden Rede erzählt, sie sehe in der Schule ihr Zuhause. Kein Schüler in den USA dürfe Angst haben, zum Unterricht zu gehen. Inzwischen folgt ihr eine Viertelmillion Menschen auf Twitter.

Diego sagt: "Wir haben die ersten Schritte getan. Nach der Demo in Washington werden Politiker ihre Haltung ändern, auch nach den Zwischenwahlen zum Kongress im November." Er ist optimistisch.

Kirsten findet es gut, dass Politiker sich vor Teenagern fürchten. Inzwischen bekommen die Schüler neben Geldspenden Unterstützung von Antiwaffenorganisationen; eine PR-Firma kümmert sich um Interviewanfragen an die Teenager.

Am Mittwoch kündigt die Supermarktkette Walmart an, keine Waffen an Kunden unter 21 Jahren zu verkaufen. Noch ein kleiner Schritt im Kampf gegen die Lobby. Die Parkland-Schüler spüren, dass sich etwas bewegt. Sie haben eine Maschine in Gang gesetzt. Sie lassen sich nicht aufhalten.



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