AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2016

Wirtschaftskrimi Die Maschi-und-Utz-Show

Der bizarre Streit zwischen Carsten Maschmeyer und seinem ehemaligen Geschäftspartner Utz Claassen geht weiter: Nun beginnen die zwei schillernden Figuren der deutschen Unternehmerszene einen Kleinkrieg.

Carsten Maschmeyer
Daniel Pilar/laif

Carsten Maschmeyer


Es gab einmal eine Zeit, da sandte Carsten "Maschi" Maschmeyer seinem Geschäftspartner Utz Claassen ausgesucht liebevolle Zeilen. "Schon 1963 wusste man, dass mit Dir ein Goldstück auf die Welt kam", schrieb er dem "lieben Utz" zu dessen Geburtstag am 7. Mai. "Und dass Du ein Herz aus Gold hast, hat sich bis heute nicht geändert."

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Heft 42/2016
Jaber Albakr, eine Heldentat und das Versagen der Justiz

Anschließend muss etwas schiefgelaufen sein in der Beziehung der beiden.

Gut ein Jahr später lässt Maschmeyer Strafanzeige gegen das "Goldstück" einreichen. Er wirft Claassen Untreue bei dem Medizintechnikunternehmen Syntellix vor, an dem beide beteiligt sind. Und Claassen erstattet seinerseits Anzeige gegen Maschmeyer wegen Beleidigung. Er sagt, Maschmeyer habe "ein Niveau unterhalb von Gina-Lisa Lohfink - das können Sie zitieren". Und dieser kontert: Er wünsche Claassen "gute Besserung".

Niveau-Alarm: Willkommen in der Maschi-und-Utz-Show, in der sich zwei schillernde Figuren der deutschen Unternehmensszene bekriegen. Es geht um viel Geld, ein Hightech-Unternehmen - und natürlich auch um die Eitelkeiten zweier Männer, deren Egos mindestens so groß sind wie ihr Vermögen.

Runde eins ging an Claassen. Beendet ist der Kampf damit freilich nicht. Denn jetzt folgt Runde zwei. Und darin entwickelt sich die Auseinandersetzung zu einem Wirtschaftskrimi.

In der ersten Runde nahm die Staatsanwaltschaft Hannover noch nicht einmal Ermittlungen gegen Claassen auf, dem Maschmeyer vorgeworfen hatte, er habe mittels eines Sponsorenvertrags Geld von Syntellix in die Kassen des spanischen Zweitligaklubs Real Mallorca gelenkt, bei dem er Präsident und Miteigentümer war. "Derartige Werbeverträge gehören zu den branchenüblichen Maßnahmen eines umsatzorientierten Unternehmens", urteilte die Staatsanwaltschaft. "Bloße Vermutungen rechtfertigen es nicht, jemandem eine Tat zur Last zu legen."

In Runde zwei hat das Unternehmen Syntellix, bei dem Claassen als Aufsichtsratsvorsitzender agiert, Strafanzeige gegen den Miteigentümer Maschmeyer und dessen zeitweiligen Vertreter im Syntellix-Aufsichtsrat, Klaus Schieble, gestellt. Vorgeworfen wird ihnen "Verletzung der Geheimhaltungspflicht, Untreue u. a.".

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen zwei Firmen. Die eine, Syntellix AG, hat ihren Sitz in Hannover. Sie wurde von Claassen gegründet. Maschmeyer ist seit rund drei Jahren mit knapp sieben Millionen Euro beteiligt.

Das andere Unternehmen heißt Arthrex und ist ein US-Konzern mit einer Hauptniederlassung in München. Arthrex ist wesentlich größer als Syntellix und weltweit vertreten.

Was die beiden Firmen verbindet, ist ein zukunftsweisendes Produkt. Beide bieten Schrauben und Platten an, mit denen Knochen nach Brüchen wieder verbunden werden können. Bislang werden diese Teile häufig aus Titan gefertigt und müssen in einer zweiten Operation wieder entfernt werden.

Arthrex und Syntellix haben unabhängig voneinander Knochenschrauben entwickelt, die sich im Körper auflösen und nach dem Heilungsprozess nicht wieder entfernt werden müssen. Das macht eine zweite Operation überflüssig und senkt die Behandlungskosten. Experten sagen den Schrauben eine große Zukunft voraus.

Utz Claassen
Stefan Thomas Kroeger/laif

Utz Claassen

Syntellix und sein Gründer Claassen glauben, in diesem Wettstreit die besseren Chancen zu haben.

Syntellix nutzt eine Magnesiumverbindung als Basis für seine Schrauben, die deutlich stabiler sein soll als die Materialien von Konkurrenten. Im Vergleich zu den Knochenschrauben aus Hannover verfügen die Konkurrenzprodukte nur "über ein Fünftel der Festigkeit", heißt es in der Strafanzeige von Syntellix.

Diesen Vorteil will Syntellix im Kampf um den Milliardenmarkt nutzen. "Es war unser eindeutiges Ziel, die Arthrex-Implantate vollständig vom Markt zu verdrängen", sagt Claassen. Deshalb reagieren Claassen und der Syntellix-Chef Thomas Mayer recht sensibel auf die Vorgänge rund um den 27. August 2015. Das war der Tag, an dem das Verhältnis zwischen Claassen und Maschmeyer erschüttert wurde. Claassen sagt, da habe "der Carsten sein wahres Gesicht und seine niederträchtigen Absichten bei Syntellix offenbart".

Anlass für den Streit war eine Kapitalerhöhung des Unternehmens, die seit Langem verabredet war. Es war eine in einer ganzen Reihe von Kapitalerhöhungen. Denn Claassen führt Syntellix nach einem Prinzip, das er als junger Manager der spanischen VW-Tochter Seat vom Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch gelernt hatte: Danach soll man einem Unternehmen nur so viel Geld geben, dass es gerade über die Runden kommt. "Dann strampeln die Leute immer schön", so der Rat von Piëch.

Im August 2015 half bei Syntellix aber auch kein Strampeln mehr. Das Unternehmen brauchte frisches Geld. Maschmeyer und Claassen hatten verabredet, dass dafür ein dritter Großinvestor ins Unternehmen geholt werden sollte, ein Unternehmer aus Baden-Württemberg. Als der Syntellix-Vorstand am 26. August beschloss, 183.333 Aktien zum Stückpreis von rund zwölf Euro an dessen Gesellschaft zu verkaufen, kam es zum Eklat.

Der Syntellix-Aufsichtsrat Schieble habe diese Information trotz Geheimhaltungspflicht an Maschmeyer weitergegeben, heißt es in der Strafanzeige. Dieser reagierte prompt und legte kurz vor der entscheidenden Sitzung ein eigenes Angebot zur Kapitalerhöhung über 13,50 Euro pro Aktie vor.

Schieble erklärt dazu, er habe "den Preis nicht offenbart". Er habe Maschmeyer lediglich gesagt, dass die Aktie "deutlich unter" den bislang von Maschmeyer gewohnten 15 Euro angeboten werden sollte. Er wollte "ein höheres und damit für das Unternehmen günstigeres Angebot erhalten, was ich als meine Pflicht als Aufsichtsratsmitglied sah".

Wegen formaler Mängel lehnte der Vorstand das Angebot Maschmeyers dann ab. Wäre Maschmeyer zum Zug gekommen, dann hätte er die Mehrheit an Syntellix übernehmen können. Genau dies, sagt Claassen, sei auch dessen Absicht gewesen. Maschmeyer habe zu diesem Zeitpunkt bereits den Plan gehabt, Syntellix anschließend gewinnbringend zu veräußern, wahrscheinlich an den Konkurrenten Arthrex. So steht es in der 32-seitigen Strafanzeige. Als Indiz wird eine E-Mail angeführt, die der Maschmeyer-Vertraute Schieble nachts um 1.04 Uhr an den Arthrex-Eigentümer geschickt hatte. "Lieber Herr Schmieding", heißt es darin, "leider komme ich erst jetzt dazu, Ihnen die versprochenen ersten Informationen zu Syntellix und dem einzigartigen Wirkstoff Magnezix zukommen zu lassen."

Dann folgt eine Auflistung von neuen Produkten, wie "Pins, Interferenzschrauben, Fadenankern", die Syntellix auf den Markt bringen wollte.

Außerdem enthält die Mail auch Angaben zur Internationalisierungsstrategie, Informationen, die zum damaligen Zeitpunkt "höchstvertraulich" und "geheim" gewesen seien, heißt es in der Strafanzeige. Die Weitergabe an den Konkurrenten sei einem Aufsichtsrat nicht nur verboten, sondern sie sei auch geschäftsschädigend gewesen.

Schieble bestreitet den Inhalt der Mail nicht. Er sagt, er habe "keinerlei Geschäftsgeheimnisse an Konkurrenzfirmen weitergegeben".

Maschmeyer sagt zu den Vorwürfen, das sei alles Unsinn. Er habe keinesfalls die Mehrheit an Syntellix übernehmen und die Firma anschließend an den Konkurrenten Arthrex verkaufen wollen: "Ich kenne niemanden von Arthrex."

Claassens Berater verweisen darauf, dass Arthrex-Eigentümer Reinhold Schmieding eine Villa Maschmeyers am Starnberger See für einen zweistelligen Millionenbetrag gekauft hat.

So schlagen sich die Kontrahenten die Vorwürfe gegenseitig um die Ohren. Ob der eine den anderen hintergangen hat oder dies zumindest versuchte, muss nun die Staatsanwaltschaft Hannover klären.

Für Maschmeyer hat die Auseinandersetzung unangenehme Nebenwirkungen. Sie stört ihn bei einem sehr persönlichen Projekt. Eigentlich will Maschmeyer ein neuer Maschmeyer sein: nicht mehr der Drücker-König, der mit Schnauzbart und Sprüchen ("Titten gucken, Titten gucken, Titten gucken") den Finanzvertrieb AWD aufbaute und seinen Anteil später für rund 600 Millionen verkaufte, sondern der seriöse Investor, der seine Millionen in junge Unternehmen steckt. Im realen Leben wie in der TV-Show "Die Höhle der Löwen".

Die Strafanzeige weckt Zweifel am Wirken des Investors Maschmeyer. Sie zeigt einen Unternehmer, der seine Geschäftspartner einerseits umschleimt ("Goldstück"), wenn er etwas von ihnen will, andererseits aber mit allen Mitteln seinen eigenen Vorteil sucht.

Maschmeyer-Vertraute sind sich sicher, dass sich der Unternehmer so schnell nicht geschlagen gibt - und die Auseinandersetzung bald in die dritte Runde gehen wird.

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Jaber Albakr, eine Heldentat und das Versagen der Justiz


insgesamt 5 Beiträge
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svennzon 18.10.2016
1. Leute die die Welt nicht braucht.
Was für ein kindisches Schmierentheater von 2 windigen Schmierlappen. Kriegen den Hals nicht voll, den man bei dem einen der beiden gar nicht zu sehen scheint...Abi 0,7 aber sozial etc. nix auf den Felgen. Einfach nur dumm, die Justiz durch solche Vögel auf Trab zu halten. Ab ins Dschungelcamp. Dort könnt ihr wie Frauen um die Wettervorhersage zicken.
Halcroves 18.10.2016
2. Vom Drückerkönig zur schillernden Figure der deutschen Unternehmerszene
Kostet bestimmt nen Taler wenn man sein Image aufpoliert. Letzten laß ich ebenfalls im seriösem Spiegel er sei nun Filminvestor oder -Produzent. Ist die Welt billig geworden.
Wackadoo 18.10.2016
3. Gruselig
Es gab einmal eine Zeit, da sandte Carsten "Maschi" Maschmeyer seinem Geschäftspartner Utz Claassen ausgesucht liebevolle Zeilen. "Schon 1963 wusste man, dass mit Dir ein Goldstück auf die Welt kam", schrieb er dem "lieben Utz" zu dessen Geburtstag am 7. Mai. "Und dass Du ein Herz aus Gold hast, hat sich bis heute nicht geändert." IGITT!!!! Ob Classen das wirklich geglaubt hat? Das klingt so perfide, dass es mir kalt den Rücken hinunter läuft. Ein Rätsel ist für mich auch: wie halten es die Frauen mit solchen Kerlen aus?
irene_vaplus 19.10.2016
4. Goldstück
Solcherlei Glückwünsche sind ja nicht nur von exorbitanter Vulgarität, sie faszinieren auch durch eine bezaubernde Effeminierung. Als wären Hanni und Nanni in ihren späten Jahren auf Sinnsuche in einem Dekokatalog, wo es immer so tolle Lebenshilfen auf Kleinmöbeln und Accessoires im Shabby Cic gibt: Wenn dich dein Leben anödet, streu Glitzer drauf. | Mit herbstlichen Sonnengrüßen aus dem vom Sturm umarmten Bad Liebenzell oder so.
fc-637124 05.11.2016
5. Maschmeyer/Claassen
sollen sich diesen Herren doch belügen, betrügen und das Geld abjagen, wie sie möchten. Es ist nur ägerlich, dass Leute nicht bestraft werden, die Menschen um ihre ersparten Gelder betrogen haben, die sich diese für ihr Lebensabend angespart hatten.
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