AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Teuflische Krähe Wie bei Hitchcock

Eine Krähe im kanadischen Vancouver verbreitet Angst und Schrecken. Was ist da los?

Krähe Canuck
Thecrowandi

Krähe Canuck

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Der Film "Die Vögel" von Alfred Hitchcock handelt von einer Stadt in Kalifornien, die langsam außer Kontrolle gerät. Vögel lassen eine Tankstelle in Flammen aufgehen, hacken ihren Opfern die Augen aus, stürmen Wohnungen durch den Kaminschacht und jagen Schulklassen die Straße herunter. Am Ende beherrschen sie den Ort, weil die Angst der Menschen ihnen die Macht dazu gibt.

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Heft 41/2017
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Bisher dachte man, dies sei eine gruselige Fantasie, denn Vögel seien zu so etwas nicht fähig. Dann kam Canuck die Krähe.

Die "Washington Post" hat inzwischen über den Vogel berichtet, der "Guardian", die BBC. Er ist Protagonist eines eigenen Dokumentarfilms, wurde in Öl gemalt, hat einen Twitter-Account und fast 100.000 Fans auf Facebook. Menschen auf der ganzen Welt feiern am 9. Mai seinen Geburtstag. Wenn Canuck mal einen Tag nicht auftaucht, melden sich Hunderte besorgter Menschen, die für die Krähe beten. Ebenso viele, so scheint es, wünschen ihr einen gewaltsamen Tod.

Das ist ihre Geschichte:

Als Küken fiel Canuck vor zwei Jahren aus dem Nest, wurde von einem Jungen in Vancouver aufgesammelt, großgezogen und wieder freigelassen. Der Vogel hat die Scheu vor Menschen verloren - und wohl auch den Respekt. Canuck klaut Schlüssel, Kreditkarten, Geld, Büstenhalter, Zigaretten, Stifte und Sonnenbrillen. Er besucht des Öfteren McDonald's und bedient sich dort an den Burgern. Er fährt ohne Ticket in der Metro, fliegt durch die Fenster von Autos, setzt sich auf das Lenkrad und fährt eine Weile mit. Die Bewohner Vancouvers fanden das bisher amüsant. Doch in letzter Zeit bekommt Canuck immer mehr Probleme mit Institutionen, die Recht und Ordnung verkörpern. Man könnte sagen, die Krähe gerät außer Kontrolle.

Sie stahl eine Taste eines Polizeicomputers, stürzte sich auf einen Radfahrer, der schreiend davonlief, und klaute eine Tatwaffe von einem abgesperrten Tatort: Ein Mann hatte auf einem Parkplatz sein Auto in Brand gesteckt, mehrere Polizisten mit einem Messer bedroht, Schüsse fielen, der Mann wurde verhaftet, dann kam Canuck und stibitzte das Messer.

Ein paar Wochen später fühlte ein Briefträger in Vancouver einen starken Schmerz auf der Schulter, sah aus dem Augenwinkel einen Schnabel mehrmals zustechen, dann fing die Wunde an zu bluten. Es war Canuck. Für mehrere Monate weigerte sich die kanadische Post, Briefe in der Gegend auszuteilen, "bis die Gefahr gebannt ist", wie ein Postsprecher erklärte, denn die Sicherheit der Angestellten habe "oberste Priorität".

Man könnte meinen, die Gefahr sei leicht aus der Welt zu schaffen, doch es gibt einen Mann, der Canuck gegen alle Vorwürfe und Bedrohungen verteidigt; sein Name ist Shawn Bergman, und es ist sein Briefkasten, den die Krähe bewacht. Bergman sagt, Canuck sei einfach ein neugieriger kleiner Vogel.

Er erklärte, die Krähe wolle nur ihr Nest verteidigen, so wie "gute Eltern eben ihre Kinder verteidigen". Bergman bot der kanadischen Post an, Seminare zu geben, damit sich die Postboten besser auf Krähenangriffe vorbereiten könnten. Alternativ, so schlug er vor, könne der Briefträger auch einen Regenschirm tragen. Die Post lehnte beides ab. Es gab Morddrohungen gegen Canuck.

Drei Monate später war die Brutsaison vorbei, und die Briefträger trauten sich wieder in Bergmans Straße.

Aus Bergmans Sicht ist die ganze Sache ein Missverständnis. Als er Canuck kennenlernte, litt Bergman unter Depressionen. Er sagt, ohne die Krähe wäre er heute wahrscheinlich tot. Sie war am Tag ihrer Auswilderung auf seinen Arm geflogen und hat ihn seitdem nur selten verlassen. Jeden Morgen wartet sie auf ihn vor dem Haus, hüpft auf seine Schulter, begleitet ihn zum Café. Die beiden verbringen dann viel Zeit im Park und in der Nachbarschaft. Jeden Tag stellt Bergman ein Video von Canuck auf seine Facebook-Seite, er wacht über ihn wie über ein krankes Kind. Nachts schläft Bergman in seinem Bett, die Krähe in ihrem Nest. Aber sie begleitet ihn bis in seine Träume, und manchmal hört er ihr Krächzen, obwohl sie gar nicht da ist.

Er glaubt, so schreibt er in einer E-Mail, dass Canuck auch manchmal von ihm träume und dass der Vogel gern Zeit mit ihm verbringe, weil sie Freunde seien.

Bergman ist ein scheuer Mensch, der selten vor die Kamera tritt und Fragen am liebsten schriftlich beantwortet. Aber aus seinem Umfeld hört man, dass er früher nie mit seinen Nachbarn geredet habe. Die Krähe habe ihn gezwungen, auf die Welt zuzugehen.

Die Geschichte einer Freundschaft zwischen Mensch und Tier klingt faszinierend, weil wir es schön finden, wenn Tiere sich wie Menschen benehmen. Es gibt uns die Illusion, wir würden sie verstehen. Es macht das Fremde weniger fremd. Wahrscheinlicher ist, dass die Geschichte der Freundschaft ein Missverständnis ist. Wahrscheinlicher ist, dass viele Fans von Canuck in ihm das sehen, was sie sehen möchten: einen Hooligan Vancouvers, einen Rebellen gegen die Ordnung, einen Retter verlorener Seelen.

Krähen sind intelligente Tiere. Sie können sich Gesichter merken, Werkzeuge basteln, Artgenossen täuschen und mit Wölfen paktieren. Sie leben in unserer Nähe, und sie beobachten uns sehr genau.

Wahrscheinlich hat Canuck festgestellt, dass Shawn Bergman ihm nützlich ist bei der Suche nach Futter und den vielen interessanten Dingen, die eine große Stadt zu bieten hat. Und wahrscheinlich ist, dass Canuck weder der Freund der Menschen ist noch ihr Feind, sondern nur eine Krähe.



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