AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Venezuela Wie sich Präsident Maduro einen Gangsterstaat schuf

In Venezuela hungert das Volk, während sich Minister, Generäle und Richter bereichern. Unsere Autoren haben monatelang recherchiert, wie der Präsident seine Regierung und das Militär in ein Drogenkartell umgebaut hat.

Nicolas Maduro
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Nicolas Maduro

Hier ist der Bericht von und


Wie eine gigantische Pyramide liegt das Gefängnis des venezolanischen Geheimdienstes Sebin auf einem Hügel im Zentrum von Caracas. El Helicoide, das Schneckenhaus, heißt der berüchtigte Bau im Volksmund. Über 300 Häftlinge sitzen hier ein, viele sind politische Gefangene. Die fensterlosen Zellen sind winzig. Insassen berichten, dass man die Schreie der Gefolterten hören kann. Familienangehörige der Häftlinge warten vor der Einfahrt; Polizisten kontrollieren jedes Auto.

Es gibt auch einen VIP-Bereich in dem düsteren Bau. In einer geräumigen Zelle mit Aircondition residiert der Drogenboss Walid Makled, den sie wegen seiner arabischen Abstammung nur "El Turco" nennen. Er entscheidet, welcher Häftling eine Matratze bekommt und wer auf dem Boden schlafen muss. Makled hat Internetzugang, twittert und verschickt Botschaften via Instagram. Wenn es ihm zu langweilig wird, verlässt er das Gefängnis und amüsiert sich in Diskotheken und Bordellen.

"Makled ist der wahre Herrscher von El Helicoide", sagt Mildred Camero, einst Direktorin der Behörde zur Rauschgiftbekämpfung. Seine Position habe er sich mit Herrschaftswissen erkauft: Makled hat einen großen Teil der venezolanischen Regierung in der Hand. Er weiß, welche Offiziere Kokain verschieben, welche Minister Drogengelder waschen.

Vor acht Jahren wurde Makled in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta verhaftet. Später beschuldigte er über 40 venezolanische Generäle und hohe Funktionäre der Regierung Hugo Chávez des Rauschgifthandels - unter ihnen den heutigen Vizepräsidenten Tareck El Aissami und Diosdado Cabello, den starken Mann unter Chávez' Nachfolger Nicolás Maduro. Dieses Wissen ist heute seine Lebensversicherung. "Makled hat Dokumente bei Anwälten in der ganzen Welt deponiert", sagt sein Rechtsbeistand Miguel Ramírez Gaitán. "Wenn ihm etwas zustößt, wird es veröffentlicht."

Präsident Maduro hat Makled offenbar eingespannt, um seine Gegner zu diskreditieren - als Gegenleistung gewährt die Regierung ihm wohl die Sonderbehandlung im Knast. Über Instagram beschuldigt der Drogenkönig hohe Ex-Funktionäre, die sich von Maduro abgesetzt haben, sie hätten von Drogengeschäften und Korruption profitiert. So lenkt Maduro von seiner eigenen Familie ab.

Im Dezember hatte ein Richter in New York zwei Neffen der venezolanischen First Lady Cilia Flores wegen eines geplanten Drogendeals verurteilt. Sie wollten 800 Kilogramm Kokain aus Kolumbien über den Präsidentenhangar des Flughafens von Caracas in die USA schleusen. Die Einkünfte aus dem erhofften 20-Millionen-Dollar-Geschäft hätten, so Maduros Neffen, den Wahlkampf der First Lady finanzieren sollen, die sich damals um ihre Wiederwahl ins Parlament bewarb. Der Richter schickte die beiden für 18 Jahre hinter Gitter.

Das Urteil zielte direkt ins Herz eines Regimes, das Venezuela in den vergangenen Jahren zur Gangsterrepublik umgebaut hat. Ein Land, in dem Minister, Richter, Generäle, Geheimdienstchefs und Manager von Staatsbetrieben zu Reichtum gekommen sind, während die Menschen hungern. Inzwischen steht fast die gesamte Elite des Staats auf internationalen Fahndungs- und Sanktionslisten. Es fällt schwer, in Maduros Umfeld jemanden zu finden, dem nicht der Handel mit Drogen oder Waffen vorgeworfen wird, Schmuggel oder Korruption.


Fotostrecke: An der Grenze des Schmuggels
Der Fotograf Mateo Gómez Garcia wurde 1988 in Bogotá geboren und studierte Fotografie in Argentinien. Seit 2009 lebt und arbeitet er wieder in Kolumbien. Mit seinen Bildern versucht er, Menschen zu zeigen, die tendenziell vergessen werden. Genauso beschäftigt ihn das komplexe Leben in der Großstadt in exklusiven geschlossenen Gemeinschaften. Dabei sind ihm Humor und Ironie in seinen Bildern stets sehr wichtig.

Im Mittelpunkt dieses Systems steht Präsident Maduro, ein knapp zwei Meter großer Mann mit mächtigem Schnauzer. Bevor Hugo Chávez 2013 starb, erkor er seinen Vizepräsidenten zum Nachfolger. Die Welt belächelte Maduro, der früher als Busfahrer gearbeitet hatte und gern erzählt, dass der tote Chávez ihm gelegentlich als Vögelchen erscheine.

Maduro fehlten damals vor allem Verbindungen ins einflussreiche Militär. Beobachter sahen sein Regime am Ende, als der Ölpreis einbrach, als Bilder leerer Supermarktregale um die Welt gingen - und Babys starben, weil das Land kein Geld mehr hatte, um Medikamente und Lebensmittel zu importieren.

Der Präsident schien erledigt, als seine Gegner im Dezember 2015 die Parlamentswahl gewannen, und im vergangenen Frühjahr, als Zehntausende gegen die Missstände protestierten, gegen eine Inflationsrate von geschätzt 900 Prozent, gegen die willkürliche Festnahme Oppositioneller, gegen die Tatsache, dass ein Venezolaner im Verlauf der letzten Jahre im Schnitt 8,7 Kilogramm an Gewicht verloren hat.

Doch Maduro lässt Proteste blutig niederschlagen, er hat das Parlament entmachtet, indem er eine verfassunggebende Versammlung einberief, die ihm treu ergeben ist. Die USA froren sein Vermögen ein, auf der Sanktionsliste steht er nun neben Despoten wie Baschar al-Assad und Kim Jong Un. Aber noch ist er da, bei der Wahl am 20. Mai hat Maduro beste Chancen zu gewinnen.

Sein Sieg gilt als sicher, das Regime kontrolliert alle wichtigen Institutionen. Die Opposition hat sich größtenteils zum Boykott der Wahl entschieden. Die USA, die EU und die meisten lateinamerikanischen Länder werden sie nicht anerkennen.

Es gibt viele Gründe für das Überleben des Regimes. Die Opposition ist zerstritten, China und Russland stützen Maduro mit Krediten. Internationale Fondsmanager profitierten jahrelang von venezolanischen Staatsanleihen. Vor allem aber schuf die Führung in Caracas ein System, das auf persönlicher Bereicherung, wechselseitigen Abhängigkeiten sowie der Mitwisserschaft gemeinsam begangener Verbrechen beruht. Es ist derselbe Kitt, der auch die Mafia zusammenhält.


Im Video: In Maduros Gangsterstaat
SPIEGEL-Korrespondent Jens Glüsing erklärt, warum man Venezuela als Gangsterstaat bezeichnen kann, und gibt einen Ausblick auf die weitere Entwicklung des Landes.

Meredith Kohut / Der Spiegel

"Streitkräfte, Polizei und Regierung kämpfen um Pfründe und plündern den Staat aus", sagt der ehemalige Polizeichef Rafael Rivero Muñoz. "Dabei neutralisieren sie sich gegenseitig. Keine Mafia ist stark genug, um allein zu herrschen." Das erkläre auch, warum es bislang nicht zu einem Militärputsch gekommen sei: "Die Macht der Banden ist horizontal verteilt, es gibt keine Hierarchie." In seiner Wohnung in Caracas hat Muñoz ein Archiv der korrupten Herrschaftsclique zusammengestellt, die Namen Chávez und Maduro sind dutzendfach vertreten.

Prozesse wie der gegen die Maduro-Neffen, Recherchen von Korruptionsermittlern in Brasilien, Zeugenaussagen von Überläufern - dies sind die Mosaiksteine, die sich zu einem Bild zusammenfügen: Venezuela ist ein Mafiastaat.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der Mann, der als Retter der Nation angetreten war, ihren Niedergang eingeleitet hat: Hugo Chávez, der charismatische Caudillo. Unter ihm begann der Prozess, der den wohlhabenden Ölstaat zum korruptesten Land Lateinamerikas und wichtigsten Transitland für Rauschgift gemacht hat. 160 Tonnen Kokain werden jährlich im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela produziert, schätzt die kolumbianische Polizei.

Als Chávez 1999 Präsident wurde, war Drogenhandel kaum ein Thema. Die Fahnder hatten vor allem Kolumbien im Visier, das zum weltweit größten Exporteur von Kokain aufgestiegen war. Die Drogenbanden agierten unter dem Schutzschirm einer Organisation, die bald darauf zum größten Drogenkartell Lateinamerikas aufsteigen sollte: der marxistischen Farc-Guerilla. Sie kontrollierte die unzugänglichen Grenzregionen, trieb Schutzgelder von den Kokabauern ein und kassierte Wegezoll von den Drogenhändlern. Kokain wurde zur wichtigsten Einkommensquelle.

äsident Maduro (vor einem Plakat seines Vorgängers Hugo Chávez): Ein System persönlicher Bereicherung
DPA

äsident Maduro (vor einem Plakat seines Vorgängers Hugo Chávez): Ein System persönlicher Bereicherung

Chávez empfand Sympathie für die Rebellen im Nachbarland - und half ihnen. E-Mails des ehemaligen Farc-Comandante Raúl Reyes belegen, wie eng Chávez mit den Rebellen paktierte; kolumbianische Soldaten fanden sie auf einem Laptop des 2008 getöteten Guerillabosses.

So beauftragte Chávez, der bei der Farc unter dem Decknamen "Engel" geführt wurde, seinen Innenminister und den Chef des militärischen Geheimdienstes mit der Pflege der Farc-Kontakte. Die Guerilla durfte ihre Lager in Venezuela errichten, viele Guerilleros wurden mit venezolanischen Papieren ausgestattet.

Mindestens ein Drittel des Kokains aus Kolumbien wird über Venezuela nach Europa und in die USA geschmuggelt, schätzen internationale Fachleute.

Chávez duldete offenbar den Rauschgifthandel, weil der seinem Überleben dienlich war. Nach einem Putschversuch im April 2002 säuberte er seinen Offiziersapparat und beförderte Hunderte treue Offiziere zu Generälen. Ihre Loyalität hatte einen Preis: Chávez ließ zu, dass viele von ihnen sich am Drogenhandel bereicherten. Und das tun sie bis heute.

Supermarktregale in San Cristóbal: Kein Geld für Medikamente und Lebensmittel
REUTERS

Supermarktregale in San Cristóbal: Kein Geld für Medikamente und Lebensmittel

Streitkräfte und Nationalgarde kontrollieren das Grenzgebiet sowie die Häfen und Flughäfen, gegen Schmiergeldzahlungen gewähren sie den Kurieren der Drogenmafia freies Geleit, oft organisieren sie selbst den Drogenschmuggel. Sie brauchen dabei kaum zu fürchten, dass sie entdeckt werden, denn Chávez hat die US-Drogenfahnder der DEA (Drug Enforcement Administration) bereits 2005 aus dem Land geworfen.

Nach Chávez' Krebstod im März 2013 perfektionierte Maduro dieses System. Dass sich der wirtschaftliche Niedergang unter Maduro beschleunigte, war für die korrupten Politiker und Beamten ein Glücksfall. Die Regierung sah sich gezwungen, immer mehr Lebensmittel zu importieren, die in Staatsläden zu subventionierten Preisen verkauft wurden. Sie schaffte damit eine Parallelwirtschaft, an der sich vor allem das Militär bereichert. Während Millionen Venezolaner Hunger leiden, verkaufen Soldaten Reis, Mais, Fleisch und Bohnen für ein Vielfaches des subventionierten Preises auf dem Schwarzmarkt. Zudem kontrollieren sie die Häfen; für jede Entladung eines Containers mit Lebensmitteln kassieren sie Schmiergeld.

Es gibt in Venezuela keine staatliche Institution mehr, die sich dem Mafiasystem entgegenstemmt. Die Versuchung ist zu groß - es ist so einfach, zum Millionär zu werden, wenn man auf dem richtigen Posten sitzt. Eine der wenigen, die versucht haben, gegen das Regime anzugehen, ist Luisa Ortega Díaz, die bis August 2017 Venezuelas Generalstaatsanwältin und lange eine überzeugte Chavista war, eine juristische Handlangerin des Regimes. Doch als die Beweise für Korruption und Geldwäsche nicht mehr zu übersehen waren, begann sie zu ermitteln - was von der Regierung abgeblockt wurde.

Daraufhin floh sie ins Ausland und nahm Kopien Hunderter Dokumente mit, die die gesamte Führungsspitze belasten. Die meisten illegalen Geschäfte liefen laut diesen Papieren über Drittländer. Oft war der brasilianische Baukonzern Odebrecht involviert, der in ganz Lateinamerika Spitzenpolitiker bestochen hat. Die zierliche blonde Frau gilt als wichtige Zeugin gegen Maduro und seine Clique.

Antidrogenpolizei: Die Kokaanbauflächen haben sich versechsfacht
Mateo Gomez/ DER SPIEGEL

Antidrogenpolizei: Die Kokaanbauflächen haben sich versechsfacht

Ortega Díaz hat in den vergangenen Monaten ihre lateinamerikanischen Amtskollegen mit Beweisen für Korruptionsermittlungen gegen das Regime munitioniert - etwa mit Kopien von Zahlungsanweisungen Odebrechts, die das mächtige Regierungsmitglied Diosdado Cabello belasten. Cabello soll bei der Erweiterung der U-Bahn von Caracas 100 Millionen Dollar abgezweigt haben.

In Mexiko hat Díaz die Staatsanwaltschaft mit Dokumenten versorgt, die Maduro persönlich belasten. Der Präsident soll Teilhaber einer mexikanischen Firma sein, die die Verteilung von Lebensmitteln in Venezuela organisiert. Ein Vorwurf, den Maduro bestreitet.

Die Wirtschaftskrise hat den Drogenhandel im Land befördert, nirgendwo ist das so offensichtlich wie an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela. Aus Venezuela kommen Benzin, Lebensmittel und Autos. In die Gegenrichtung strömen die "mulas", wie die Drogenkuriere genannt werden, mit dem Rauschgift.

Jeden Morgen um sechs öffnen Soldaten die Brücke über dem Río Táchira, den wichtigsten Grenzübergang zwischen den beiden Ländern. Männer, Frauen und Kinder schleppen und zerren dann schwer bepackte Taschen und Koffer hinter sich her. Die meisten wollen weiter nach Bogotá oder in andere Länder, nur weg aus der Hungerrepublik Venezuela.

Schwarzmarktgeld
Mateo Gomez/ DER SPIEGEL

Schwarzmarktgeld

Entlang der Grenze betreibt die Drogenmafia Laboratorien, dort werden Kokablätter zu Kokain verarbeitet. Die Drogen stammen zumeist aus den Anbaugebieten, die früher von der Farc kontrolliert wurden. Andere bewaffnete Gruppen sind in das Vakuum gestoßen, das die Farc hinterlassen hat. Die Kokaanbauflächen haben sich hier in den vergangenen vier Jahren versechsfacht.

Damit es nicht zu Verwechslungen kommt, markieren die Rauschgifthändler die Kokainpakete mit einer Art Brandzeichen. Was die Sendungen eint, ist ihr Bestimmungsort: Venezuela. Jede Nacht starten kleine Flugzeuge von illegalen Landepisten. "So viele Flugbewegungen wären nicht möglich ohne das Mitwissen der venezolanischen Streitkräfte", sagt Bo Mathiasen, der Leiter der Uno-Organisation zur Drogenbekämpfung in Bogotá.

Schon seit Jahren gibt es Gerüchte, dass die Rauschgiftconnection bis in die Umgebung des Präsidenten reicht. Doch der DEA fehlten Kronzeugen, bis Walid Makled festgenommen wurde. Offiziell betrieb Makled ein Lagerhaus in der Hafenstadt Puerto Cabello, tatsächlich arbeitete er als Broker im Rauschgiftgeschäft. Er koordinierte Kokainmengen, die sich ohne die Mithilfe höchster Regierungsstellen nicht bewegen ließen. Bis zu zehn Tonnen Drogen soll er monatlich in die USA und nach Europa geschleust haben.

Neun Monate saß Makled in Kolumbien im Gefängnis, während sich Bogotá, Washington und Caracas um seine Auslieferung stritten. Damals regierte noch Hugo Chávez, der Makled unbedingt zurück in seine Heimat holen wollte, wohl weil er fürchtete, dass dieser über seine Verbindungen zur Regierung auspacken würde.

Kokain im Grenzgebiet von Kolumbien zu Venezuela
Mateo Gomez/ DER SPIEGEL

Kokain im Grenzgebiet von Kolumbien zu Venezuela

Makled habe Angst gehabt, er würde in Venezuela umgebracht, so sein Anwalt Gaitán: "Chávez persönlich versicherte ihm schließlich, dass ihm nichts passieren werde."

Hohe Funktionäre des Regimes, die sich in die USA abgesetzt haben, bewerben sich nun mit Makled-Interna um Hafterleichterungen. Wenn sie flüchten, hat oft ein Mann namens Martín Rodil die Finger im Spiel. Rodil, ein 46-jähriger Venezolaner, sitzt in einem verglasten Konferenzraum in der K-Street nicht weit vom Weißen Haus. Er wirkt müde.

Rodil hat in den vergangenen Jahren große Teile der venezolanischen Elite im US-Zeugenschutzprogramm untergebracht. Mehr als 50 Fluchten hat Rodil, so sagt er, bis heute organisiert, aber kaum eine hat so viel Aufsehen erregt wie die von Leamsy Salazar. Salazar war lange Jahre Leibwächter von Präsident Chávez; nach dessen Tod war er Diosdado Cabello zu Diensten.

Über einen Mittelsmann wandte sich Salazar an Rodil, der schlug ihm ein Treffen auf einer Karibikinsel vor. Dort prüften Mitarbeiter von FBI und DEA einen Teil des Materials, das Salazar ihnen in Aussicht stellte. "Es war beeindruckend", sagt Rodil. "Über Monate hatte Salazar vertrauliche Gespräche von Cabello mitgeschnitten." Rodil riet seinem Klienten, seine damalige Freundin zu heiraten. Er wies Salazar an, seinen Instagram-Account mit Fotos der Hochzeit zu füllen. Niemand schöpfte Verdacht, als beide nach Spanien in die Flitterwochen aufbrachen, aus denen sie nie mehr zurückkamen.

Verhaftete Maduro-Neffen 2015: Ein 20-Millionen-Dollar-Geschäft
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Verhaftete Maduro-Neffen 2015: Ein 20-Millionen-Dollar-Geschäft

Salazar bestätigte, was zuvor schon Drogenboss Makled erzählt hatte: Diosdado Cabello soll der Chef eines Drogenkartells sein, das von Militärs betrieben wird. Seine Aussage ist eines der wichtigsten Teilchen in dem Puzzle, das die US-Justiz nun Stück für Stück zusammensetzt. Mehr als hundert geflüchtete Venezolaner wurden mittlerweile ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Ihre Aussagen und Dokumente dienen als Grundlage für Anklagen und Sanktionen. "Es scheint, als würden die Amerikaner langsam verstehen, dass man das Venezuela-Problem nicht politisch lösen kann", sagt Fluchthelfer Rodil.

Die US-Regierung hat die Rauschgiftconnection der venezolanischen Regierung zwar seit 2003 im Visier, damals ließ Präsident George W. Bush die Farc auf eine Liste gefährlicher Drogenhändler setzen. Unter Barack Obama wurde das Thema diskreter gehandhabt, da er den Friedensprozess in Kolumbien und die Annäherung an Kuba nicht gefährden wollte. Donald Trump nimmt darauf keine Rücksicht. Er ließ Venezuela zum "Narcostaat" erklären und verhängte Finanzsanktionen gegen die Führungsclique, die Europäische Union schloss sich an.

Washingtons wichtigstes Druckmittel gegen Rauschgiftdealer und Geldwäscher ist das Office of Foreign Assets Control des US-Finanzministeriums. Die Bankguthaben derer, die auf der roten Liste stehen, werden eingefroren. US-Bürgern ist es verboten, mit den Sanktionierten Geschäfte zu machen oder Finanztransaktionen durchzuführen.

Die Liste liest sich wie ein Who's who der venezolanischen Regierung. Sie umfasst Minister und Geheimdienstchefs, Generäle und Abgeordnete. Mehr als 50 hohe Funktionäre wurden bislang mit Sanktionen belegt. Angeführt wird die Liste von Vizepräsident Tareck El Aissami.

Maduros Stellvertreter soll den Rauschgiftschmuggel "erleichtert, koordiniert und geschützt" haben. Er habe den Transport von "Drogenladungen von über tausend Kilo" beaufsichtigt, sagt das US-Schatzamt.

Die als "Imperium des Bösen" verteufelten Vereinigten Staaten galten immer als erste Adresse, wenn es darum ging, Millionen in Sicherheit zu bringen. Besonders gern steckte die Bolivar-Bourgeoisie, wie die Revolutionsbonzen genannt werden, ihr Geld in Immobilien und Firmen in Doral, eine Stadt nahe Miami. In Florida ist der Ort wegen der vielen Zuwanderer als "Little Venezuela" bekannt.

Grenze zu Venezuela
Mateo Gomez/ DER SPIEGEL

Grenze zu Venezuela

José Colina sitzt hier in einem kleinen Restaurant beim Frühstück, im Fernsehen läuft Baseball. Colina mochte Chávez nie. Im Jahr 2002 beteiligte er sich an dem Putschversuch gegen ihn, kurz darauf setzte er sich in die USA ab. Heute führt er eine Firma, die Tiefkühlkost an Supermärkte ausliefert, seine Freizeit widmet er dem Kampf gegen das Maduro-Regime.

Vor zehn Jahren gründete er die Organisation Veppex, die sich für die Interessen politisch verfolgter Venezolaner im Exil einsetzt. Colina hat eine Liste mit etwa tausend Namen von Leuten erstellt, die eng mit der Regierung zusammenarbeiten, unter ihnen viele Familienangehörige von Militärs. Jahrelang, so Colina, hätten die venezolanischen Streitkräfte in Doral rund 30 Lagerhäuser betrieben, in denen Güter für ihre Landsleute in der Heimat lagerten, jede Woche sei ein Flug gegangen.

"Seit die Amerikaner ihre Sanktionen verschärft haben, gehen viele Venezolaner nach Europa", sagt Colina. Manchmal versucht er, seine Freunde in der Armee zu überzeugen, sich gegen Maduro aufzulehnen. "Aber sie fragen mich: 'Verdiene ich in der Armee eines demokratischen Rechtsstaats auch 50.000 Dollar im Monat?'"

Das Netz um die Mafiaclique in Caracas zieht sich zu. Die Kriminalisierung des Regimes hat aber auch einen Nebeneffekt: Sie macht einen friedlichen Ausweg aus dem venezolanischen Drama immer schwieriger. Kaum ein Regierungsmitglied kann noch außer Landes reisen, ohne eine Verhaftung fürchten zu müssen. Ein sicheres Exil für Maduro und seine Leute wäre jedoch eine Bedingung dafür, dass ein Regimewechsel verhandelbar wird.

Das ist das Fatale, wenn Regierende zu Räubern werden: Sie nehmen die gesamte Bevölkerung als Geiseln. Aber sie sind auch Gefangene im eigenen Land.



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