AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Verbrechen in der Pfalz "Unser erster Mord"

In einem Seniorenheim wurden offenbar zwei Demenzkranke getötet, andere misshandelt und gequält. Kurznachrichten und Handyvideos belasten drei Pflegekräfte schwer.

Angeklagte Michael K. (l.), Danny L., Celina M. mit Verteidigern
Klaus Bolte

Angeklagte Michael K. (l.), Danny L., Celina M. mit Verteidigern

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Mechthild M. sitzt im Rollstuhl, sie lächelt beseelt und kratzt sich mit einer Klobürste den nackten Oberkörper. "Das war eine gute Idee", sagt sie. Die 78-Jährige ist dement; als das Handyvideo entsteht, lebt sie in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt, Wohnbereich II, in Lambrecht in der Pfalz. Unter den Mitarbeitern aus dem Heim soll der Clip die Runde gemacht haben. Keiner von ihnen hat die Heimleitung verständigt.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Der Film ist nur einer von vielen, die derzeit das Landgericht Frankenthal beschäftigen. In einem Verfahren gegen drei Pflegekräfte geht es um demütigende Aufnahmen, Misshandlungen, Diebstahl - und Mord. Zwei Bewohnerinnen des Seniorenheims wurden offenbar getötet, eine dritte Frau konnte gerade noch gerettet werden.

Aus Langeweile und purer Lust am Töten sollen die Pflegekräfte Celina M., Danny L. und Michael K. ihre Opfer umgebracht haben. Die Angeklagten handelten aus "bloßer Freude an der Machtausübung", sagt Oberstaatsanwältin Doris Brehmeier-Metz, "um sich als Herren über Leben und Tod" zu geben.

Die Zustände im Seniorenhaus Lambrechter Tal erschüttern nicht nur die Angehörigen. Der seit fünf Monaten laufende Prozess rührt an Urängste: im Alter hilflos und ausgeliefert zu sein. Fremden Menschen, die ihre Macht ausspielen, gewissenlos, gnadenlos. Die Gewalt und Tod bringen mit Händen, die eigentlich helfen sollen. So wie bei Niels Högel, der als Krankenpfleger mindestens 103 Patienten getötet haben soll und deshalb in diesem Jahr erneut vor Gericht steht.
Im Fall von Lambrecht richteten gleich drei Beschuldigte gemeinsam Unheil an; in den Protokollen ihrer WhatsApp-Chats lässt sich detailliert nachlesen, welche Lust, welches Vergnügen sie offenkundig empfanden, als sie ihre Schützlinge quälten oder mutmaßlich töteten. Das macht ihr Handeln so einzigartig, so erschreckend.

Jeder der drei Angeklagten sagt in der Hauptverhandlung etwas zu den Vorwürfen, aber keiner erzählt die ganze Geschichte. Sie beschuldigen sich gegenseitig. Für sie steht viel auf dem Spiel, wenn demnächst das Urteil fällt: lebenslange Freiheitsstrafe, eventuell Sicherungsverwahrung.

Und es gilt, einen letzten Rest an Anstand vorzugaukeln, den ihnen die Zuschauer im Landgericht nicht abnehmen. Mehrfach muss die Vorsitzende Richterin Eva van Daele-Hunt das Publikum wegen erboster Zwischenrufe ermahnen.

Die examinierte Altenpflegerin Celina M., 27, hat ihre dunkelblonden Haare zu einem langen Zopf geflochten. Sie war die rechte Hand der Wohnbereichsleiterin, anerkannt bei den Kollegen, geschätzt bei den Senioren.

Pflegehelfer Danny L., 24, trägt Sakko. Er war beliebt bei den Heimbewohnern, galt als vorlaut, überdreht, manchmal etwas frivol. Und immer knapp bei Kasse. Er wäre gern Verkäufer in der Modebranche geworden, sagt er. Bereits in seiner ersten Vernehmung bei der Polizei räumte er einen Teil der Vorwürfe ein.

Den angelernten Pfleger Michael K., 48, mochten Senioren und Mitarbeiter für seine empfindsame Art. Dem Gericht schrieb er vor Prozessbeginn einen Brief: "Ich schäme mich zutiefst." Im Mittelpunkt des Verfahrens stehen die Aufnahmen von Pflegebedürftigen und Kurznachrichten, die die Angeklagten sich über WhatsApp schickten. "Panzerknacker" nannten sie ihren Gruppenchat, nach den Comicgaunern, die es auf Dagobert Ducks Geldschatz abgesehen haben. Ohne die Protokolle ihrer Dialoge gäbe es vermutlich keine Anklage.

Angefangen hatte es damit, dass die drei Pflegekräfte ab Juli 2015 den demenzkranken Bewohnern Bargeld stahlen. Irgendwann jedoch zerbrach die Freundschaft. Im August 2016 schwärzten Danny L. und Michael K. ihre Komplizin bei ihren Vorgesetzten an: Celina M. schikaniere sie und beklaue die Bewohner. Außerdem stehle sie Betäubungsmittel, um sich damit zu berauschen. Zum Beweis präsentierte Danny L. ein Video, das ihm angeblich anonym zugeschickt worden war.

Es zeigt, wie Celina M. eine Bewohnerin mit hartem Kuchen bewirft. Sie ruft: "Da, friss!" Der alten Dame ist die Angst anzusehen. "Mir tut das weh, au", schreit diese.

"Ich war schockiert", sagt die Wohnbereichsleiterin Katja K. vor Gericht aus. Doch da war noch etwas, was Katja K. bemerkte. Etwas, das man auf dem Film nicht sehen konnte. "Ich hatte das Gefühl: Ich habe etwas überhört, etwas übersehen."

Sie fuhr nach Hause, ging in den Keller, um Ruhe zu haben, hielt sich das Handy ans Ohr und ließ den Film immer wieder abspielen. Da war es: ein Laut, eine Art Räuspern. Typisch für Michael K. "Mir war klar: Er muss im Raum gewesen sein, oder er hatte das Video sogar gedreht." Im Seniorenhaus stellte sie Michael K. zur Rede. Er gab zu, die Szene gefilmt zu haben. Er habe etwas gegen Celina M. in der Hand haben wollen.

Die Heimleitung erstattete Anzeige und kündigte der Pflegerin fristlos. Aber die rächte sich und zeigte auf dem Revier ebenfalls Handyvideos. Die Polizei begann zu ermitteln, wertete die Mobiltelefone der drei Beschuldigten aus und entdeckte so die Diebstähle, Misshandlungen und mutmaßlichen Tötungen.

Im Saal 20 des Landgerichts zitieren die Vorsitzende Richterin und die Oberstaatsanwältin immer wieder aus den Textnachrichten. Diese bekräftigen Danny L.s Version, und sie erschüttern die Aussagen von Celina M. und Michael K., die behaupten, es sei alles nur "makabres Geschwätz" gewesen, "ein bisschen Spaß", "nur so dahergesagt"; nichts davon habe sich "auf die Wirklichkeit bezogen". Beschämt blicken sie nun zu Boden, wenn ihre alten Chatbotschaften verlesen werden.

Einen Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember 2015, hat Danny L. Dienst. Um 18.21 Uhr empfängt er eine Botschaft von Celina M., die zu Hause sitzt: "Ich würde mit euch auch morden." Um 18.29 Uhr antwortet er ihr zustimmend. Fünf Minuten später ergänzt sie: "Wer uns nicht passt, wird dezent entsorgt."

Michael K. zeigt sich zunächst bestürzt. "Leute, Ihr macht mir etwas Angst", postet er um 19 Uhr, verziert seinen Text allerdings mit zwei weinenden und drei breit grinsenden Smileys. Am ersten Weihnachtsfeiertag schreibt er: "Hab es mir überlegt, helfe Euch." Sind es bloß makabre Sprüche? Skurrile Nachrichten, um im Pflegealltag einmal Druck abzulassen?

Nur wenige Tage später, Weihnachten ist überstanden, Silvester steht bevor, wird aus dem Gedankenspiel offenbar Ernst. Danny L. hat zum fünften Mal in Folge Nachtschicht. In einem Zimmer im Wohnbereich II liegt Gisela T., 85 Jahre alt, inzwischen dement und durch schwere Krankheiten geschwächt.

Der Pflegehelfer spritzt Gisela T. laut Anklage binnen drei Stunden insgesamt 410 Einheiten eines Insulinpräparats. Per WhatsApp hält er seine beiden Kollegen, die zu Hause sind, auf dem Laufenden. Sie feuern Danny L. an, erteilen ihm Ratschläge: "Kissen aufs Gesicht", "Nachladen", "zur Not Luft weg".

Schließlich soll Danny L. die Seniorin mit einem Kissen erstickt haben. "Um 4.15 Uhr hab ich es beendet", berichtet er im Chat mit seinen beiden Freunden.

Die drei Pflegekräfte schreiben einfach weiter in ihrem Jargon, in ihrer mehr und mehr verrohenden Sprache tippen sie eine zynische Bemerkung nach der nächsten in ihre Telefone. In einer Leichtigkeit, als hätten ihre Worte nichts mit der Realität im Wohnbereich II zu tun. Von "unserem ersten Mord" ist in ihrer "Panzerknacker"-Gruppe nun die Rede. Danny L. schreibt: "Jetzt ist Blut an unseren Händen und uns verbindet das mehr als vorher." Celina M. antwortet: "Ich bin stolz auf dich."

Erkennbare Anzeichen für einen unnatürlichen Tod gibt es nicht, ein Arzt stellt den Totenschein aus. Michael K. informiert die Kollegen am nächsten Tag aus dem Frühdienst per WhatsApp: "So ihr Lieben, alles erledigt, ihr wisst schon ... Papiere, alles okay." Gisela T.s Leichnam wird eingeäschert.

Danny L. beruhigt die Runde. "Es gibt keine Beweise", schreibt er am 6. Januar. Und Celina M. stimmt zu: "Meine ich ja: Uns kann keiner was."

Der zweite mutmaßliche Mord am 20. Februar 2016: Lydia L., 62, ist in einem schlechten Zustand, der Notarzt muss mehrfach an diesem Abend kommen; ihr Blutzuckerwert steigt nicht mit der Nahrungsaufnahme. Michael K. ist genervt, er jammert im Chat.

Danny L. wird später die Nachtschicht übernehmen und hat genauso wenig Lust auf Messungen und Besuche vom Notarzt, er fordert nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Michael K. auf, der Frau Insulin zu geben und sie zu töten. Michael K. pariert offenbar. Danny L. schreibt ihm: "Spritz ihr noch 2-3 Mal einen aufgezogenen Pen."

Aber Lydia L. stirbt nicht. Vorerst. Danny L. muss laut Anklage in seiner Schicht nachlegen, er gibt ihr weiter Insulin, bis sie gegen 22.30 Uhr stirbt. Wieder gibt es keine Anhaltspunkte für einen unnatürlichen Tod. Der Leichnam wird eingeäschert. Ihre Angehörigen ahnen nichts.

Zu einem versuchten Mord kommt es nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in einer Spätschicht am 4. März 2016. Celina M. fragt im Chat, ob man Wiltrude T. nicht "mit Morphium bearbeiten" könne. Mit Michael K. soll sie der 89-jährigen, schwer demenzkranken Frau Morphium- und Insulinmedikamente gespritzt haben. Doch ihr Zustand fällt noch rechtzeitig auf; sie erholt sich im Krankenhaus.

Skrupel haben die drei kaum noch. Sie schreiben ein Protokoll über einen angeblichen Sturz der alten Dame, um ihren Zustand nachträglich zu begründen. "Mal sehen, was noch rauskommt", "dafür sind wir zu clever", "wir drei sind die Besten", so schreiben sie in ihrem Gruppenchat.

Sicherheitshalber untersuchte die Staatsanwaltschaft mindestens 40 Todesfälle im Seniorenheim. Noch hat sie keine konkreten Hinweise auf weitere Morde oder Mordversuche.

Gut dokumentiert ist indes, wie die drei Pfleger ihre Schützlinge in der folgenden Zeit quälen und misshandeln, Fotos und Filme davon machen und die Taten kommentieren: Einer Bewohnerin geben sie ein Glas Urin zum Trinken: "Lassen die M. die Pisse vom S. saufen", schreibt Celina M. Danach schütten sie ihr den Rest über den Kopf. Danny L. schmiert an einem anderen Tag derselben Frau, die nur mit Unterwäsche bekleidet ist, Zahnpasta ins Gesicht, spuckt hinterher und macht ein Foto. Celina M.: "Sehr geil!"

Acht an Demenz erkrankten Bewohnern verabreicht das Trio Abführmittel, um einer Kollegin die Nachtschicht zur Hölle zu machen.

Zu diesem Zeitpunkt scheinen die Pflegebedürftigen für sie keine Menschen mehr zu sein, nur noch Versuchsobjekte für entwürdigende Scherze. Das Trio fühlt sich offenkundig überlegen, die Senioren sind für sie schon so gut wie tot. Von einem narzisstischen Machtgefühl gegenüber hilflosen Menschen wird der psychiatrische Sachverständige später sprechen.

Einmal drücken Celina M. und Danny L. einer alten Frau einen Schokokuss ins Gesicht. Später legt Danny L. ihr Käse- und Schinkenscheiben auf den Kopf und macht ein Foto davon. Michael K. kommentiert: "Isse net süß?" Eine dritte Bewohnerin bekommt einen strengen Scheitel und ein aufgemaltes Hitlerbärtchen verpasst, im Chat versendet Danny L. ein Foto davon mit dem Satz "Hitler lebt".

Nichts hemmt sie mehr. An einem anderen Tag schrecken sie laut Staatsanwaltschaft nicht mal davor zurück, eine Demenzkranke mit einem Wiener Würstchen zu penetrieren. "Celina und ich ficken Frau M. mit einer Wiener", kündigt Michael K. im Gruppenchat an. Danny L. bedauert nur, nicht dabei zu sein ("Mach ein Video, ich will auch was zu lachen haben").

Richterin van Daele-Hunt lehnt sich immer wieder nach vorn, hält kurz inne, fragt zu jedem Vorfall: Wie sind Sie darauf gekommen? Wer hatte die Idee? Das fanden Sie lustig? Auch da gilt, dass Sie das damals amüsant fanden?

Ja, das fanden sie offensichtlich amüsant. Dass sich Bewohner mit der Klobürste kratzten, sei öfter vorgekommen, sagt Celina M.: "Die kratzten sich mit Bürsten und Kämmen, die wollten immer gekrault werden." Gekannt hätten die Aufnahmen fast alle im Seniorenheim, nicht nur ihre beiden Freunde, sagt Celina M. Auch andere Mitarbeiter hätten gelacht, vielleicht riet einer mal zur Vorsicht ("Lasst das verschwinden"), gebremst habe sie keiner.

Die drei Angeklagten stahlen Schmuck und Bargeld, ebenso EC-Karten und hoben insgesamt mehr als 5000 Euro ab. Das Geld gaben sie für Aufputschmittel und Amphetamine aus. Oft sei die Arbeit sonst nicht zu ertragen gewesen. Sie bedienten sich aus dem Medikamentenschrank der Station, berauschten sich mit Schmerzmitteln. Eine Kontrolle gab es nicht.

Ob sie je an etwas anderes gedacht habe als an sich selbst, will die Oberstaatsanwältin wissen. "Nein", antwortet Celina M. "Mein eigenes Bedürfnis war mir wichtiger." Sieben Jahre lang habe sie im Seniorenhaus Lambrechter Tal gearbeitet, die ersten vier Jahre seien "okay" gewesen; die Belastung habe aber zugenommen, das Arbeitspensum sei so enorm gewesen.

DPA

Waren die mutmaßlichen Morde, die Misshandlungen, die fiesen Sprüche etwa nur exzessive Folgen eines Systems, das seine Mitarbeiter konstant überfordert?

Eine ehemalige Pflegedienstleiterin bestätigt vor Gericht eine "sehr angespannte" Arbeitsbelastung in der Altenpflege. Die Angestellten müssten "in sehr kurzer Zeit sehr viel Arbeit leisten".

Es habe "keine fundierten Beschwerden über Arbeitsbelastung" gegeben, betont hingegen die Chefin Silja Tenzer; wie alle Angestellten der Arbeiterwohlfahrt, die vor Gericht geladen sind, erscheint sie mit einem Rechtsanwalt an ihrer Seite, bezahlt vom Arbeitgeber.

Die drei Beschuldigten sitzen auf der Anklagebank, flankiert von ihren Anwälten. Werner Säftel, seit 45 Jahren Strafverteidiger, vertritt Celina M. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, seine Mandantin habe aus Langeweile gemordet, und fordert sie auf, den Alltag einer Pflegekraft zu beschreiben. Sie schildert ihren Stress, sagt, wie überlastet und geringgeschätzt sie sich gefühlt habe. Sie habe mitgemacht, um dazuzugehören, um den anderen zu imponieren.

Der psychiatrische Sachverständige stützt die Anklage: Es sei den Angeklagten keineswegs darum gegangen, Patienten unnötiges Leiden zu ersparen, vielmehr habe ihre eigene "Erlösung" eine Rolle gespielt: die Erlösung von angeblich anstrengenden Bewohnern.

Sie könne heute nicht verstehen, sagt Celina M. im Verfahren, dass sie ihre Werte "so unter null geschraubt habe".

Da geht es ihr wie dem Gericht und dem Publikum im Saal.



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