AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Vergütungstrick Wie millionenschwere Unternehmensberater den Steuernachlass auf Schichtarbeit ausnutzen

Top-Verdiener der Beratungsfirma BCG nutzen eine Regelung, die eigentlich für Schichtmalocher und Krankenschwestern gedacht war: steuerfreie Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit.

BCG-Chef Kratz: Wundersame Beförderungsflut
Oliver Ruether/WirtschaftsWoche

BCG-Chef Kratz: Wundersame Beförderungsflut

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Die Lektüre von Handelsregisterauszügen ist meist ähnlich öde wie das Studium von Beipackzetteln für Medikamente. Streng tabellarisch wird dort aufgelistet, wann ein Unternehmen gegründet wurde, wo es seinen Sitz hat, was sein Geschäftszweck ist und wer es leitet.

Manchmal aber verbirgt sich hinter den trockenen Einträgen auch Stoff für eine Wirtschafts-Groteske. Bei der Deutschlandtochter der renommierten amerikanischen Beratungsfirma Boston Consulting Group (BCG) scheint das der Fall zu sein.

Bis vor Kurzem waren in der offiziellen Firmendatenbank nur rund ein halbes Dutzend BCG-Manager als Geschäftsführer vermerkt. Bei einem Unternehmen mit weit über tausend Mitarbeitern und geschätzten 730 Millionen Euro Umsatz ist das nicht ungewöhnlich.

Dann aber passierte Erstaunliches: Im Herbst explodierte die Zahl der Geschäftsführer bei BCG geradezu. Allein am 5. Oktober wurden 58 neue Führungskräfte eingetragen. Einen Tag später folgten 46 weitere. Inzwischen werden die Geschicke der Beratungsfirma laut den Registereinträgen von rund 130 Mitarbeitern in herausgehobener Funktion gelenkt.

Die wundersame Beförderungsflut hat nichts damit zu tun, dass BCG, die Weltkonzerne wie Siemens, Daimler und Lufthansa berät, unter ihrem seit 2013 amtierenden Deutschlandchef Carsten Kratz extrem stark gewachsen wäre. Auslöser war offenbar vielmehr ein Gerichtsverfahren, das seit mehr als zwei Jahren gegen den Deutschlandableger des US-Beratungskonzerns läuft und jetzt vor dem Landesarbeitsgericht in Köln in die entscheidende Phase geht.

Nach Schilderung früherer und heutiger Mitarbeiter und Partner klagt dort ein ehemaliger Kollege gegen seine Kündigung und pocht auf Weiterbeschäftigung. Hauptknackpunkt in dem Verfahren ist, ob der Mann trotz seines Millionengehalts als ganz normaler Arbeitnehmer zu betrachten ist oder ob er als leitender Angestellter, etwa in der Position eines Geschäftsführers, tätig war. Nur dann hätte man ihm ohne Angabe von Gründen kündigen dürfen, was im Herbst 2015 geschah.

Der Betroffene beharrt Insidern zufolge auf seinem Status als einfacher Arbeitnehmer und führt dafür unter anderem seinen ursprünglichen Arbeitsvertrag an sowie seine Feststellung, dass er keine Personalhoheit hatte. Kratz und seine Anwälte dagegen stünden auf dem Standpunkt, der Ex-Partner habe den Rang eines Geschäftsführers besessen und sei ordnungsgemäß bestellt worden. Dass er wie viele andere seiner Kollegen auf derselben Hierarchiestufe nicht im Handelsregister eingetragen war, spiele keine Rolle.

Jedenfalls hat BCG vor der Verhandlung jetzt mehr als 120 Angestellte mit einem ähnlichen möglichen Zwitterstatus in der Firmendatenbank nachgemeldet. Das Registergericht soll aufgrund eines Hinweises darauf gedrängt haben, und so ganz scheint die Firma der eigenen Argumentation und früher geübten Praxis nicht mehr zu trauen.

Konkurrenten haben schneller für klare Verhältnisse gesorgt. Der Wettbewerber Accenture etwa listet seine Geschäftsführer seit Längerem im Handelsregister auf, wie das Gesetz es vorschreibt, und bringt es auf 147 Namen.

Laut GmbH-Gesetz müssen diese Manager auch allesamt im Briefkopf auftauchen. Bei mehr als 100 Namen ist das kaum machbar. Die BCG-Spitze hat die eigene Adresszeile deshalb neuerdings um einen Link ergänzt. Über ihn können Empfänger von Briefen und anderen offiziellen Schreiben nunmehr alle im Handelsregister geführten Geschäftsführer einsehen.

Glaubt man Vertrauten des abservierten Ex-Beraters, dürften im Zuge des Prozesses noch weitere, bislang unbekannte Details über die Geschäftspraktiken von BCG in Deutschland durchsickern. Für einige könnten sich sogar die zuständigen Behörden interessieren.

Es geht also um viel für den Beraterriesen, der auch schon die Bundesregierung beraten hat. Konzernchef Rich Lesser gehörte dem mittlerweile aufgelösten Wirtschaftsberatergremium von US-Präsident Donald Trump an und will sich in diesem Jahr wohl zur Wiederwahl als CEO stellen. Er selbst und Kratz waren allerdings noch nicht im Amt, als der klagende Ex-BCGler vor über zehn Jahren eingestellt wurde.

Der Mann wurde damals mit einem üppigen fünfstelligen Monatsgehalt gelockt. Gut ein Jahr später sollen er selbst sowie weitere Manager der beiden höchsten Hierarchieebenen eines Partners oder Senior Partners aufgefordert worden sein, eine Vereinbarung zu unterschreiben. Sie soll den Beratern den Status als Arbeitnehmer entzogen und sie zumindest auf dem Papier zu Geschäftsführern erhoben haben.

Allerdings tauchten sie bis zum vergangenen Herbst nicht im Handelsregister auf. Auch erschienen sie nicht auf dem Firmenbriefkopf, nahmen offenbar in der Regel nicht an Geschäftsführersitzungen teil, trugen zumeist keine Personalverantwortung und unterzeichneten keine Bilanzen. Das alles aber ist typisch und teilweise sogar zwingend für eine solche Position.

Hintergrund der spontanen Beförderungswelle 2005 war laut ehemaligen BCGlern offenbar schon damals ein Streit mit einem Ex-Partner und der Plan, renitente Berater oder Minderleister fortan schneller und billiger loswerden zu können. BCG soll das bestreiten. Ob diese Praxis zulässig ist, muss nun das Landesarbeitsgericht in Köln überprüfen, soweit es sich für zuständig erklärt. Die Vorinstanz hatte zugunsten von BCG entschieden.

Im Zuge der Verhandlung dürfte auch eine andere, verblüffende Regelung des Deutschlandablegers von BCG zur Sprache kommen. Viele Top-Verdiener nutzten in der Vergangenheit steuerbegünstigte Nacht-, Feiertags- und Sonntagszuschläge - ganz wie Malocher am Band. Einige von ihnen rechnen noch heute so ab.

Anwälte des geschassten Managers argumentieren laut Insidern nun, auch der Umstand, dass ihr Mandant ebenfalls derartige Zuschläge geltend machte, belege seinen Arbeitnehmerstatus. Tatsächlich war die Praxis offenbar weit verbreitet. Wie ehemalige Mitarbeiter berichten, gab es bei BCG bis vor Kurzem sogar Exceltabellen, in welche die Sekretärinnen eintrugen, wann ihr Vorgesetzter Nacht-, Spät- oder Feiertagsschichten geschoben hatte. Selbst Flugzeiten in der Businessclass und Abendessen mit Kunden wurden angegeben. Ein Ex-Berater taxiert den Vorteil, der ihm durch die penible Auflistung von Spät- und Feiertagseinsätzen entstanden ist, auf einen sechsstelligen Betrag über mehrere Jahre hinweg.

Ob das rechtens war, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: der Höhe des Grundgehalts und davon, ob tatsächlich Zuschläge gezahlt wurden oder nur Teile des Gehalts als solche deklariert wurden, um die Steuerbelastung zu senken.

Bis 2003 konnten die Aufgelder noch in größerem Umfang vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden. Dann wurde bekannt, dass der Fußballklub Borussia Dortmund seinen Stars großzügige Zuschläge für Wochenendspiele gezahlt hatte. "Jedem ist klar, dass die steuerfreien Zuschläge nicht für Millionäre gedacht waren", empörte sich der damalige Finanzminister Hans Eichel seinerzeit im SPIEGEL (39/2003), sondern für "die Krankenschwestern sowie andere Normalverdiener".

Kurz darauf wurde das Gesetz geändert. Die steuerbegünstigten Gehaltsbestandteile sind seither nur noch begrenzt abzugsfähig. Nur solche Arbeitnehmer, die nicht mehr als 50 Euro pro Stunde oder etwa 100.000 Euro pro Jahr verdienen, können die Steuerbefreiung der Zuschläge noch voll nutzen. Langjährige BCG-Berater gehören nicht dazu, weil sie locker auf ein Mehrfaches kommen.

Die Frage, ob das heikle Thema bei BCG stets korrekt gehandhabt wurde, möchten die Anwälte des Ex-Beraters nun offenbar in den Arbeitsgerichtsprozess einbringen.

Die meisten Konkurrenten von BCG haben ihr Urteil schon gefällt. Sie nutzen das Steuerprivileg nach eigenen Aussagen nicht. Das geht auch aus der letzten Vergütungsumfrage des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater hervor.

Das bayerische Finanzministerium, das für BCG am Sitz in München zuständig ist, wollte den Fall unter Berufung auf das Steuergeheimnis nicht kommentieren. Auf Anfrage stellt das Landesamt für Steuern klar, dass Nacht- oder Feiertagszuschläge generell nur dann steuermindernd geltend gemacht werden dürfen, wenn sie zusätzlich zu einem Grundgehalt bezahlt, also nicht einfach nur vom Gesamtgehalt abgezogen und umdeklariert wurden.

Auch die BCG-Führung wollte sich unter Verweis auf das laufende Verfahren zu dem Sachverhalt nicht äußern. Aber sie handelt. Bis vor Kurzem durften noch alle Mitarbeiter der vier obersten Hierarchiestufen das Steuerprivileg nutzen. Neuerdings ist es auf die Top-Ebene und die Stufe darunter beschränkt.

Ganz abschaffen wollte die Firma die Praxis offenbar nicht, aber vielleicht ist das auch gar nicht mehr nötig. Einige Partner und Senior Partner verzichten schon freiwillig auf die Anrechnung des eigentlich für Malocher vorgesehenen Zuschlags.



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