AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Asylklageflut am Verwaltungsgericht "Befindlichkeiten haben hier nichts verloren"

Fast jeder abgelehnte Asylbewerber klagt gegen seine Abschiebung aus Deutschland. Was heißt das für die Justiz? Eine Reportage über den Alltag am Verwaltungsgericht in Cottbus.

Aktenschränke im Verwaltungsgericht Cottbus
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Aktenschränke im Verwaltungsgericht Cottbus

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Am Montagvormittag, gegen 11.30 Uhr, steht Richter Gregor Nocon in seiner Amtsstube im dritten Obergeschoss des Verwaltungsgerichts Cottbus neben einer fenstergroßen Karte Afrikas und blättert in einer Akte, dick wie ein Unterarm. Draußen sind minus zehn Grad, der Rasen vor dem Gebäude ist mit Reif überzogen, aber hier drinnen, in diesem Raum voller Topfpflanzen, hat Gregor Nocon mit ganz anderen Klimazonen zu tun: Zu seinen Füßen liegen rote Ordner mit der Aufschrift Ghana oder Gambia, auf zwei hoch- und runterfahrbaren Schreibtischen überlagern sich Eilanträge von Menschen aus den staubigsten Teilen dieser Welt, und vorn am Eingang türmen sich die Fälle des Tages einen halben Meter hoch.

Da ist beispielsweise die somalische Familie, die nach Italien abgeschoben werden soll; da ist der junge Mann aus dem Tschad, der jetzt plötzlich sagt, er sei homosexuell und werde deswegen verfolgt; ein Äquatorialguineer, der sich bei einem Fußballspiel mit dem Sohn des Präsidenten angelegt haben will und deshalb bleiben wolle; ein Syrer, der sich gegen die Abschiebung nach Schweden wehrt.

"Die muss ich alle abarbeiten", sagt Richter Nocon.

Aber erst mal müsse er über die Graugänse nachdenken.

"Die Graugänse", sagt er nun, "kommen aus dem Süden zurück." Auch eine Art von Migration. Es wird Frühling, es eilt. Deshalb hat Nocon vor sich auf dem Tisch zwischen all den Asylfällen die Klage von einem Naturschutzverein aufgemacht. Es geht darin um Windkraftanlagen und die Frage, ob sie abgeschaltet werden sollten, weil die heimkehrenden Graugänse möglicherweise bald von ihren Rotorblättern geschreddert würden.

"In welcher Höhe fliegen diese Gänse jetzt?", fragt Nocon. Das muss er herausfinden. Er könnte auch hinfahren, durch brandenburgische Landschaften, und sich die Anlagen ansehen, in normalen Zeiten hätte er das längst getan. Nur warten eben noch die vielen Männer und Frauen mit den fremd klingenden Namen auf seine Aufmerksamkeit, und bei ihnen geht es um alles, ums Gehen oder Bleiben, rein oder raus. Er lässt die Akte erst mal liegen und beschließt stattdessen per schriftlichem Urteil ein paar Dublin-Fälle, Abschiebungen nach Spanien und Italien.

Es ist das Jahr drei nach dem deutschen Flüchtlingssommer, die Reden von "Fluten" und "Strömen" werden weniger. Im vergangenen Jahr kamen nur noch 186.000 Menschen in Deutschland an. Die Sammelunterkünfte leeren sich, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hatte in anderthalb Jahren mehr als 7000 neue Mitarbeiter eingestellt und Hunderttausende Asylanträge abgearbeitet. Seine Leiter gaben stolze Interviews, weil sie nach all der Kritik beweisen konnten: "Wir schaffen das doch." Alle Zahlen gingen runter. Nur bei Nocon und seinen Kollegen gehen sie noch immer weiter rauf.

Nocon ist seit 1998 Richter am Verwaltungsgericht, in diesem schlüpferrosa gestrichenen ehemaligen Kasernengebäude am Rande der Stadt, zuständig für Cottbus und vier Brandenburger Landkreise mit Doppelnamen: Elbe-Elster, Dahme-Spreewald, Spree-Neiße und Oberspreewald-Lausitz. "Der schönste Beruf", sagt er, aber eine Situation wie diese habe er in seinen 20 Jahren im Amt noch nicht erlebt. Er sagt: "Die Lage finde ich dramatisch."

Am Verwaltungsgericht Cottbus ist die Flüchtlingskrise so aktuell, als schriebe man das Jahr 2015. Die große "Welle", von der alle sprachen, ist vom Bundesamt zu Nocon und seinen Kollegen in den anderen Verwaltungsgerichten in Deutschland herübergeschwappt, von einem Becken ins nächste. Denn jeder Asylbewerber, den das Bamf ablehnt, hat das Recht, gegen die Entscheidung Klage einzureichen - und die meisten tun das auch.

So landen die Akten aus dem Bundesamt auf den Tischen der Verwaltungsrichter. Mehr als 320.000 Asylklagen waren es 2017 bundesweit. Ein Jahr zuvor waren es noch 70.000. In dem kleinen Gericht in Cottbus haben sich die Asylklagen seit 2011 mehr als verdreizehnfacht. Die Zahl der Richter aber ist beinahe gleich geblieben. Im Moment warten 5358 Altklagen darauf, von gerade mal 18 Richtern bearbeitet zu werden, fast die Hälfte davon Asylangelegenheiten. Nocon sagt: "Es ist unmöglich zu schaffen."

Nocon trägt eine blaue Fliege, eine Brille mit runden Gläsern und ein kariertes Jackett in Jägerfarben. Er ist ein Mann, der gern in lateinischen Redewendungen antwortet und in seiner Freizeit mit seiner Frau im brandenburgischen Wald Steinpilze sammeln geht. In seiner rechten Hosentasche steckt eine altmodische silberne Uhr, die er manchmal behutsam an einer Kette herauszieht, als könnte er mit ihr die Zeit anhalten.

Und um Zeit geht es viel im Moment, an seinen Arbeitstagen. Er hat keine, und auch seine Kollegen haben keine, was im Großen mit der Weltlage zu tun hat und im Kleinen mit den sechs Aktenschränken im Geschäftszimmer von Frau Gubatz und Frau Cornelius, ein paar Zimmer den polierten Flur hinunter.

Richter Nocon "Wie hoch fliegen diese Gänse jetzt?"
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Richter Nocon "Wie hoch fliegen diese Gänse jetzt?"

Diese Aktenschränke sind graubeigefarben und haben jeweils vier tiefe Auszüge. Sie stehen dort wie ein blechgewordenes schlechtes Gewissen. Dicht an dicht hängen darin die unbearbeiteten Asylklagen, gelbe und rote Ordner, mehr als 1200 Stück. Zu jedem dieser Pappordner gehört ein Mensch, der wartet, ein Schicksal, ein Leben und sehr viel Schriftverkehr. Mit Anwälten, mit dem Bamf. Und nicht selten eine stundenlange mündliche Verhandlung. Das Problem: In Nocons Kammer gibt es nur drei Richter, die über Asylklagen entscheiden können, das bedeutet 400 abzuarbeitende Fälle pro Amtsperson. Und täglich kommen neue hinzu.

Jeden Tag steht er also erneut vor der Aufgabe zu entscheiden, was dringender ist: zu klären, ob Menschen im Abschiebeflieger sitzen sollen oder eben, ob Graugänse im Landkreis Oberspreewald-Lausitz in Rotorblätter fliegen, ob ein Schuppen zu nah am Nachbarszaun steht oder die Lärmbelästigung an der Landstraße für eine alte Dame noch erträglich ist.

Nocon zieht die Schultern hoch. "Wir bearbeiten nicht nach Staatsangehörigkeit des Klägers, sondern nach Dringlichkeit", sagt er, "was anderes können wir nicht tun." So kommt es, dass die Akten zu seinem Graugans-Fall schon seit neun Monaten herumliegen, normalerweise sollte so ein Eilverfahren in vier Wochen entschieden sein. Seine ältesten Verfahren, erzählt Nocon, liegen seit sechs Jahren.

Für viele der Asylklagen in Nocons Blechschrank wäre Deutschland eigentlich gar nicht zuständig. Es gebe sie nur, erzählt der Richter, weil es den Behörden nicht gelinge, die Kläger innerhalb der gesetzlichen Sechsmonatsfrist nach der Dublin-Regelung abzuschieben. Weniger als zehn Prozent der Abschiebungen in andere EU-Staaten werden tatsächlich auch vollzogen. Sobald die Frist verstreicht, ist Deutschland verantwortlich für das Asylverfahren. Wird der Asylbewerber dann abgelehnt, landet seine Klage bei Nocon, in einer gelben Mappe. "Wenn Dublin funktionieren würde", sagt er, "dann würde ich nicht so oft die Lage in Kamerun, Kenia oder Libyen beurteilen müssen, sondern nur die in Spanien und Italien."

Am nächsten Morgen, noch vor neun Uhr, betritt ein Mann mit einem schwarz-roten Rucksack das Gericht, lässt sich von der Justizbeamtin hinter der dicken Glasscheibe am Eingang durch die Sicherheitsschleuse lotsen und geht in den leeren Besucherraum im ersten Stock.

Der Mann heißt Ahmed Waheed Chaudhry, ist 49 Jahre alt, Vater von drei Kindern und kommt aus Pakistan, wo er als Landwirt gearbeitet und Reis, Zuckerrohr und Weizen angebaut hat, ein leiser Mensch mit weicher Stimme und angegrauten Schläfen. Er hängt seine Daunenjacke an den Ständer und setzt sich ans Fenster neben einen Gummibaum. Seit vier Jahren ist er in Deutschland, seit anderthalb Jahren hat er eine Festanstellung als Hausmeister in einer Moschee in Berlin. Zweimal in der Woche spiele er Badminton, "nur mit Deutschen", sagt er.

Bisher hat ihn die offene Klage vor der Abschiebung geschützt. Ein Urteil könnte das nun ändern. Auf den langen Fluren ist um diese Zeit kein Mensch zu sehen, die Richter sitzen auf ihren Stuben und wälzen Papier, kein Schritt ist zu hören, kein Wort, die Stille will nicht so recht zu der Schwere der Entscheidung passen, die hier gleich gefällt werden soll. Herr Chaudhry legt seine Hände auf die Knie und atmet laut aus. Er habe Angst, sagt er. "Diese Ungewissheit", er sagt: "Wenn ich verliere, gehe ich wohl sehenden Auges in den Tod."

Doch Chaudhry wird noch warten müssen, zuerst findet in Saal C, in einem winzigen Gerichtsraum am Ende des Flures, eine Serbien-Verhandlung statt.

Der zuständige Richter trägt seine schwarze Robe über blauen Jeans, ein Mann mit einem Jungsgesicht und einem silbernen Stecker im linken Ohrläppchen. Er heißt Görich. Vor sich auf dem Tisch legt Richter Philipp Görich die Akten ab, daneben stellt er einen Becher dampfenden Tee. Er ist 28 Jahre alt.

Im April 2016 wurde Richter Görich zur Entlastung des Gerichts eingestellt, direkt nach dem Referendariat, das erzählt er, wenn man ihn nach seinem jugendlichen Alter fragt. Er sagt: "Ich gehöre zum Asylpaket eins." Zwölf Richter hat das Land Brandenburg seit der Klagewelle an den vier Verwaltungsgerichten eingestellt. In Cottbus kamen in der Zeit von 2011 bis heute zwölf neue Richter hinzu, um Nocon und seine Kollegen zu unterstützen. Das klingt erst mal nach viel, nur haben in der gleichen Zeit elf Richter das Gericht verlassen.

Richter Görich bei Verhandlung ohne Kläger: Wie ein Theaterschauspieler bei der Probe, auf einer leeren Bühne, ohne Publikum
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Richter Görich bei Verhandlung ohne Kläger: Wie ein Theaterschauspieler bei der Probe, auf einer leeren Bühne, ohne Publikum

Um neun Uhr soll die Verhandlung beginnen, der Richter setzt sich in seiner Robe hinter die Milchglasscheibe, die seinen Tisch vom Rest des Raumes trennt, und macht sich bereit. Doch dann geschieht etwas, das auf Außenstehende wirkt wie ausgedacht: Richter Görich verhandelt in einem leeren Raum ohne Kläger und ohne Angeklagte. Er ruft durch das Mikrofon die Kläger auf: "In Sachen Igor V. gegen die Bundesrepublik Deutschland bitte in Saal C eintreten." Aber niemand kommt, kein Kläger, keine Beklagte, nur die Dolmetscherin fürs Serbische.

Die Kläger, eine Familie mit einem zweijährigen Kind, sind nach Serbien abgeschoben worden, eine Woche vor dem Verhandlungstag. Richter Görich eröffnet trotzdem, er sieht dabei aus wie ein Theaterschauspieler bei der Probe, auf einer leeren Bühne, ohne Publikum.

Es ist nicht selten, dass in Cottbus auf diese Weise verhandelt wird. Manchmal kommen Kläger nicht, weil sie abgeschoben worden sind, manchmal sind sie ausreisepflichtig und tauchen vor der Verhandlung unter, manchmal haben sie aus anderen Gründen das Interesse an der Klage verloren, ziehen sie aber nicht zurück, manchmal sind sie einfach krank. "Afghanen kommen eigentlich immer", sagt Görich, "ein Drittel der Pakistaner nicht." Menschen, die in sichere Herkunftsstaaten abgeschoben werden sollen, haben so schlechte Chancen vor Gericht, dass sie selten erscheinen. Sie lassen sich dann von ihren Anwälten vertreten, oder, wie im Fall der Serben, gar nicht.

Warum fällt die Verhandlung dann nicht einfach aus? Warum die wertvolle Zeit des Richters vernichten?

So will es die Prozessordnung, sagt Richter Nocon. Wo es eine Klage gibt, muss es ein Urteil geben. Es gebe auch Fälle, bei denen die Kläger selbst nach der Abschiebung noch ein großes Interesse an der Klage haben - in der Hoffnung, dass sie zurückkehren können. "Das ist halt Teil des Jobs", sagt auch Görich. Eine Viertelstunde nach der Eröffnung der Geisterverhandlung, um 9.15 Uhr, schließt er sie wieder. Dann rechnet er die Kosten der Dolmetscherin ab. Das Urteil folgt schriftlich.

Aber Herr Chaudhry ist da, und der 28-jährige Herr Görich wird nun über sein Schicksal verhandeln. Chaudhry soll nach Pakistan abgeschoben werden, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge will es so. Sein Asylantrag wurde als "unbegründet" abgelehnt.

Chaudhry nimmt zwischen seinem Anwalt und der Dolmetscherin für Urdu Platz, vor ihm steht ein Schildchen, auf dem "Kläger" steht. Ihm gegenüber steht der Tisch für die "Beklagte", in diesem Fall die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bamf. Die Plätze hinter diesem Tisch bleiben leer, wie immer. Das Bamf verteidigt sich nicht selbst, es lässt nur Akten für sich sprechen.

"Erzählen Sie mir noch einmal, warum Sie Pakistan verlassen haben", sagt Richter Görich jetzt zu Herrn Chaudhry.

Der beginnt vorsichtig zu sprechen, seine Geschichte geht in etwa so: Er und seine Familie gehören der religiösen Minderheit der Ahmadiyya an. Die Ahmadis werden in Pakistan verfolgt, jahrzehntelang schon, aber seit 2010 hat sich die Lage noch einmal deutlich verschlimmert, es gab zwei große Anschläge auf ihre Moscheen, viele Menschen kamen ums Leben oder wurden verletzt. Immer wieder gibt es Morde. Ein großer Teil der pakistanischen Muslime glaubt, dass die Ahmadis keine echten Muslime seien und dass sie den Propheten beleidigten. Das macht sie zu Vogelfreien in ihrem eigenen Land, es ist ihnen unter Strafe verboten, ihre Religion öffentlich auszuleben, ihre Unterdrückung ist gesellschaftlich akzeptiert.

"Wir konnten unsere Gebete nur noch von Sicherheitsleuten bewacht verrichten", erzählt Chaudhry, "die Frauen konnten gar nicht in die Moschee, weil es zu gefährlich war für sie. Die Kinder wurden auf dem Weg zur Schule beschimpft." Dann, 2012, sei ein Imam ins Dorf gekommen, erzählt Chaudhry. Er habe die Menschen im Dorf gegen ihn und seine Glaubensbrüder aufgehetzt, habe gepredigt, dass ins Paradies komme, wer einen Ahmadi töte.

Pakistaner Chaudhry: "Wenn ich verliere, gehe ich sehenden Auges in den Tod"
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Pakistaner Chaudhry: "Wenn ich verliere, gehe ich sehenden Auges in den Tod"

Es habe nicht lange gedauert, und die ersten Steine seien gegen die Moschee geflogen, die Angreifer hätten zu Chaudhry gesagt: "Wir lassen dich nie mehr in Ruhe", so erzählt er es. Er sei der Vorsteher seiner Gemeinde gewesen, das habe ihn für die Angreifer zum wichtigsten Ziel gemacht. "Mein Leben war nicht mehr sicher."

Herr Chaudhry macht nun ein Geräusch wie ein verletztes Tier, und es laufen Tränen aus seinen Augen. "Meine Kinder und meine Frau waren so verängstigt", sagt er, "sie haben ganz laut geweint. Sie konnten nicht mehr essen vor Angst." Sein Anwalt schiebt seinem Mandanten eine Packung Taschentücher herüber.

Chaudhry erzählt, die Übersetzerin übersetzt, der Richter spricht das, was ihm die Dolmetscherin übersetzt hat, langsam in sein Diktiergerät. So wird jeder Satz zweimal wiederholt. Immer wieder muss der Richter nachfragen, um Details aus den Erinnerungen des Klägers zu ziehen.

"Wann war der letzte Vorfall vor Ihrer Ausreise?", fragt der Richter.

"In dem ganzen Jahr vor unserer Flucht nach Rabwah haben wir uns in unserem Haus verbarrikadiert. Wir konnten nicht mehr rausgehen. Auch in Rabwah gibt es jeden Tag Anschläge, und die Angst aus unserem Kopf ist nie weggegangen", antwortet Chaudhry.

"Verstehe ich Sie richtig, dass Ihnen persönlich von Juni 2013 bis 2014 nichts passiert ist?", fragt der Richter.

"Nein, in Rabwah gab es keinen Anschlag auf mich. Aber in meinem Dorf immer wieder", sagt Chaudhry.

Richter Görich will herausfinden, ob sich die Aussagen von Herrn Chaudhry mit denen decken, die er damals bei seiner Anhörung beim Bamf gemacht hat, ob es Widersprüche gibt, ob er seinen Schilderungen etwas hinzufügt, ob seine Fluchtgründe plausibel sind oder ob er möglicherweise lügt, um zu bleiben.

So dauern manche dieser mündlichen Verfahren mehrere Stunden. Am längsten dauere Afghanistan, das erzählen die Richter in Cottbus, Afghanistan sei kompliziert, manchmal seien es bis zu sieben Stunden.

Während Ahmed Waheed Chaudhry im ersten Stock um sein Leben in Deutschland bangt, hat Richter Nocon zwei Etagen über ihm in der Mittagspause im "Sozialraum" schnell eine Suppe vom Lieferservice gegessen, "schwarze Linsen, Kohl und irgendwas mit einer grünlichen Färbung", sagt er, er hat eine Besprechung gehabt, bei der es um eine Zufahrt ging, die die Stadt gebaut hat und die die Klägerin umgebaut haben möchte, weil sie ihre Boote nicht mehr vom Grundstück ziehen kann. Und er hat längst die nächsten Abschiebungen entschieden: Ein Kläger muss zurück nach Italien, weil er dort zuerst registriert worden ist, Fingerabdrucknahmedatum: 15.10.2015. "Da greift die Dublin-Regelung, das sind die schnellsten Verfahren", sagt Nocon. Ein Libanese muss nach Spanien, "seine Argumente haben mich nicht überzeugt". Und ein Iraker muss zurück nach Schweden, "den Eilantrag habe ich abgelehnt".

Fragt man Nocon, wie es sich anfühlt, nach dem Mittagessen mit den Kollegen mal eben per schriftlichem Urteil die Abschiebung von drei Menschen zu besiegeln, sagt er: "Es ist Aufgabe des Richters, Emotionen außen vor zu lassen. Befindlichkeiten haben hier nichts verloren." Er sagt allerdings auch: "Bei einer normalen Arbeitsbelastung habe ich die einzelnen Sachverhalte im Kopf, diese Schicksale, die einen begleiten. Aber angesichts der schieren Zahl habe ich den Überblick verloren. Wenn Sie mehr als 300 Sachen haben - das verliert sich im Abstrakten." Der Mensch ist zu einer Aktennummer geschrumpft.

Besonders seien für ihn aber sowieso eher die Anerkennungen als die Ablehnungen. Wenn sich das Blatt für den Kläger tatsächlich noch mal wendet: "Etwa die Frau aus Somalia, die von der Schabab-Miliz verfolgt worden ist und im Gefängnis gesessen hat, weil man ihr unislamisches Verhalten vorgeworfen hatte." In der Anhörung beim Bundesamt konnte sie das aus irgendwelchen Gründen nicht richtig erzählen. "Erst nach anderthalb Stunden in der mündlichen Verhandlung vor Gericht konnte sie sich so weit öffnen, dass sie mir ihre Fluchtgründe sehr detailreich und schlüssig erzählt hat." Die Frau durfte dann bleiben.

Es gibt Kritiker, die sagen, dass die vielen Klagen möglicherweise auch damit zu tun haben, dass die Entscheidungen des Bamf sich verschlechtert haben, seit der politische Druck, die Verfahren zu beschleunigen, gewachsen ist und Tausende noch unerfahrene Entscheider die Verantwortung tragen. Dafür spräche auch, dass die Erfolgsquote der Kläger immer weiter wächst: Fast 44 Prozent der Klagen, die inhaltlich entschieden wurden, gingen 2017 positiv für den Kläger aus.

Blick aus dem Gerichtssaal: Bürokratischer Verteilungskampf
Djamila Grossman / DER SPIEGEL

Blick aus dem Gerichtssaal: Bürokratischer Verteilungskampf

Besonders erfolgreich aber waren die Syrer, die sogenannten Aufstocker, die vom Bundesamt nur subsidiären Schutz erhalten haben, eine verlängerbare Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr, die sie nicht berechtigt, ihre Familie nachzuholen. Sie klagen meist auf einen echten Flüchtlingsstatus. Erfolgsquote in der ersten Instanz: 70 Prozent.

Leidet bei der hohen Fallzahl auch die Qualität der Entscheidungen des Gerichts?

"Nein", sagt Nocon, "ich kann ja jetzt nicht sagen: Hören Sie mal, es ist zu viel zu tun, ich habe den Überblick verloren, deshalb werfe ich jetzt in Ihrem Fall mal die Münze." Die Überlastung am Gericht zeige sich vielmehr in den überlangen Wartezeiten, erzählt Nocon.

Sein ältestes Verfahren stammte aus dem Jahr 2012. Es ging um Anwohner, die sich durch den Lärm der benachbarten Schule beeinträchtigt fühlten. "Das habe ich jetzt gerade im Februar abgeschlossen", sagt er. "Abgeschlossen" heißt in diesem Fall: Die Klägerin hat hingeschmissen, weil es zu lange gedauert hat, fast sechs Jahre.

Nocon erzählt von einem Supermarkt, der seit 2013 nicht anbauen kann, weil er, Nocon, keine Zeit habe, sich mit dem Fall zu befassen. Von einer Frau, die seit fünf Jahren auf die Baugenehmigung für ihr Einfamilienhaus wartet. Vor einiger Zeit bekam er Post von einer alten Dame, die ihn darauf hinwies, dass sie gestorben sein könnte, bevor er ihre Klage entschieden habe. Die Frau war über achtzig. Nocon zog ihren Fall vor. "Die konnte nicht mehr schlafen", sagt er, "das war ihr nicht mehr zuzumuten."

Aus Angela Merkels "Wir schaffen das" ist an den deutschen Verwaltungsgerichten eine Art bürokratischer Verteilungskampf geworden. Solange sich die Asylfälle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stapelten, war das ein Problem, aber keines, das den Bürger groß beeinträchtigte. Doch nun konkurrieren die Anliegen der Flüchtlinge auf einmal mit denen der einheimischen Kläger. Für die einen geht es um Wochenendhäuser, um Strafzettel und Zufahrten, für die anderen geht es um ein Leben in Deutschland. Beides hat seine Berechtigung, für beides muss Platz sein in einem funktionierenden Rechtsstaat.

Nur lässt die Ausstattung der Justiz es nicht zu, dass die Richter ihre Aufgaben erfüllen. Die Grenze des Machbaren liegt lange hinter ihnen. Es brauchte effizientere Arbeitsabläufe und Hunderte zusätzliche Stellen. Experten vermuten, dass es Jahre dauern wird, bis sich die Lage an den Gerichten normalisiert hat. So ist der Frust der Bürger vorprogrammiert, was Zündstoff bedeuten kann, gerade in einem Ort wie Cottbus, wo immer wieder rechte Übergriffe für Schlagzeilen sorgen, wo die AfD bei der Bundestagswahl 24 Prozent geholt hat und wo der Anti-Einwanderungs-Verein "Zukunft Heimat" regelmäßig mit "Schnauze voll"-Plakaten durch die Straßen zieht.

Es ist Nachmittag geworden am Verwaltungsgericht. Nach zweieinhalb Stunden Verhandlung tritt Herr Chaudhry aus dem Gerichtssaal C zurück auf den Flur. Er wirkt, als sei mit jedem Satz, den er vor dem Richter hat sprechen müssen, mit jeder Erinnerung, ein bisschen Kraft aus seinem Körper entwichen. Es mache ihm solche Sorgen, nicht zu wissen, wie der Richter sich entscheiden wird, sagt er. Es kann ein paar Wochen dauern, bis er das Urteil erfährt. Chaudhry zieht seine Daunenjacke über, schultert den Rucksack und verschwindet in der Ungewissheit, in der Cottbusser Kälte.

Zwei Wochen später, an einem Freitag Mitte März, bekommt sein Anwalt in Hamburg Post vom Gericht in Cottbus. Richter Görich hat anders als das Bamf entschieden und Herrn Chaudhry den Flüchtlingsstatus gegeben. Den "Premium-Status", wie Nocon es nennt. Er darf bleiben. Seine Klage war ein Erfolg. Als anerkannter Flüchtling kann er nun, wenn es gut läuft, bald seine Familie nachholen, seine Frau und seine drei Kinder. Nach Deutschland, endlich in Sicherheit.



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