AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Künstliche Reproduktion Rettung einer Nashornart, letzter Versuch

Vom Nördlichen Breitmaulnashorn gibt es weltweit noch drei Exemplare. Mit künstlicher Reproduktion wollen deutsche Veterinäre die Spezies retten - doch sie haben nur eine einzige Chance.

Wildhüter bewachen ein Nördliches Breitmaulnashorn im Reservat Ol Pejeta Conservancy (2011)
BRENT STIRTON / GETTY IMAGES

Wildhüter bewachen ein Nördliches Breitmaulnashorn im Reservat Ol Pejeta Conservancy (2011)


Die letzten Vertreter ihrer Art geben ein trauriges Bild ab: Sudan, vermutlich 45, ist auf einem Auge blind und produziert nur noch ein dünnes Ejakulat. Najin, 28, leidet an kaputten Achillessehnen; das Weibchen kann keine Babys mehr austragen. Und Fatu, 17, ist unfruchtbar; eine Infektion hat die Gebärmutter zerstört.

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Heft 39/2017
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Das Nördliche Breitmaulnashorn ist "funktionell" ausgestorben, weil die übrig gebliebenen Exemplare sich auf natürliche Weise nicht mehr fortpflanzen können. Und so dämmern die drei Kolosse, die zwei Hörner auf Nase und Stirn tragen, in einem von Wildhütern bewachten Gehege in Kenia ihrem Ende entgegen. Touristen statten ihnen, gegen Eintrittsgeld, den Abschiedsbesuch ab.

Aber noch leben Sudan, Najin und Fatu - und so lange glauben der Tierarzt Thomas Hildebrandt und seine Kollegen vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin daran, dass sie die verloren geglaubte Spezies doch noch retten können. "Wir wollen Nashörner machen, und wir werden sie machen", sagt Hildebrandt entschlossen.

Gemeinsam mit seinen Kollegen will er möglichst bald nach Kenia reisen, Nafin und Fatu Eizellen entnehmen und diese mit eingefrorenen Spermien bereits verstorbener Bullen im Labor befruchten lassen. Die in Kulturschale gezeugten Embryonen sollen dann von Kühen einer anderen Nashornunterart austragen werden. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.

Ob es zu gewinnen ist, das vermag niemand zu sagen. Aber es verdeutlicht den widersprüchlichen Umgang der Menschheit mit den Mitgeschöpfen. Einerseits knallen Menschen seltene Tiere gnadenlos ab oder zerstören ihren Lebensraum - andererseits unternehmen sie verzweifelte Versuche, um die Auslöschung bedrohter Arten abzuwenden.

Die Generalprobe für die Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns beginnt Mitten in der Nacht und zeigt, welcher Aufwand damit verbunden ist. Um zwei Uhr früh setzt sich Thomas Hildebrandt in Berlin-Friedrichsfelde in einen Dienstwagen und fährt gen Osten. Um 3.43 Uhr wird er an der polnischen Grenze angehalten und zeigt seinen Personalausweis. Um 5.45 Uhr überlässt Hildebrandt der Tierärztin Susanne Holtze das Steuer und legt sich auf den Rücksitzen schlafen. Um 6.55 Uhr rollt Holtze im Schritttempo in den Zoo von Chorzów, einer Stadt in der Nähe von Katowice in Schlesien, und parkt den Wagen. Drei Kollegen aus dem Berliner Institut, die im vollgepackten VW-Bus die 520 Kilometer lange Strecke gefahren sind, warten dort bereits.

"No gun - research equipment" steht auf dem Kasten, den die Tierärzte ins Nashornhaus tragen. Auch ein Mikroskop, eine blaue Tischdecke, Medikamente, Plastikhandschuhe, Laptops, eine Betäubungspistole sowie eine selbst gebastelte Stange mit einem Ultraschallkopf und Nadel an der Spitze gehören zu ihrer Ausrüstung.

"Hope", so der Name der hier gehaltenen Nashornkuh, hat in den Tagen zuvor Hormonspritzen bekommen. Das lässt in ihr Follikel mit Eizellen reifen - und macht sie sichtlich unruhig. Als der Tierarzt Marc Gölkel einen Schritt auf den Käfig zugeht, nimmt Hope ihn mit ihren Hörnern ins Visier, als wolle sie gleich durchs Gitter brechen. Auf diesen Augenblick hat sein Kollege Frank Göritz gewartet. Er hat sich von der Seite angeschlichen und schießt nacheinander zwei Pfeile mit Narkosemitteln hinters Ohr, genau dorthin, wo die Haut nicht ganz so dick ist.

Um 9.28 Uhr sackt Hope zusammen; sie legt sich auf die rechte Seite und beginnt zu schnarchen. Über eine Kanüle im Ohr führt Göritz weiter Narkosemittel zu, damit der Dickhäuter nicht plötzlich wach wird. Jetzt hat der fünfte Tierarzt im Bunde, Robert Hermes, seinen Auftritt. Mit seiner behandschuhten Hand räumt er den Enddarm des Nashorns aus, dann greift er nach der langen Stange.

Hope ist zwar ein Südliches Breitmaulnashorn, von denen es im südlichen Afrika mehr als 20.000 Exemplare gibt. Aber in anatomischer Hinsicht ähnelt sie dem Nördlichen Breitmaulnashorn so sehr, dass die Berliner Tierärzte gut an ihr üben können, wie sie den Weg durch die weitläufigen Geschlechtskanäle finden.

Das Nördliche Breitmaulnashorn ist hochbeiniger als der südliche Verwandte. Die riesigen Rhinozerosse wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts von einem britischen Major namens Percy Powell-Cotton am oberen Nil entdeckt - es war eine zoologische Sensation. Genetischen Analysen zufolge lebte Ceratotherium simum cottoni, so der wissenschaftliche Name, Hunderttausende Jahre getrennt von der südlichen Unterart in Gebieten, die heute zu Ländern wie Uganda, der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan gehören. In dieser Zeit haben sie einzigartige Merkmale ausgebildet: Sie sind im Alter unbehaart, haben auffällig lange Beine und breite Füße. Auf denen streiften sie zahlreich durch Gras- und Sumpflandschaften.

Doch wie alle Nashornarten wurden sie gnadenlos gewildert. Während es Anfang der Sechzigerjahre noch schätzungsweise 2200 Exemplare gab, sollen 1997 nur noch 25 Tiere durch den Lebensraum gezogen sein. Zehn Jahre später war diese Unterart komplett aus der Wildbahn verschwunden. Es geschah in Kriegswirren. Soldaten hackten den Tieren die Hörner mit Macheten aus dem Kopf und tauschten sie gegen Waffen für Kämpfe im Kongo und Südsudan.

Auf dem Schwarzmarkt ist ein Kilo Horn wertvoller als ein Kilo Gold, weil die Nachfrage insbesondere in Vietnam riesig ist. Viele Menschen dort halten es für ein Zaubermittel. Zu Mehl geriebenes Horn soll schwere Krankheiten heilen. Dabei besteht es hauptsächlich aus Keratin, einer pharmakologisch völlig unwirksamen Substanz, aus der auch die Haare und Fingernägel des Menschen sind.

In den Siebzigerjahren gelangten fünf Nördliche Breitmaulnashörner lebend nach Europa, und zwar in den Zoo der böhmischen Stadt Dvur Králové - sie waren die Naturalien, mit denen südsudanesische Rebellen Kalaschnikows aus der Tschechoslowakei bezahlten. In Dvur Králové kamen zwar vier Kälber auf die Welt. Dennoch schmolz die Gruppe dahin, bis nur noch Sudan, Najin und Fatu und zwei weitere Exemplare übrig waren. Vier Tiere wurden von Mitarbeitern des Zoo Dvur Králové 2009 als Leihgabe ins Reservat Ol Pejeta Conservancy nach Kenia geschickt - in der Erwartung, die Rhinos würden sich unter afrikanischer Sonne eher vermehren als in Böhmen.

Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Deshalb haben sich die tschechischen Besitzer entschlossen, die todgeweihte Art durch Hightechfortpflanzung zu retten. "Es ist wichtig, dass wir so schnell wie möglich ein Baby produzieren", sagt Jan Stejskal, der Sprecher des Zoos Dvur Králové.

Eine Schlüsselrolle spielen die fünf Experten vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung, die bei der assistierten Reproduktion von Nashörnern und Elefanten weltweit die meiste Erfahrung haben. Allerdings: Das Benzin und ihre Spezialkoffer müssen sich die Experten von den Tschechen bezahlen lassen, weil das Budget ihrer Abteilung vorn und hinten nicht reicht. Dringend werden für das Projekt noch Spendengelder gesucht: Am 5. Oktober werden die Forscher im Hotel Adlon Kempinski Berlin ein Ölgemälde des ungarischen Malers Anton Molnár versteigern - es zeigt ein Nashorn. Die Erlöse der Auktion sollen in den Rettungsplan fließen.

Bereits in diesem Herbst oder Winter könnten Hildebrandt und seine Mitstreiter zum Ol Pejeta Conservancy nach Kenia reisen. Sie werden pro Kuh nur einen Versuch haben, jeder Handgriff muss sitzen.

Umso wichtiger ist deshalb das Training im Zoo von Chorzów. Hope schnarcht noch. Der lange Stab mit dem Ultraschallkopf steckt in ihrem Unterleib, sodass Bilder ihrer Eierstöcke auf einem Monitor erscheinen. Ein Kreis ist zu erkennen: ein Follikel, in dem eine Eizelle steckt.

Auf dem selbst gebastelten endoskopischen Instrument drückt Hildebrandt einen Abzug: Eine Hohlnadel fährt an der Stabspitze aus und sticht mitten in den Follikel. Nun saugt Hildebrandt dessen Inhalt in ein Röhrchen. Es dauert mehr als zwei Stunden, bis er 25 Follikel punktiert hat.

Göritz entfernt die Kanüle für das Narkosemittel, jetzt schnell aus dem Käfig, "alle Türen geschlossen und gesichert", ruft jemand. Binnen wenigen Minuten erwacht Hope und steht auf. Sie ist noch benommen und lässt sich durch die Gitterstäbe streicheln.

Die Flüssigkeit aus den Follikeln betrachtet Hildebrandt unter dem Mikroskop. Hat sich der Aufwand gelohnt? Endlich erspäht er eine runde Struktur und ruft um 11.43 Uhr: "Wollt ihr mal eine Oozyte sehen?" Um 14.06 Uhr hat er alle Proben durchsucht und macht zum ersten Mal Pause. Zufrieden beißt er in ein kaltes Schnitzel. "Elf Eizellen - so viele hatten wir noch nie."

Die Röhrchen mit den kostbaren Fundstücken steckt Hildebrandt in eine auf 22 Grad erwärmte Transportkiste und übergibt sie dem Zootierarzt von Chorzów, der sie mit einem Paketdienst an die Firma Avantea in Cremona in der norditalienischen Lombardei schicken soll.

Die Italiener, die viel Erfahrung in der assistierten Reproduktion von Pferden und Rindern haben, machen an dem Projekt mit, ohne Geld dafür zu verlangen. Sie befruchteten die Eizellen im Labor und konnten drei Nashornembryonen herstellen. Diese lagern nun bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff.

Gegen 20 Uhr waren Hildebrandt und die anderen Tierärzte zurück in Berlin. Ihr langer Arbeitstag war nur eine kurze Etappe auf dem Weg, Sudan, Najin und Fatu wieder eine Verwandtschaft zu schenken.



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