AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Väter-Träume Warum meine Kinder den Wert einer Armbanduhr nicht mehr erkennen

Unser Autor erfüllt sich einen Lebenstraum - und sein Ältester sagt bloß: Aha. So war das nicht geplant.

James-Bond-Uhr von Omega
Omega

James-Bond-Uhr von Omega

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Vor ein paar Wochen habe ich mir einen Wunsch erfüllt. Ich habe mir eine Armbanduhr gekauft, zum ersten Mal in meinem Leben. Nicht irgendeine Uhr, sondern eine Taucheruhr von Omega, mit automatischem Aufzug.

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Heft 4/2018
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Freunde der Uhren- und Filmgeschichte wissen, dass Bond, James Bond, diese Uhr trägt, ein ikonischer Zeitmesser, Swiss made. Weil mir eine Bond-Uhr neu zu teuer gewesen wäre - sie hat den Preis eines zweiwöchigen Familienurlaubs -, habe ich nach einem gebrauchten Modell in ordentlichem Zustand gesucht.

Fündig wurde ich bei einem 84-jährigen Uhrmacher, der einen kleinen Laden mit gelber Markise hat, in der Auslage historische Taschenuhren und Wecker, wie ich sie von meiner Oma kenne.

Meinen Kindern zeigte ich die Uhr zu Hause beim Abendessen. Ich sagte, dass ich ihnen diese Uhr eines Tages weiterreichen werde. Ich kam mir vor, als würde ich mein eigenes Vermächtnis vorlesen.

Ich fühlte mich wie der Vater von Bruce Willis in "Pulp Fiction", der als Gefangener im Vietnamkrieg die Uhr des Großvaters in seinem Arsch vorm Feind versteckt, und zwar fünf Jahre lang, damit sein Sohn sie erben kann.

Ich dachte an die Werbung von Patek Philippe, wo der Vater seinen Sohn an die Hand nimmt, wobei es dabei eher auf das Handgelenk ankommt. Die Werbung endet mit dem Satz: "Du besitzt niemals wirklich eine Patek Philippe, du passt nur für die nächste Generation auf sie auf." Ich erwachte brutal aus diesen Welten, als mein ältester Sohn zu mir blickte und ein einziges Wort sagte, "aha". Der Kleine sagte gar nichts, er wollte weiteressen.

Ich hätte es ahnen müssen. Als meine Söhne in der Schule lernen sollten, wie man die Uhr liest, habe ich ihnen eine geschenkt. Ein Modell aus Plastik, ganz schlicht, die Ziffern, zwei Zeiger, sonst nichts. Bei meinem Älteren war irgendwann die Batterie leer, ohne dass er die Uhr jemals getragen hätte. Der Jüngere hatte sie mir zur Liebe zwei- oder dreimal am Handgelenk, danach verschwand sie in einer Küchenschublade. Damit war klar, dass Armbanduhren für meine Kinder eine andere Bedeutung haben als für mich selbst.

Meine erste Uhr habe ich von meinen Eltern zur Kommunion bekommen, mit neun. Sie war von Junghans, was ich deshalb noch weiß, weil Bayern München damals einen Torwart hatte, der Walter Junghans hieß. Ich mochte Bayern München zwar nie, aber mit der Uhr fühlte ich mich ein bisschen erwachsen. Auch meine zweite Uhr war ein Geschenk, nun zum Abitur. Ein Designklassiker aus Edelstahl zwar, aber für meinen Geschmack zu klein. Richtig gefallen hat die Uhr mir nie, trotzdem trug ich sie jeden Tag, 27 Jahre lang. Sie ist für mich von hohem ideellem Wert: Ich vermute, die Reparaturen und Dichtheitsprüfungen haben fast so viel gekostet wie die Uhr selbst. Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich dachte: Mein Junge, du bist jetzt alt genug für die Uhr deines Lebens.

Auf der Suche nach dieser Uhr guckte ich in Schaufenster und suchte im Netz nach der richtigen Ausführung. Es war nicht leicht. Denn eine Uhr ist das einzige Schmuckstück, das ein Mann tragen sollte, abgesehen vom Ehering, falls er verheiratet ist. Eine Uhr sagt etwas darüber, wer du bist. Oder wer du sein möchtest. Ich habe mich zum Beispiel nie für eine Rolex interessiert.

Für meine Söhne sind Armbanduhren etwas, was es nicht mehr gibt. So wie Kassettenrekorder. Wenn sie wissen wollen, wie spät es ist, gucken sie auf das Handy, den iPod, das Tablet. Die Auskunft, die sie dort bekommen, ist präziser als auf jeder mechanischen Uhr. Die physikalischen Gesetze, die das Werk laufen lassen, wirken an meinen Kindern vorbei: Schwungmasse, Zugfeder und Ankerradzähne sind ihnen schnurz. Sie wissen nicht, wie der Herzschlag einer Armbanduhr entsteht, tick, tack.

Hat ein Smartphone ein Herz? Hat ein Tablet eine Seele? Nicht dass ich wüsste. Würde jemand auf die Idee kommen, einem Sohn zur Gesellenprüfung oder meinetwegen zur Hochzeit ein altes Handy zu überreichen? Hätte der Vater von Bruce Willis ein Handy sonst wo versteckt, um es zu retten?

Solche Dinge haben nichts, was einen mit dem Mechanismus verbindet, der dafür sorgt, dass sie funktionieren. Ich kann eine Bindung aufbauen zu Dingen, die ich verstehe. Ich hatte auch eine Bindung zu meinem ersten Auto, einem Ford Fiesta; ließ man bei geöffneter Haube den Motor an, konnte man dabei zusehen, wie er arbeitet. Wenn ich heute bei meinem Auto, einem Skoda Kombi, die Motorhaube öffne, sehe ich nichts mehr. Ich habe auch keine Bindung zu diesem Auto.

Der Uhrmacher, bei dem ich die Omega gekauft habe, ist ein eleganter Herr mit Seidenschal und Goldrandbrille. Uhrmachermeister wie ihn gibt es inzwischen nicht mehr viele: Hipster-Casio-Uhren mit Digitalanzeige sind ihm zuwider, er hat eine Leidenschaft für Manufakturwerke und besorgt jedes Einzelteil im Original, wenn er eine Uhr instand setzt - egal, wie alt und klein es auch sein mag. In seinem Fundus hat er hundert verschiedene Batterien. Die Ganggenauigkeit einer Uhr misst er nicht mit einer Maschine, er trägt die Uhren seiner Kunden am Arm, er sagt, der Alltagstest sei immer noch am besten.

Er sagt auch, er hätte sich geweigert, mir die Omega zu verkaufen, wenn er der Meinung gewesen wäre, sie stünde mir nicht.

Ich rede jetzt einfach nicht mehr mit meinen Söhnen über die Uhr. Ich warte, bis sie erwachsen sind. Und dann wird der Tag kommen, an dem ich ihnen sagen kann: Kinder, diese Uhr habe ich niemals wirklich besessen, sondern immer nur auf sie aufgepasst, für euch.

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