AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Kryptowährungen Du hast kein Geld? Erfinde welches! 

Ein neuer, riskanter Trend in der Start-up-Szene: Junge Unternehmen verteilen Kunstgeld, um an Anfangskapital heranzukommen. Eine Chance für die Finanzwelt - doch die Crash-Gefahr steigt.

Bitcoin, das größte digitale Zahlungsmittel
REUTERS

Bitcoin, das größte digitale Zahlungsmittel


Fast wäre Christoph Jentzsch im vorigen Jahr aus dem Nichts in den internationalen Wirtschaftsolymp aufgestiegen. Der schmale Physiker aus dem sächsischen Mittweida hatte für eine neue Projektidee nach Geldgebern gesucht und dafür das erfolgreichste Crowdfundingprojekt aller Zeiten gestartet - zunächst.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Mehr als 15.000 Anleger weltweit investierten insgesamt eine dreistellige Millionen-Euro-Summe im Tausch gegen virtuelle Anteilsscheine, Token genannt.

Kurz nach dem Start kam es allerdings zur Katastrophe: Ein Hacker leitete Millionen der eingezahlten Mittel einfach um. Jentzsch und sein Team, zu dem auch sein Bruder Simon gehört, gerieten ins Visier der amerikanischen Börsenaufsicht SEC.

Trotzdem wurde Jentzsch, 32, für Start-up-Unternehmer auf der ganzen Welt zu einer Inspiration: In der Hoffnung, ähnlich gigantische Summen einzusammeln, vergeht mittlerweile kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Gründer neue "Token" oder "Coins" herausgibt, virtuelle Anteile also, und sich auf diese Weise Investoren sucht. ICO heißt das Verfahren, Initial Coin Offering - angelehnt an die englische Abkürzung für normale Börsengänge: IPO.

Die virtuelle Geldbeschaffung könnte eines der größten Probleme vieler junger Firmen vom einen auf den anderen Tag lösen: die Frühphasenfinanzierung. Statt mit aufwendigen Präsentationen bei Wagniskapitalgebern oder Banken um Kredit zu betteln, stellen sie ihre Idee einfach ins Netz und schaffen mit wenig Aufwand neue Internetwährungen. Die Investoren spekulieren darauf, dass die Start-ups sich gut entwickeln und ihre Coins an Wert gewinnen - im besten Fall so rasant wie zuletzt der Bitcoin.

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Die Mutter aller Internetwährungen hat eine massive Wertsteigerung hingelegt. Noch deutlicher stieg die mittlerweile zweitwichtigste Internetwährung: Der sogenannte Ether der Ethereum Foundation wurde 2015 für rund 50 Cent gehandelt und notierte zuletzt bei rund 380 Dollar.

Wie Bitcoin setzt auch Ethereum auf die Basistechnologie der Blockchain - eine Art elektronisches Kassenbuch, das auf viele Rechner verteilt ist. Im Fall von Ethereum kann sie nicht nur Überweisungen verbuchen, sondern auch ganze Programme speichern und ausführen, "smarte Verträge".

Jentzsch, der früher bei Ethereum gearbeitet hat, programmierte einen solchen Vertrag, um Investmentgelder für seine eigene Start-up-Idee, aber auch für andere Projekte einzusammeln - eine Art virtuellen Investmentfonds also. Die Investoren sollten für ihre eingezahlten Ether Stimmrechte bekommen und abstimmen, in welche Start-ups die eingezahlten Gelder fließen sollten.

Jentzsch und sein Team nannten ihr Projekt "Dezentrale autonome Organisation" - kurz Dao -, weil es allen Einzahlenden gehören sollte, staatenlos sein und weder Chefs noch Büroräume haben sollte. Ein Gebilde nur aus Computercode, das war die Vision.

"Es war der Wahnsinn, eine Viertelmilliarde für ein experimentelles, ungetestetes Projekt", sagt Jentzsch heute, "ich hatte aufgrund der Größe unserer Community mit maximal sechs Millionen Euro gerechnet, mir wurde das selbst unheimlich."

Nicht ganz zu Unrecht. Denn kurz nach dem fulminanten Start konnten die Brüder Jentzsch live dabei zuschauen, wie ein bis heute unbekannter Hacker ihre Idee zerstörte: Er zweigte Dao-Token im Wert von 53 Millionen Dollar auf ein Unterkonto ab. Nur dank einer gemeinsamen Rettungsaktion der Ethereum-Community entstand den Investoren kein Schaden. Der Hacker allerdings hatte bewiesen, dass Dao angreifbar ist.

Auf den Markt wirkte das aber alles andere als abschreckend: Das kurze Aufblühen und der schnelle Tod des ersten großen Investmentfonds auf Basis der Blockchain weckten international eher Interesse. Immerhin hatte Dao gezeigt, wie viel Geld im Markt nach derlei Anlageformen sucht. Seither erlebt die Methode unter dem Namen ICO einen regelrechten Hype: In den ersten sechs Monaten floss auf diesem Weg mehr Kapital in Start-ups als durch etablierte Wagniskapitalgeber.

So sammelte das bis dahin unbekannte Start-up Lisk eines Aachener Studienabbrechers im vorigen Jahr bereits den damaligen Gegenwert von fünf Millionen Euro in Bitcoin ein. Auf sagenhafte 232 Millionen Dollar kam im Juli ein US-Start-up namens Tezos, ein anderes gab "Gno" heraus und erhielt dafür binnen 15 Minuten den Gegenwert von rund zwölf Millionen Dollar überwiesen. Heutige Tech-Giganten brauchten in ihrer Startphase noch Jahre und viele Finanzierungsrunden, um auf solche Summen zu kommen.

Auch die großen Wagniskapitalgeber können den Trend nicht mehr ignorieren - denn auch deren Investoren verfolgen die Wertsteigerung der virtuellen Währungen: Die Investmentfirma Sequoia Capital und andere Finanzdickschiffe sicherten sich gerade vorab Token des US-Speicherplatzanbieters Filecoin für rund 52 Millionen Dollar, das folgende öffentliche Angebot spülte weitere 200 Millionen in dessen Kassen. Fast täglich werden neue Emissionen angekündigt.

Genau das ruft jetzt auch Kritiker auf den Plan. Denn durch die Ausgabe immer neuer alternativer Coins ("AltCoins") ist ein kaum überschaubarer und mehr als 150 Milliarden Dollar schwerer Nebenfinanzmarkt entstanden. Inzwischen werden mehr als 900 Kryptowährungen auf Marktplätzen im Netz gehandelt.

In welchem Umfang oft relativ unerfahrene Privatinvestoren hier Risikokapital in teils noch nicht erprobte Geschäftsmodelle pumpen, erinnert Branchenkenner an die Dotcom-Blase der späten Neunziger - und vor allem an deren spektakuläres Platzen. Selbst einer der Ethereum-Gründer bezeichnet ICOs mittlerweile als "tickende Zeitbombe".

Tatsächlich werben einige der aktuellen ICO-Kandidaten mit wolkigen Versprechen. Anders als beim klassischen Börsengang mit den vorhergehenden Prüfungen, Roadshows und Prospekthaftungspflichten sind ICOs noch weithin ungeregelt - und laden damit geradezu ein zum Betrug. Investorenschutz? Fehlanzeige.

Erst am Dienstag warnte die amerikanische Börsenaufsicht ausdrücklich vor grassierenden Betrügereien und Manipulationsversuchen in diesem neuen Markt. Die chinesische Regierung überlegt bereits, ICOs komplett zu verbieten.

Die fehlende Regulierung wird damit zur Gretchenfrage der immer größer und gieriger werdenden Szene: Sind die Coin-Emissionen genau deshalb so erfolgreich, weil sie in einem Graubereich stattfinden?

Das anarchische Element hatte einst die Erfindung des Bitcoin inspiriert - als Währung, auf die Staaten und Zentralbanken keinen Einfluss haben sollten. Aus dieser Sicht ist jede Regulierung ein Sakrileg und ein Risiko: Tatsächlich reagiert der Wert der wichtigsten Kryptowährungen sofort auf Verlautbarungen der Börsenaufsicht SEC - etwa als die Behörde jüngst verkündete, dass sie die bei Dao ausgegebenen Stimmrecht-Token als Wertpapiere ansehe.

Andere dagegen glauben, dass die neue elektronische Finanzwelt nur dann ihr Potenzial entfalten kann, wenn zumindest grundlegende Vereinbarungen für alle gelten. Sogar der Erfinder der "autonomen Organisation", Christoph Jentzsch, sieht viele der aktuellen ICOs kritisch und befürwortet "klare Regeln".

Er kann dafür direkt an der zuständigen Stelle werben: Das Finanzministerium hat ihn in seinen Fintechrat berufen, dem Staatssekretär Jens Spahn vorsitzt.

Bislang müsste theoretisch jeder einzelne ICO hierzulande mühsam mit der Finanzaufsicht BaFin verhandelt werden, auch, weil die jungen Unternehmen höchst unterschiedliche Modelle verwenden: Mal sind die ausgegebenen Token nicht mehr als Gutscheine für Dienstleistungen und Produkte, etwa Speicherplatz oder Rechenleistung in den mit dem Risikokapital aufgebauten Rechenzentren. Andere wiederum beinhalten das Recht auf Anteile am Gewinn oder echte Unternehmensanteile.

So abstrakt diese Form von Unternehmensfinanzierung derzeit noch erscheint, so wichtig ist sie - auch im Hinblick auf den Standort Deutschland: Denn mit einer intelligenten Regulierung könnten Deutschland und Europa gegenüber dem Silicon Valley Boden gutmachen. "Deutschland und gerade Berlin haben eine der besten und kreativsten Entwicklerszenen rund um die Blockchain", sagt Jentzsch. "Viele Start-ups verlegen ihren Firmensitz nur wegen der aktuell noch größeren Rechtssicherheit in die Schweiz."

Bleibt die Frage, ob es sich um eine Blase handelt - oder tatsächlich um einen nachhaltigen Wandel der Finanzwelt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, das Verfahren auch für Start-ups außerhalb der Kryptoszene attraktiv zu machen.

Das will nun Zoe Adamovicz mit ihrer Firma Neufund von Berlin aus versuchen. Die erfahrene Unternehmerin, die ihr letztes Start-up an einen Nasdaq-Konzern verkauft hat, will künftig ganz normale Unternehmen "tokenisieren", wie sie das nennt - und kryptounerfahrenen Nutzern den Einstieg erleichtern. Eigene Juristen und externe Kanzleien haben gerade auf 55 Seiten ein Modell vorgestellt, wie das rechtssicher funktionieren soll. Noch in diesem Jahr will Adamovicz damit starten.

Die Dao-Entwickler rund um Jentzsch beraten inzwischen Konzerne wie die RWE-Tochter Innogy und Siemens, wie sie die Blockchain für sich nutzen können. Daneben verfolgen sie ihre ursprüngliche Geschäftsidee weiter, die sie mit Dao eigentlich nur hatten finanzieren wollen: Slock.it. Bei der Plattform geht es ums Teilen. Die Gründer wollen etwa Vermietungen wie bei Airbnb weiter automatisieren. Jentzsch demonstriert dafür gern, wie sich mithilfe der Blockchain von jedem Handy der Welt aus Türschlösser öffnen lassen und gleichzeitig die Miete transferiert werden kann.

Das notwendige Startkapital von zwei Millionen Euro haben sie seit April zusammen. Durch einen neuen ICO? Nein, sagt Jentzsch, es handle sich "um ganz klassisches Wagniskapital".



insgesamt 8 Beiträge
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Oberleerer 05.09.2017
1.
Türschlösser über Internet zu öffnen ist eine bestechende Idee. Gibt es da auch einen Facebook, Google+ und vor allem Twitter-Button?
mark e. ting 05.09.2017
2. große Euphorie, große Eträge, großer Verlust
ist alles Ansichtssache. Der Markt hier ist in der Tat verrückt und jeder will nur den großen Reibach machen - an sich ja nichts Neues. Auch wenn es nicht reguliert ist, ist das völlig legitim. Man muss halt wissen, dass es riskant ist und man den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg nicht verpassen darf. Verluste von 80% in wenigen Stunden/Tagen sind möglich. Gewinne von tausenden Prozent auch... Es kommt hier auch schon lange nicht mehr auf das eigentliche Produkt an bei einem ICO. Jeder springt blind auf den Zug auf und versucht das beste rauszuholen. Und das wird sich noch verschärfen, da mehr und mehr Leute in Krytowährungen einsteigen. Am Ende gewinnen die, die früh dabei waren und rechtzeitig abgesprungen sind. Das ist ein interessanter Markt, der sich rasant entwickeln wird. Ich bin auch gespannt, wie diese Währungen auf wirtschaftliche/politische Ereignisse reagieren werden. Evtl. gar entgegengesetzt zu den Aktienmärkten? Alles sehr interessant zu beobachten und wenn man mal etwas Geld übrig hat, das man verlieren kann, dann ist es das Experiment wert auch bei einem ICO dabei zu sein.
studibaas 05.09.2017
3. Das bereitet mir jetzt soooooo viel Angst... .
Jede Landeswährung beruht auf einer Mischung aus Giral und Schuldgeld. Giralgeld = Geld kann aus dem nichts geschaffen werden mit minimalster Eigenkapitalquote durch Banken,- Schuldgeld = Das Geld wächst exponentiell über die Zeit, die bei der Zinseszinsformel im Exponenten steht. (OK, jetzt sind 80% ausgestiegen). Jede Währung die noch irgendeinen Gegenwert hat, und sei es in Dienstleistungen und Anteil an Firmen wird da gerne aufgesaugt von den Gewinnern des oben genannten System, da auch beim klassischen Geld der Kollaps (Staatsbankrott) bei vielen Ländern vor der Tür steht. Nichts was mich beunruhigt. Für alle mit einem Einkommen bis 100k / Jahr nichts weltbewegendes.
mcmercy 05.09.2017
4.
Ich bezweifel, dass es legitim ist. Nur weil es ein neuer Trend ist, mit dem sich Finanzaufsicht und Jurisdiktion noch nicht ausgiebig beschäftigt hat muss das nicht legitim sein. Wer Anteile verkaufen will hat legale Möglichkeiten dass über Aktion oder richtige Anteilsscheine zu tun. Von solchen dubiosen Verfahren kann man nur jedem abraten.
jan-c137 05.09.2017
5.
Zitat von mcmercyIch bezweifel, dass es legitim ist. Nur weil es ein neuer Trend ist, mit dem sich Finanzaufsicht und Jurisdiktion noch nicht ausgiebig beschäftigt hat muss das nicht legitim sein. Wer Anteile verkaufen will hat legale Möglichkeiten dass über Aktion oder richtige Anteilsscheine zu tun. Von solchen dubiosen Verfahren kann man nur jedem abraten.
Wieso sollte das nicht legitim sein? Würde mich wirklich interessieren, welche Mechanismen das verbieten sollten. Wenn ich innerhalb meines Freundeskreises beschließe, dass wir uns ab jetzt gegenseitig mit Kronkorken bezahlen, ist das doch allein unsere Sache. Natürlich kann ich am Ende auf die Nase fallen, wenn auf einmal niemand mehr Kronkorken will, ich aber dafür vorher stundenlang gearbeitet habe.
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