AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2017

Konflikt in Wolfsburg Warum Herbert Diess das meistgehasste Vorstandsmitglied von VW ist

VW-Betriebsrat Osterloh und Markenchef Diess haben miteinander gesprochen - das ist schon viel nach dem jüngsten Affront der Arbeitnehmer gegen den Top-Manager. Was steckt dahinter?

VW-Manager Herbert Diess
REUTERS

VW-Manager Herbert Diess


Es gibt vieles in Wolfsburg, was anderswo unvorstellbar wäre. Eine Abfindung von mehr als zwölf Millionen Euro nach 13 Monaten Arbeit. Eine Heizung für die Koi-Karpfen des Vorstandsvorsitzenden. Aber das, was auf der Aufsichtsratssitzung am 3. Februar geschah, ist einmalig - für den VW-Konzern und für alle Dax-Konzerne des Landes.

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Heft 11/2017
Erdogans Deutschland - Geschichte einer Spaltung

10 der 20 Mitglieder des Kontrollgremiums kamen aus Protest nicht zur Sitzung. Die Arbeitnehmervertreter hatten zuvor gefordert, dass der Chef der Marke Volkswagen, Herbert Diess, nicht an dem Treffen teilnehmen solle. Vorstandschef Matthias Müller lehnte das ab. Er sagte, der Vorstand werde komplett erscheinen. Daraufhin blieben Betriebsratschef Bernd Osterloh und seine Kollegen der Sitzung fern. Die Hälfte der Stühle blieb unbesetzt.

Die Auseinandersetzung zwischen den Arbeitnehmervertretern und dem Chef der Marke Volkswagen hat damit eine Eskalationsstufe erreicht, die nur noch durch einen öffentlichen Boxkampf zwischen Betriebsrat Osterloh und Vorstand Diess vor dem VW-Hochhaus zu toppen wäre.

Anlass für den jüngsten Krach sind Versuche von Diess, Korrekturen am "Zukunftspakt" vorzunehmen, mit dem VW und die Arbeitnehmer sich auf den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen verständigt haben. Diess wollte Leiharbeiterstellen schneller streichen als vereinbart. Aufreger waren zudem drei Worte, die der Manager handschriftlich auf eine ausgedruckte Mail notiert hatte.

Es ging darin um die Beförderung von sechs Mitarbeitern.

Gewerkschaftszugehörigkeit darf in deutschen Unternehmen schon bei der Einstellung keine Rolle spielen. Diess aber versah die Namensliste mit der Frage: "IG-Metall-Mitgliedschaft?"

Der Volkswagen-Chef versuchte später, sich zu rechtfertigen. Er habe Hinweise bekommen, dass "Einstellungen und Aufstieg in der Hierarchie von einer Mitgliedschaft in der IG Metall abhängen", sagte er. Das wäre ein Verstoß gegen die Compliance-Regeln des Unternehmens. Betriebsräte interpretieren die Diess-Frage exakt andersrum: Eine Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft könnte unter seiner Führung künftig eine Karrierebremse sein.

Hinzu kommen viele Streitpunkte bei der Umsetzung des Zukunftspaktes. So wollte Diess nicht wie vereinbart 980 Leiharbeitsverträge in Wolfsburg auslaufen lassen, sondern 1700. Warum sollte das Unternehmen die Mitarbeiter weiterbeschäftigen, anschließend vielleicht sogar in eine Festanstellung übernehmen, wenn man die Stellen später wieder abbauen muss?

Für Diess wäre das völliger Unsinn. Warum sollte er darüber lange mit den Arbeitnehmervertretern diskutieren?

Kollegen bescheinigen dem Maschinenbauer, er sei hochintelligent, ein Experte, wenn es um Fabriken und Modelle geht. Das ist seine Welt. Diess bewundert Visionäre wie Tesla-Gründer Elon Musk, mit dem er gut bekannt ist. Menschen, die ihre Vorstellungen ungebremst von Konzernbürokratien verwirklichen können.

In Wolfsburg aber fällt vor allem ein Mangel auf: Diess verfüge über keinerlei Führungskompetenz, sagen Vorstandskollegen. Der ehemalige BMW-Manager sei nicht in der Lage, sich in die Position seines Gegenübers hineinzuversetzen.

VW-Ma­na­ger Diess, Müller, Be­triebs­rats­chef Os­ter­loh auf ei­ner Presse­kon­fe­renz im Novem­ber 2016
DPA

VW-Ma­na­ger Diess, Müller, Be­triebs­rats­chef Os­ter­loh auf ei­ner Presse­kon­fe­renz im Novem­ber 2016

Betriebsrat Osterloh beispielsweise musste sich gegenüber Mitarbeitern häufig dafür rechtfertigen, dass er dem Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen zugestimmt hat. Viele Gewerkschafter sehen das nicht ein. Osterloh setzte sich durch. Er ist überzeugt, dass ein Sparprogramm notwendig ist, damit VW die Investitionen in neue Technik finanzieren kann.

Doch nachdem Diess die Gangart weiter verschärfte, schaltete Osterloh auf Fundamentalopposition um. Die Arbeitnehmer boykottierten die Aufsichtsratssitzung. Die Kapitalvertreter mussten allein über die Zukunft von VW-Chef Diess beraten.

Für die Familien Porsche und Piëch, die zusammen 52 Prozent der Stimmrechte halten, machte Wolfgang Porsche klar: Diess solle bleiben, aber er müsse auf die Arbeitnehmer zugehen. Der Milliardär zeigte viel Verständnis für Betriebsratschef Osterloh. Das sei "kein Unrechter". Der komme "bei seinen eigenen Leuten unter Druck". Da könne man nicht ohne Absprachen etwas ändern. Zugleich aber fordert Porsche von den Betriebsräten, es mit Diess noch einmal zu versuchen: "Man muss miteinander reden."

Die Kontrahenten haben miteinander gesprochen. Osterloh und Diess haben sich verständigt, wie sie Streitpunkte künftig klären wollen.

Dass dieser Friede lange hält, ist nicht zu erwarten. Es wirkt eher so, als sei in diesem Kampf die letzte Runde eingeläutet. Angeblich prüfen Juristen bereits, ob Diess mit seiner Frage nach der IG-Metall-Mitgliedschaft gegen geltendes Recht verstoßen hat. Im Falle eines Falles könnte der Konzern sich von seinem Vorstand trennen, ohne eine Abfindung zu zahlen.

Das wäre mal was Neues in Wolfsburg.



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Seite 1
spon_1266992 13.03.2017
1. Führungskompetenz
Immerhin hat er es bei BMW von Ingenieur zum Vorstand gebracht. Aber da herrscht vielleicht mehr Leistungsprinzip als in Schnarchzapfenhausen (Wolfsburg)
gammoncrack 13.03.2017
2. Das ist die Crux, wenn jemand
intelligent und fachlich versiert ist, aber keine Führungsqualitäten besitzt. Normalerweise achten Unternehmen schon darauf, dass diese Sachen zusammen passen. Dafür gibt es Assessment-Center, die man vor einer Einstellung durchlaufen muss. Bei uns im Hause konnte niemand eine Führungsposition (Abteilungsleiter aufwärts) bekommen, der im Assessment-Center "durchgefallen" ist. Das betraf übrigens auch jeden internen Mitarbeiter, der sich auf eine solche Position bewarb. Wurde in Zweifel gezogen, dass der Bewerber erforderliche Führungsqualitäten besitzt, fiel er durch. Und das trotz hoher fachlicher Qualifikation. Im Endergebnis war und ist das Betriebsklima in unserem Unternehmen außergewöhnlich gut. Wenn aber Herr Diess nur aufgrund seiner fachlichen Kenntnisse und seiner Intelligenz es bis zum Vorstand gebracht hat, es ihm aber an der Fähigkeit zur Personalführung fehlt, dann haben sowohl BMW als auch VW hier die erforderlichen Maßstäbe nicht gesetzt bzw. nicht geprüft. Selbst Schuld!
Nordstadtbewohner 13.03.2017
3. Falsche Prioritäten.
In einem normalen Unternehmen haben Betriebsräte und Gewerkschafter kein Recht, sich in betriebswirtschaftliche Entscheidungsprozesse einzumischen. Das ist leider bei VW leider anders, was auch die VW-Krise erklärt. Die Eigentümer und der Vorstand sollten in Zukunft für VW wichtige Entscheiden treffen und den Einfluss der Betriebsräte auf ein Minimum reduzieren, sowie den Tarifvertrag mit der Gewerkschaft aufkündigen. Herbert Diess´ Lebensweg ist beachtlich. Er hat im Laufe seiner Karriere viel auf die Beine gestellt im Gegensatz zu den Gewerkschaftern. Die Eigentümer sollten ihm den Rücken stärken und seine Entscheidungsbefugnisse ausweiten.
kenterziege 13.03.2017
4. Sie sind ein Witzbold.....
Zitat von gammoncrackintelligent und fachlich versiert ist, aber keine Führungsqualitäten besitzt. Normalerweise achten Unternehmen schon darauf, dass diese Sachen zusammen passen. Dafür gibt es Assessment-Center, die man vor einer Einstellung durchlaufen muss. Bei uns im Hause konnte niemand eine Führungsposition (Abteilungsleiter aufwärts) bekommen, der im Assessment-Center "durchgefallen" ist. Das betraf übrigens auch jeden internen Mitarbeiter, der sich auf eine solche Position bewarb. Wurde in Zweifel gezogen, dass der Bewerber erforderliche Führungsqualitäten besitzt, fiel er durch. Und das trotz hoher fachlicher Qualifikation. Im Endergebnis war und ist das Betriebsklima in unserem Unternehmen außergewöhnlich gut. Wenn aber Herr Diess nur aufgrund seiner fachlichen Kenntnisse und seiner Intelligenz es bis zum Vorstand gebracht hat, es ihm aber an der Fähigkeit zur Personalführung fehlt, dann haben sowohl BMW als auch VW hier die erforderlichen Maßstäbe nicht gesetzt bzw. nicht geprüft. Selbst Schuld!
... was für das lower oder middle Manahement gilt, gilt doch nicht für die absoluten Top-Positionen. Wer will den den "prüfen"? Irgendwelche Psychologen? Wer bis dahin kommt, ist durchgehärtet. Überall würde so ein Mann gewinnen. Nur im VEB-VW kann das mit oder ohne Assessment nicht klappen. Da fliegt man Bezriebsräte lieber an den Strand von Acapulco und gönnt Ihnen was. Einfach mal ein Hartz fragen oder Herrn Stadler von Audi, der seinerzeit Büroleiter von Piëch war!
gammoncrack 13.03.2017
5. Sie haben nicht verstanden. Leider!
Zitat von kenterziege... was für das lower oder middle Manahement gilt, gilt doch nicht für die absoluten Top-Positionen. Wer will den den "prüfen"? Irgendwelche Psychologen? Wer bis dahin kommt, ist durchgehärtet. Überall würde so ein Mann gewinnen. Nur im VEB-VW kann das mit oder ohne Assessment nicht klappen. Da fliegt man Bezriebsräte lieber an den Strand von Acapulco und gönnt Ihnen was. Einfach mal ein Hartz fragen oder Herrn Stadler von Audi, der seinerzeit Büroleiter von Piëch war!
Kein Mensch fängt als Vorstand an zu arbeiten. Irgendwann steht eine Führungspostion an und dann muss ein Unternehmen entscheiden, ob jemand geeignet ist oder nicht. An irgendeiner Stelle wurde also gepennt. Und wenn er bei BMW, ich kenne seine Vita nicht, erstmalig in eine solche "hineingewachsen" ist, dann haben die eben etwas falsch gemacht.
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