AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2018

Historische "Branntweinpest" Als Ostfriesland dem Schnaps verfiel

Vor 170 Jahren grassierte in Ostfriesland eine Alkohol-Epidemie. Ein preußischer Gesandter versuchte, die Säufer zu mäßigen - es ging nicht gut für ihn aus.

Trunksucht-Karikatur: Branntweinkonsum viermal höher als heute
Sammlung Müller-Broders

Trunksucht-Karikatur: Branntweinkonsum viermal höher als heute


Wie eine Seuche breitete sich im 19. Jahrhundert der Suff an Deutschlands Westküste aus. Reihenweise starben Ostfriesen im Rausch.

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Heft 2/2018
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Die Folgen des Zechertums waren erschreckend: In Leer brach ein Arbeiter auf der Straße zusammen. Eine volltrunkene Greisin verbrannte bei lebendigem Leib in ihrer Stube. In der Kleinstadt Esens geriet ein besinnungsloser Weber in die Nähe eines offenen Feuers und erstickte. Ein Zimmermannsgeselle fiel unweit seines Zieles in Uphusen in einen gefrorenen Graben und fand dort sein vorzeitiges Ende.

Es war der "Gifttrank", das "Branntweinelend", wie Zeitgenossen schrieben, das unter den Ostfriesen epidemisch Opfer forderte. Ein ganzer Landstrich verfiel damals dem Alkohol. Noch mehr als heute galt Ostfriesland zu jener Zeit als gottverlassene Gegend.

Hier lebt Heinrich Buurman, der schon mehrere Bücher seiner Heimat gewidmet hat. In seinem neuen Werk beleuchtet der promovierte Apotheker jene düstere Zeit, als die Ostfriesen in bedenklichem Maß hochprozentigen Getränken wie Genever und Doornkaat zusprachen (Heinrich Buurman: "Der Schnapsteufel". Verlag Dr. Buurman; 246 Seiten; 21 Euro).

Nähe zum Thema entwickelte der Heimatforscher in der von ihm geführten Apotheke in Leer. Auch sein Berufsstand sei früher besonders häufig dem Alkohol erlegen, konstatiert Buurman: "Meinen Vorgängern war langweilig, und dann haben sie eben gesoffen." Gefördert wurde diese Neigung durch den Umstand, dass die Apotheker ihren Kunden einst nicht nur Medikamente verkauften, sondern auch Selbstgebranntes ausschenken durften; sie saßen mithin an der Quelle.

Hochprozentiges wurde im 19. Jahrhundert in ganz Deutschland gebechert wie nie zuvor oder danach - eine Folge billiger Produktionsverfahren. Vor allem in den nördlichen und östlichen Regionen lag der Pro-Kopf-Verbrauch an Schnaps viermal höher als heute. Mediziner warnten vor der grassierenden "Branntweinpest". Die Sucht nach Spirituosen brachte eine neue Form der Ratgeberliteratur hervor. "Um Säufern das Weintrinken zu verleiden, soll man einen lebendigen Aal in Wein ersticken und (sie dann) davon trinken lassen", riet "Der Leibarzt".

An wenigen Orten aber blühte der "Missbrauch geistiger Getränke" so sehr wie im ostfriesischen Flachland. Buurman schildert in seinem Buch einen ebenso skurrilen wie vergeblichen Versuch, seine Landsleute von ihrer Trunksucht zu heilen. Anfang 1846 kam Albert Freiherr von Seld nach Ostfriesland, um als "Mäßigkeits-Agent" zu wirken.

Der preußische Adlige und Jurist machte sich in seiner Heimat als Herausgeber der Zeitschrift "Kreuzzug wider den Branntwein" einen Namen. Ein Foto zeigt den Schnapsverächter als tiefernste Gestalt. Mit dem Eifer eines Exorzisten reiste der Baron nun ins niederdeutsche Katastrophengebiet. Seld war so beseelt von seiner Mission, dass er notfalls zu Fuß von Ortschaft zu Ortschaft marschierte, um in Kirchen und Scheunen gegen das "Laster des Trunkes" zu wettern.

Mehrfach musste der gesundheitlich angeschlagene Adlige seine Reise unterbrechen - womöglich auch eine Folge der Ablehnung, die ihm vielerorts entgegenschlug. Kaum ein Ostfriese mochte sich für die von ihm propagierte Abstinenz erwärmen.

In der kleinen Gemeinde Bunde sei er sehr "unerfreulich" empfangen worden, hielt Seld für die Nachwelt fest: "Ganze Haufen von Kindern" hätten ihn "verhöhnend und neckend" verfolgt und ihn gar "mit Koth" beworfen, klagte der Freiherr. Bei anderer Gelegenheit saß er in der Ortschaft Strackholt mit dem dortigen Dorfschullehrer und dessen Mutter beisammen, als "plötzlich ein schwerer Stein durchs Fenster" flog.

Nur in wenigen Fällen konnte der Alkoholgegner aus Preußen einen Achtungserfolg verzeichnen. Ein Zecher versprach ihm, "von Stund' an sein langgewohntes Morgenschnäppschen" aufgeben zu wollen. In der Regel aber sperrten sich die Einheimischen gegen Selds Bekehrungsversuche wie die Gallier gegen die römische Besatzungsmacht.

Nach knapp sechs Monaten beendete der Baron entnervt seine Mission: "Ich habe noch kein Land gefunden, in dem die Mäßigkeits-Sache so viel Spaltung, ja Feindseligkeit hervorgerufen hat, als in Ostfriesland."

Sich von einem Fremden bekehren zu lassen kam eben nicht gut an bei den eigensinnigen Plattländern. Dabei dämmerte den klügeren Zeitgenossen durchaus, dass es mit der Trunksucht so nicht weitergehen konnte. Unter anderem riefen Besonnene die Holz- und Eisenhändler dazu auf, ihre Kunden bei Warenabholung nicht mehr mit Genever zu "tractiren".

Erst die 1887 von Reichskanzler Otto von Bismarck durchgesetzte Einführung einer landesweiten Branntweinsteuer half jedoch, die Schnapsepidemie einzudämmen - eine Ironie der Geschichte. Denn der eiserne Kanzler war ebenfalls ein formidabler Zecher: Sogar auf Bahnreisen führte der Staatsmann ein Sortiment aus Bier, Portwein, Nordhäuser Korn und Kognak mit sich.



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