AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2003

Indiz für Jens' freiwillige NSDAP-Mitgliedschaft


Zunehmend zweifelhaft erscheint die Erklärung des Philologen und Literaturkritikers Walter Jens, 80, "ich habe bisher nicht gewusst, dass ich Parteigenosse war". Denn nun liegen beide Karten der NSDAP-Mitgliederkartei, in der Jens unter Nummer 9265911 erscheint, dem SPIEGEL vor. Sie enthalten den Vermerk, dass der Student im Frühjahr 1943 von Hamburg nach Freiburg umzog.

Walter Jens
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"Solche Änderungsmeldungen kamen aber nur durch persönliche Abmeldung des Parteigenossen zu Stande", erklärt Michael Buddrus, Historiker am Münchener Institut für Zeitgeschichte. "Nur mit einem Abmeldeschein konnte man sich bei der neuen Ortsgruppe anmelden." Automatische Ummeldungen, etwa durch die Einwohnerbehörden, habe es nicht gegeben. Fazit des Forschers: Jens müsse zumindest 1943 von seiner Parteimitgliedschaft gewusst haben.

Buddrus, der mehr als 18000 Partei-Mitgliedskarten samt den zugehörigen Akten ausgewertet hat, hält es überdies für ausgeschlossen, dass Jens durch eine Sammelliste der Hitlerjugend (HJ) unwissentlich Mitglied der Partei wurde. "Das Höchstalter für männliche Jugendliche in der HJ war 18 Jahre; Jens hatte aber seine Aufnahme im Sommer 1942 beantragt, als er schon 19 Jahre alt war und der HJ gar nicht mehr angehören konnte."

Der Tübinger Gelehrte, der in der Sache nach einem "Obergutachten" verlangt hat, war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.



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