AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2008

Ex-Chef der von Siemens finanzierten Scheingewerkschaft AUB beriet bis zu 40 Unternehmen


Kurz bevor am Mittwoch in Nürnberg der Prozess gegen den Chef der vom Siemens- Konzern finanzierten Gewerkschaft AUB, Wilhelm Schelsky, beginnt, zeichnet sich in der deutschen Wirtschaft ein Skandal um die gesetzlich garantierte Mitbestimmung ab. Wie aus den Ermittlungsunterlagen hervorgeht, sollte die arbeitgeberfreundliche AUB mit ihrem Chef Schelsky offenbar nicht nur bei Siemens dafür sorgen, dass zahme Mitarbeitervertreter ins Amt kamen. In den Ermittlungsakten der Nürnberger Sonderkommission "Amigo" sind dubiose Kontakte zu den Spitzen von fast 40 Firmen dokumentiert, darunter die Metro, die Metro-Tochter Saturn, der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich und - in weitaus größerem Ausmaß als bisher bekannt - der Discounter Aldi Nord. Darüber hinaus stießen die Fahnder auch auf Dokumente, die den Verdacht nahelegen, dass Siemens in den achtziger und neunziger Jahren auch einen Vertreter der IG Metall im Aufsichtsrat mit Sonderzahlungen gefügig gemacht hat. Knapp 600.000 Mark erhielt der langjährige Gesamtbetriebsratsvorsitzende Rudolf M. in den Jahren 1982 bis 1993. Die einzelnen Beträge wurden bei Siemens nicht über die üblichen Kostenstellen für Löhne abgerechnet, sondern meist ohne ausgewiesenen Verwendungsgrund über Kostenstellen der Zentralen Finanzverwaltung. Siemens teilte mit, der Vorgang sei "geläufig", das Unternehmen enthielt sich allerdings einer Bewertung. Dass die Siemens-Spitze mit Nachdruck auf die AUB setzte, hat der ehemalige Siemens- Aufsichtsratschef Hermann Franz in seinen Vernehmungen eingeräumt. Auch nach seinem offiziellen Ausscheiden bei Siemens im Jahr 1990 habe Schelsky weiter ein Gehalt vom Konzern bezogen habe. Die "Gegenleistung" sei der "Aufbau der AUB" gewesen. Die Scheingewerkschaft sei für Siemens "außerordentlich wertvoll" gewesen und deshalb durch das Unternehmen mit einer "Anschubfinanzierung" gefördert worden. Dies sei ein "anormaler Vorgang" gewesen, der deshalb mit Vertraulichkeit behandelt worden sei. Im Gegensatz zur IG Metall habe die AUB die "Interessen der Firmenleitung berücksichtigt".



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