AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2009

Schröder und Fischer - Späte Zwietracht über Grundlagen deutscher Außenpolitik


Vier Jahre nach dem Ende von Rot-Grün üben der Ex-Kanzler Gerhard Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer erstmals öffentlich harsche Kritik aneinander - und dies ausgerechnet in einem Buch eines englischen Journalisten, das gerade in London vorgestellt worden ist. In "Utopia or Auschwitz. Germany's 1968 Generation and the Holocaust" untersucht der Autor Hans Kundnani, 37, früher Berlin- Korrespondent des "bserver", die Auswirkungen der deutschen NS-Vergangenheit auf die Generation der 68er und bis hinein in das rot-grüne Regierungsbündnis der Jahre 1998 bis 2005. Für die Recherchen zu diesem Buch traf er auch Schröder und Fischer, beide 68er, die der Marsch durch die Institutionen an die Spitze der Bundesrepublik geführt hatte und die, wie sich jetzt herausstellt, in ihrem Grundverständnis von Außenpolitik unterschiedliche Positionen vertraten. Als Schröder im Jahr 2002 seine Ablehnung gegenüber George W. Bushs Planen zum Angriff auf den Irak formulierte, prägte er den Begriff vom "deutschen Weg". Fischer hat das damals nicht kommentiert, nun sagt er: "ich dachte, der ist durchgeknallt. Spinnen die?" Das habe für Fischer einen "nationalistischen Unterton" gehabt, schreibt Kundnani, deutsche Außenpolitik müsse letztendlich immer von Auschwitz aus gedacht werden. So hatte Fischer auch schon 1999 die deutsche Beteiligung am Nato- Einsatz im Kosovo gerechtfertigt. Darüber wiederum regt sich Schröder gegenüber Kundnani auf: "ich habe das für falsch gehalten. Ich habe ihm nie öffentlich widersprochen, aber bei aller Brutalität, die das Milosevic-Regime ausgeübt hat, gibt es doch einen Unterschied zwischen dem Holocaust, als dessen Ergebnis Auschwitz zu sehen ist, und dem, was in Serbien passiert ist." Kundnani hatte die beiden im vergangenen Jahr in Berlin zu ausführlichen Gesprächen getroffen. Obwohl der Kanzler und der Außenminister sich einig gewesen seien über das konkrete Vorgehen im Kosovo, in Afghanistan und im Irak, so Kundnani, stunden sie dennoch für zwei sehr unterschiedliche Ideen von Vergangenheitsbewältigung. "dieser Riss durchzieht das gesamte Projekt der 68er -bis zu seinem Ende, der Abwahl der rot-grünen Regierung 2005."



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