AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2009

Der Selbstmord des schülerVZ-Hackers Matthias L. bringt das betroffene Unternehmen und die Justiz in Erklärungsnot


Nach dem Selbstmord des Erlanger Computerfreaks Matthias L., der mehrere Millionen Daten von Internetnutzern gesammelt hatte, sehen sich das betroffene Unternehmen und die Justiz in Erklärungsnot.

L., der in der Szene unter dem Pseudonym "Exit" auftrat, hatte vor seiner Festnahme tagelang mit der Firma VZnet-Netzwerke, die unter anderem die Plattform schülerVZ betreibt, über eine Datenrückgabe verhandelt. Der 20-Jährige hatte mit einem selbstgeschriebenen Programm nach eigenen Angaben etwa 2,7 Millionen Daten von VZ-Nutzern zusammengetragen. Im Internet hatte er sich offen dazu bekannt und im Mai auf YouTube ein Video veröffentlicht, das sein Programm beim Sammeln der persönlichen Profile zeigt. Mitte Oktober war über das Sicherheitsleck im Netzwerk berichtet worden, das zum Holtzbrinck-Konzern ("Die Zeit") gehört. Daraufhin hatte Jodok B., der Technikchef der VZ-Gruppe, "Exit" am 17. Oktober über das Internet kontaktiert. Das Protokoll des Chat zeigt, dass der Firmenangestellte "Exit" teils lockte, teils drohte - und dass die Firma selbst mehrfach das Thema Geld ansprach. Wenn man es schaffe, die Daten zu lokalisieren und zu löschen, so B., dürfe "uns das auch was kosten". An anderer Stelle schrieb er "du - und andere können bei uns rumhacken wie sie wollen. ich bezahl euch sogar gerne dafür!" Unter einer Bedingung: "wenn ich jemanden dafür bezahle, möchte ich, dass das nicht public wird". Auf die Frage, was L. mit dem Datensammeln erreichen wolle, antwortete der junge Mann: "gar nichts, das war'n just4fun projekt". Das Unternehmen bestritt vergangene Woche, dass es zuerst die VZ-Seite gewesen sei, die Geld in Aussicht gestellt habe. Mit den entsprechenden Chat-Passagen konfrontiert, sagt VZ-Geschäftsführer Markus Berger-de León, er bleibe bei dieser Darstellung:

"Zu Einzelheiten nehme ich keine Stellung." In dem Chat am 17. Oktober bot VZ-Mann B. seinem Gegenüber auch an, einen Anwalt zu vermitteln. Erst nach mehreren Stunden verlor er die Geduld: "also, was ist sache. kooperation oder krieg?" L. entschied sich scheinbar für Kooperation. Er verriet Namen und Anschrift und willigte ein, nach Berlin zu kommen. Am späten Abend des nächsten Tages erreichte "Exit" die Geschäftsräume von VZ in Berlin-Mitte, die Taxirechnung von 530 Euro beglich das Unternehmen.

Die Verhandlungen fanden mit vier VZ-Leuten statt. Über den Inhalt gibt es verschiedene Versionen. Der VZ-Technikchef sagte gegenüber der Polizei aus, L. habe behauptet, ein Kaufangebot über 80.000 Euro erhalten zu haben. Für eine weitere Kooperation verlange er sofort 20.000 Euro. Da habe man die Polizei verständigt, die L. um 23.35 Uhr festnahm. Der Erlanger erklärte in seiner Vernehmung, die VZ-Leute hätten ihn gefragt, ob es ihm um Geld oder Ruhm gehe. Er habe spontan die Summe 80.000 Euro genannt und sich einverstanden erklärt, die "bei mir befindlichen Daten zu löschen", wenn er bis Montag 20.000 Euro erhalte. "Wenn die mir Geld anbieten", so L. zur Kripo, "nehme ich es gern an."

Dass sein Mandant angesichts dieser Sachlage wegen versuchter Erpressung verurteilt worden wäre, hält L.s Verteidiger Ulrich Dost für unwahrscheinlich. Fragwürdig ist auch das Vorgehen der Justiz. Matthias L. wurde in einer Einzelzelle untergebracht - obwohl aktenkundig war, dass er an einer "kombinierten Persönlichkeitsstörung" litt. Dort wurde Matthias L. am 31. Oktober erhängt aufgefunden.



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