AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2010

Ehemaliger Jesuitenpriester gesteht Kindesmissbrauch


Im Skandal um Dutzende Missbrauchsfälle in den siebziger und achtziger Jahren am Berliner Elitegymnasium Canisius-Kolleg hat einer der Beschuldigten die Vorwürfe gegenüber dem SPIEGEL bestätigt. Der frühere Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S., 65, räumte zudem in einer an seine Opfer gerichteten Erklärung ein, es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe". Daran sei "nichts zu entschuldigen". Darüber hinaus gab der heute in Südamerika lebende Kirchenmann an, bereits 1991 seinen "damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über meine verbrecherische Vergangenheit informiert" zu haben. Somit wusste der Jesuitenorden seit etwa 19 Jahren von dem vielfachen Missbrauch. Stefan Dartmann, der heutige Provinzial der Jesuiten in Deutschland, bestätigte dem SPIEGEL, dass der Orden seinerzeit Kenntnis von den Straftaten des S. hatte. Man habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftragt, "um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten". 1992 trat S. aus dem Orden aus. Zuvor soll er auch an anderen Jesuitenschulen in Deutschland Jungen missbraucht haben, was S. heute nicht kommentieren will. Unter anderem war er an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und von 1982 bis 1984 in Sankt Blasien im Südschwarzwald tätig. Dem damaligen Schuldirektor, Pater Hans Joachim Martin, war seinerzeit das "innige, väterliche Verhalten" des Pädagogen zu einigen Schülern aufgefallen. S. musste später das Gymnasium verlassen. Auch der Vatikan war laut S. über die Verfehlungen im Bilde. Er habe, heißt es in seiner Erklärung, dort "Zeugnis von meiner nichts beschönigenden Ehrlichkeit" abgelegt. In Südamerika habe er "immer wieder engen Kontakt sowohl mit Folterern als auch mit Opfern" der Pinochet-Diktatur gehabt. Daher, so S., "war ich fast täglich mit meinem Spiegelbild als jahrelanger Kinderquäler konfrontiert". Mehrere Opfer reagierten entsetzt auf den Tonfall des Schreibens. In dem Dokument, datiert vom 20. Januar, wandte sich S. "an alle Personen, die ich als Kinder und Jugendliche missbraucht habe". Wörtlich heißt es: "Was ich dir und euch angetan habe, tut mir leid. Und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich darum." Dem SPIEGEL erklärte er: "Ich bin mit meiner Vergangenheit vor Gott und der Welt im Reinen." Bei dem zweiten Beschuldigten im Canisius-Fall handelt es sich um den 69-jährigen ehemaligen Religionslehrer Peter R. aus Berlin. Im Gegensatz zu S. bestritt dieser vor Vertretern des Canisius-Kollegs sämtliche Vorwürfe. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen. Gleichwohl meldeten sich bis Ende voriger Woche bereits rund 20 ehemalige Schüler, die von sexuellen Übergriffen durch Wolfgang S. und Peter R. berichteten. Auf Lehrer R., der nach seiner Berliner Zeit in Niedersachsen als Seelsorger in der Jugendarbeit wirkte, soll vor einigen Jahren eine Messerattacke verübt worden sein. Bei dem mutmaßlichen Angreifer soll es sich um einen ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs gehandelt haben.



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