AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2010

Bildungsforscher Baumert gegen Verlängerung der Grundschulzeit


Der Bildungsforscher Jürgen Baumert kritisiert eine Verlängerung der Grundschulzeit, wie sie unter anderem in Hamburg diskutiert wird. Dort werde "ein völlig unnötiger bildungspolitischer Streit ausgetragen", sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Der schwarz-grüne Senat möchte Kinder sechs Jahre gemeinsam lernen lassen, die Bürger stimmen darüber im Juli in einem Volksentscheid ab. Auch in Nordrhein-Westfalen, Thüringen und dem Saarland wird derzeit darüber debattiert, Kinder nicht schon nach vier Jahren Grundschulzeit zu trennen. Baumert hält andere Maßnahmen für weitaus wichtiger, etwa eine Reform der Lehrerausbildung. Kritik übt er auch an dem geplanten Betreuungsgeld, das die Bundesregierung denjenigen Eltern zahlen will, die ihre kleinen Kinder selbst betreuen und nicht in Kindertagesstätten geben. Baumert bezeichnet es als "eine der törichtsten Maßnahmen, die man überhaupt vorschlagen kann". Das Betreuungsgeld "hält die Kinder von Betreuungseinrichtungen fern, finanziert Betreuung durch ältere Geschwister oder unterstützt Familien, die diese Maßnahme nicht benötigen". Als größtes Problem des deutsches Bildungssystems benennt der renommierte Wissenschaftler die Tatsache, dass etwa 20 Prozent eines Jahrgangs das Mindestziel verfehlen und die Schule "ohne eine Basisausstattung für einen zukunftsfähigen Beruf verlassen". Nach Ansicht Baumerts gibt es "keine Entschuldigung dafür, dass die Schule eine große Risikogruppe entlässt, die dann später dem Sozialsystem zur Last fällt". Baumert gilt als der einflussreichste Bildungsforscher Deutschlands und verantwortete unter anderem die erste Pisa-Studie in Deutschland.



© DER SPIEGEL 24/2010
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