AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2011

Machtkampf um WikiLeaks gefährdet vertrauliche Daten


Der Konflikt zwischen WikiLeaks-Gründer Julian Assange und seinem ehemaligen deutschen Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat dazu geführt, dass vertrauliche Daten der Organisation außer Kontrolle geraten sind. Im Internet kursiert seit dem Jahreswechsel eine verschlüsselte Originaldatei mit den rund 251.000 Dokumenten aus dem State Departement, die WikiLeaks im Frühjahr 2010 zugespielt worden waren. Die Datei hatte Assange im Sommer 2010 versteckt auf einem WikiLeaks-Server abgelegt und das dazugehörige Passwort einem Bekannten übergeben, damit dieser Zugang zu dem Material erhielt. Als Domscheit-Berg zusammen mit einem deutschen Programmierer im September 2010 aus dem Projekt ausstieg, nahmen die beiden den Inhalt des Servers mit – darunter auch die verschlüsselte Datei mit den Dokumenten, die damit Assanges Zugriff entzogen war. Ende vergangenen Jahres gab Domscheit-Berg schließlich eine Sammlung diverser mitgenommener Dateien an WikiLeaks zurück, inklusive der verschlüsselten Kabel. Eine Kopie dieses Datensatzes veröffentlichten WikiLeaks-Sympathisanten wenig später im Internet, als eine Art öffentliches Archiv der bislang publizierten WikiLeaks-Dokumente. Dass sich darunter auch die unredigierten Dokumente befanden, wussten die Sympathisanten offenbar nicht, weil die Datei nicht nur verschlüsselt, sondern auch in einem unsichtbaren Unterverzeichnis versteckt war. Kritisch wurde die Situation, nachdem der Bekannte, der von Assange im Sommer 2010 das Passwort erhalten hatte, in diesem Frühjahr die Zeichenfolge veröffentlichte – ohne zu ahnen, dass er damit den Zugang zu den unredigierten Berichten der amerikanischen Diplomaten ermöglichen würde. Die Panne blieb über viele Monate unentdeckt, wurde aber in den vergangenen Tagen von OpenLeaks-Anhängern verbreitet, um den seit Monaten von Domscheit-Berg erhobenen Vorwurf zu belegen, dass "Daten bei WikiLeaks nicht sicher" seien. Über den Inhalt der Dokumente haben mehrere Medien, darunter der SPIEGEL, seit Ende November vergangenen Jahres berichtet (SPIEGEL 48/2010), dabei aber stets darauf geachtet, die Namen der in den Drahtberichten erwähnten Informanten, die in besonders sensiblen Positionen sind, zu schwärzen, um damit keine Gefahr für Leib und Leben zu riskieren.



© DER SPIEGEL 35/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.