Peter Tauber (CDU) über seine Entscheidung, den Deutschen Computerspielepreis an ein Killerspiel zu verleihen


Der Vorstand des netzpolitischen Vereins Cnetz, Peter Tauber (CDU), 37, über die Verleihung des Deutschen Computerspielpreises an das Killerspiel "Crysis 2".

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Heft 18/2012
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SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Funktion als Bundestagsabgeordneter an der Entscheidung der Jury mitgewirkt. Was ist an einem Spiel, das wegen seiner drastischen Gewaltdarstellungen nur Erwachsene spielen dürfen, preiswürdig?

Tauber: Die Grafik, das Design und der Soundtrack des Spiels sind sensationell gut gemacht. Wie in einem Actionfilm aus Hollywood. In "Crysis 2" geht es nicht um das planlose Töten von Menschen, sondern darum, New York von einer Invasion Außerirdischer zu befreien. Dazu bedarf es taktischen Geschicks und kognitiver Fähigkeiten. Wer nur "rumballern" will, der hat an "Crysis 2" keinen Spaß.

SPIEGEL: Der Amokläufer von Erfurt spielte gerne Ego-Shooter am Computer. Der Deutsche Computerspielpreis wurde nun ausgerechnet am 10. Jahrestag des Überfalls auf eine Schule verliehen. Ist das nicht ziemlich pietätlos?

Tauber: Ich finde die Kausalität, die Sie da herstellen, pietätlos, fast zynisch. Ich habe großes Mitgefühl mit den Opfern von Erfurt. Aber zu sagen, dass dieses schlimme Ereignis nicht passiert wäre, wenn es gewisse Computerspiele nicht gegeben hätte, ist mir zu monokausal. Es nervt mich, dass die Politik reflexartig Gewalttaten von Jugendlichen mit dem Spielen von Ego-Shootern erklärt. Damit ändert man nichts an den Ursachen, die einen Jugendlichen dazu bringen, sich vor dem Computer in Parallelwelten zu verlieren.

SPIEGEL: Als Reaktion auf die Amok läufe von Erfurt und Winnenden hat der Bundestag vergangene Woche beschlossen, ein deutschlandweites Waffenregister einzurichten. Gleichzeitig wird ein gewaltverherrlichendes Computerspiel mit einem Preis ausgezeichnet, den der Bundestag mitträgt. Noch mal: Wie passt das zusammen?

Tauber: Ich finde diesen Vergleich schräg. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Man muss Computerspiele mit demselben Maßstab wie Spielfilme messen. Der Tarantino-Film "Inglourious Basterds" wurde mit mehreren Millionen Euro gefördert. Dabei übersteigen die darin enthaltenen Gewaltdarstellungen die Brutalität von "Crysis 2" um ein Vielfaches.

SPIEGEL: Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat Killerspiele noch vor drei Jahren mit Kinderpornografie verglichen. Hat er da unrecht?

Tauber: Das halte ich für völlig abwegig. Computerspiele sind längst Teil unserer Kultur, teilweise sind sie sogar Kunst. Wir leben in einem freien Land, in dem viele Menschen gern Ego-Shooter spielen. Darunter sind nicht nur Bekloppte, sondern Rettungssanitäter genauso wie Richter, Architekten oder Bundestagsabgeordnete wie ich.



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