AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2000

SPIEGEL: Jan Philipp Reemtsma trennt sich von Austellungsmacher Hannes Heer

Jan Philipp Reemtsma, Chef des Hamburger Instituts für Sozialforschung, hat die Zusammenarbeit mit Hannes Heer beendet. Heer war jahrelang Leiter und Symbolfigur der umstrittenen Wehrmachtsausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", die im vergangenen Herbst vorläufig geschlossen wurde. Obwohl eine internationale Historikerkommission Vorwürfe gegen Heer inzwischen teilweise entkräftet hat, muss der Ausstellungsleiter das Reemtsma-Institut zum Jahresende verlassen. Reemtsma konnte sich mit Heer nicht über die Neukonzeption einigen. Das berichtet das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL in der neuen Ausgabe.

Der Instituts-Chef war schon im vergangenen Herbst zu Heer auf Distanz gegangen. Der Historiker Bogdan Musial hatte dem Ausstellungsmacher vorgeworfen, neun Fotos zu zeigen, auf denen nicht Opfer der Wehrmacht, sondern des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zu sehen seien. In weiteren Fällen unterstellte Musial dem Ausstellungsmacher Manipulation. Sein ungarischer Kollege Krisztián Ungváry behauptete sogar, 90 Prozent der Fotos würden keineswegs Wehrmachtsverbrechen zeigen. Reemtsma hatte darauf hin die Ausstellung geschlossen, Heer die Leitung entzogen sowie Historiker aus den USA und aus Deutschland gebeten, die Vorwürfe zu überprüfen. Über 900.000 Besucher hatten die Bilderschau bis dahin gesehen. In Saarbrücken wurde ein Bombenanschlag von Rechtsradikalen auf die Ausstellung verübt.

Die Historikerkommission hat Heer inzwischen vom Manipulationsverdacht freigesprochen. Auch der Kritik von Musial und Ungváry stimmen die renommierten Wissenschaftler nur in einigen Fällen zu. Oft lässt sich nicht zweifelsfrei klären, wer den Tod der Menschen auf den Bildern zu verantworten hat: NKWD oder Wehrmacht. Auch ist umstritten, unter welchen Umständen das Erschießen von Zivilisten als Kriegsverbrechen gilt und daher mit Fotos in einer Ausstellung über Wehrmachtsverbrechen dokumentiert werden kann. Die Kommission drängt deshalb bei Reemtsma darauf, besonders diese Frage in der neuen Ausstellung zu behandeln. Ihre Empfehlungen wird sie im Oktober vorlegen. Dann muss der Förderverein zustimmen, der die Ausstellung inzwischen betreut.

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