NRW-Innenminister Ralf Jäger fordert Bundesliga-Vereine auf, Verantwortung für ihre gewaltbereiten Fans zu übernehmen


SPIEGEL: Am Rande des letzten Revierderbys zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 kam es zu den schlimmsten Ausschreitungen der deutschen Fußballgeschichte. Warum bekommt die Polizei so etwas nicht besser in den Griff?

Jäger: Sicherheit beim Fußball ist nicht allein Aufgabe der Polizei. Wir hatten in dieser Saison bundesweit schon 92 Angriffe auf Polizisten und Ordner. Was wir am Wochenende erlebt haben, übersteigt das normale Maß und ist unerträglich. Insgesamt sind wir jetzt in einer Situation, die nicht mehr hinnehmbar ist. Wir haben es leider häufig mit Vereinsvertretern zu tun, denen die Gäste in den VIP-Lounges wichtiger sind als die auf den Rängen und die der Ansicht sind, alles, was außerhalb des Stadions passiert, sei allein Aufgabe der Polizei. Das ist aber viel zu kurz gesprungen.

SPIEGEL: Was muss sich ändern?

Jäger: Die Vereine müssen mehr Verantwortung für ihre Fans übernehmen. Sie könnten beispielsweise eigene Ordner mit zu Auswärtsspielen schicken. Sie kennen ihre Pappenheimer, darum passiert zu Hause auch weniger als auswärts. Und die Vereine sollten mehr und qualifizierteres Personal für die Kontrolle der Zuschauer stellen und gezielt nach Pyrotechnik suchen.

SPIEGEL: Mehr Polizei könnte doch auch eine Lösung sein.

Jäger: 30 Prozent der Einsatzstunden unserer Bereitschaftspolizei werden inzwischen bei Fußballspielen geleistet. Den Bürgern fehlt dafür zunehmend das Verständnis. Wenn die Vereine ihre Verantwortung nicht besser wahrnehmen, müssten auch mal Spiele ausfallen, wenn parallel Demonstrationen und Kundgebungen mit Gewaltpotential stattfinden, wie zum Beispiel am 1. Mai in Berlin.

SPIEGEL: Es gab doch im Sommer ein Spitzengespräch der Innenminister mit der Deutschen Fußball Liga und dem Deutschen Fußball-Bund. Ist denn nichts dabei herausgekommen?

Jäger: Ein Ergebnis waren zehn Millionen Euro, die künftig in Fanprojektarbeit fließen sollen. Das wäre ein guter Anfang. Schließlich erlöst die Bundesliga in den nächsten vier Jahren rund 2,5 Milliarden Euro für die Fernsehrechte. Was mich ärgert: Bis heute haben die Verbände noch nicht einmal das Protokoll unterschrieben. Wir haben uns also auf etwas geeinigt, wozu eine Seite jetzt nicht mehr stehen will.

SPIEGEL: Dortmunds Polizeipräsident hat nach den jüngsten Ausschreitungen Spiele ohne Auswärtsfans und sogar Geisterspiele gefordert.

Jäger: Das kann nur Ultima Ratio sein. Fußball soll immer noch Spaß machen. Und den lassen wir uns nicht von einer gewalttätigen Minderheit verderben, die vielleicht 0,5 Prozent ausmacht. Wir alle müssen daran mitarbeiten. Die Vereine müssen mehr für die Sicherheit tun. Die Polizei sollte gegenüber friedlichen Fans nicht zu martialisch auftreten. Aber auch die Bahn darf die Fans nicht mehr in zu enge Waggons einpferchen und auch noch die Toiletten absperren.



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