Bundeswehr erwog vorbeugenden Atomschlag


Das Anfang der sechziger Jahre von dem CSU-Politiker Franz Josef Strauß geführte Verteidigungsministerium erwog einen vorbeugenden Atomschlag ("preemptive strike") gegen die Sowjetunion. Das geht aus bislang geheimen Unterlagen der Bundesregierung und der Bundesanwaltschaft zur SPIEGEL-Affäre sowie US-Dokumenten hervor. Die Pläne waren Teil der sogenannten Kriegsbildstudie, die hohe Bundeswehroffiziere 1961/62 erstellten. Sie sollten die Rolle der Bundeswehr in einem dritten Weltkrieg untersuchen. Dabei entwickelten die Offiziere ein Szenario, in dem der Westen gegen "einen einwandfrei erkannten feindlichen Großangriff" atomar zuschlägt, "ganz kurz bevor dieser losbricht".

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Heft 38/2012
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In Washington sorgten die Gedankenspiele für große Unruhe. Nach einem Treffen mit Strauß hatte der amerikanische Außenpolitiker Henry Kissinger seine Regierung bereits zuvor ermahnt, die amerikanischen Atomwaffen und deren Lager auf deutschem Boden so zu sichern, dass es "physisch unmöglich" werde, die Nuklearwaffen "zu nehmen oder einzusetzen ohne unsere Zustimmung". Strauß sei in einer Krisensituation zuzutrauen, "die Waffen einfach zu nehmen", also US-Atombomben zu stehlen, wenn er das im Interesse der Bundesrepublik für notwendig erachte.

Bis vor kurzem "streng geheim" gestempelte Unterlagen der Karlsruher Bundesanwaltschaft untermauern die Ernsthaftigkeit solcher Pläne, auch wenn sie von den Verantwortlichen als "rein analytisch" beschrieben wurden.



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