"Eurofighter" droht finanzieller Kollaps


Das Verteidigungsministerium kämpft beim "Eurofighter" mit massiven finanziellen und qualitativen Schwierigkeiten. So wird das Rüstungsprojekt nach Berechnungen des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL voraussichtlich wesentlich teurer als bisher kalkuliert. Demnach wird das Ministerium bis Ende dieses Jahres rund 14,5 der 14,7 Milliarden Euro ausgegeben haben, die der Bundestag bislang für die Beschaffung von 180 Flugzeugen bewilligt hat. Zu diesem Zeitpunkt werden jedoch nur 108 Flugzeuge ausgeliefert sein. Die Bundeswehr kalkuliert bereits mit Zahlungen von 16,8 Milliarden Euro bis zum Jahr 2018. Aber auch diese Summe wird voraussichtlich um einen Milliardenbetrag überschritten. Offenbar aus Rücksicht auf den Bundestagswahlkampf soll das Thema trotz der anstehenden Mehrkosten vorerst nicht mehr behandelt werden. Eine weitere Befassung sei "derzeit nicht erkennbar", heißt es im Ministerium.

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Auch die Qualitätsmängel sind offensichtlich sehr viel gravierender als bislang bekannt. Das ergibt sich aus internen Dokumenten des Wehrbeschaffungsamts in Koblenz, die dem SPIEGEL vorliegen. Das Missmanagement ging so weit, dass die Bundeswehr die Zulassung als Luftfahrtbetrieb für das "Eurofighter"-Werk des Rüstungskonzerns EADS im oberbayrischen Manching am 30. September 2008 auslaufen ließ. In einem Schreiben vom März 2009 an den Chef der EADS Deutschland Military Air Systems, Bernhard Gerwert, wies das Koblenzer Amt auf "erhebliche Fehler und Mängel im Qualitätsmanagementsystem" hin. Nach internen Dokumenten seien "im Fertigungsablauf bei der Endprüfung 35 Mängel festgestellt und dokumentiert". Nach Dokumenten, die der SPIEGEL einsah, soll das Werk erst im April 2011 diese Zulassung wieder erhalten haben, was EADS und die Bundeswehr bestreiten. Trotz fehlender Zulassung ließ die Bundeswehr in dieser Zeit etliche Exemplare des Kampfjets für den Dienst in der Luftwaffe zu, was am Rande der Legalität ist.

Bei einem Beinahe-Unfall vom 31. März 2006 landete ein "Eurofighter" auf der Luftwaffenwerft Jever mit einem defekten Bugrad, an dem ein Bolzen fehlerhaft montiert war. In einem Memorandum vom 27. April 2006 musste EADS einräumen: "Es handelt sich um Arbeitsfehler, Bewertung: sorglose Unachtsamkeit." Im Jahr 2007 geriet ein "Eurofighter" bei einem Ausweichmanöver auf dem Fliegerhorst Neuburg wegen eines Softwarefehlers in eine extreme Seitenlage. Der Pilot konnte nach SPIEGEL-Informationen erst im letzten Moment die Kontrolle über seine Maschine zurückgewinnen, die auf den Tower zuraste. EADS bestreitet, dass an ihrem Produkt Qualitätsmängel festgestellt worden seien.



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