Expertin Brügge: "Samenspenderakten länger aufbewahren"


Claudia Brügge, 47, Diplom-Psychologin und Vorsitzende des Vereins "DI-Netz e.V. – Familiengründung mit Spendersamen", über das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zu Samenspenden.

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Heft 6/2015
Europas Albtraum Alexis Tsipras

SPIEGEL: Der BGH hat jetzt bestätigt, dass Kinder, die mit Spendersamen gezeugt wurden, von der Klinik im Regelfall Auskunft über die Identität des Spenders verlangen können. Sind Sie über dieses Urteil erleichtert?

Brügge: Auf jeden Fall! Seit 2007 müssen die Reproduktionskliniken die Dokumente 30 Jahre lang aufbewahren. Aber einen solchen Auskunftswunsch konnte man in der Praxis bisher allenfalls über Umwege durchsetzen.

SPIEGEL: Weil viele Kliniken einen solchen Anspruch bisher nicht anerkannten?

Brügge: Ja, oder weil sie sich mit allen Mitteln wehren, etwa, indem sie behaupten, die Akten wären plötzlich verschwunden oder im Keller einer Überschwemmung zum Opfer gefallen. Wir wünschen uns dafür ein zentrales Register, etwa beim Gesundheitsministerium, ähnlich wie in Großbritannien; dazu eine Aufbewahrungspflicht für deutlich mehr als 30 Jahre – und ein Verbot, Akten aus Altfällen zu vernichten, die Ärzte lange Zeit maximal 10 Jahre aufbewahrt haben.

SPIEGEL: Laut BGH haben Kinder jedes Alters ein Auskunftsrecht. Ist das sinnvoll?

Brügge: Ja. Das kann eine große Bedeutung für die Identitätsentwicklung haben. Hier im Ungewissen zu sein wird für manche zu einer quälenden Frage. Umgekehrt wird jemand, der weiß, dass er jederzeit Auskunft bekäme, vielleicht sogar eher darauf verzichten. Solange das Kind minderjährig ist, müssen eben die Eltern verantwortungsvoll entscheiden, ob das Kind Informationen über den Spender braucht.

SPIEGEL: Was ist mit möglichen juristischen Folgen, von Unterhaltsansprüchen bis hin zum Erbrecht?

Brügge: Ein Kind müsste ja zunächst einmal die Vaterschaft des rechtlichen Vaters anfechten, bevor es den Spender als rechtlichen Vater feststellen ließe. Mir ist kein Fall bekannt, in dem so etwas passiert wäre. Aber tatsächlich würden wir uns wünschen, dass der Gesetzgeber Rechtssicherheit schafft, indem er ausschließt, dass der Samenspender rechtlicher Vater werden kann.

SPIEGEL: Auch Ihr Kind wurde mit Spendersamen gezeugt. Weiß es davon?

Brügge: Ja, von Anfang an, und wenn es will, soll es den Namen des Spenders eines Tages erfahren dürfen. Dessen Personalien sind dafür bei einem Notar hinterlegt.

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