Frankreichs Staatsbahn drohen Millionenklagen

Der französischen Staatsbahn SNCF drohen in den USA 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs Millionenklagen wegen ihrer Verwicklung in den Holocaust. Bei einer Anhörung vor dem Justizausschuss des US-Senats sagten in der vergangenen Woche Überlebende, Experten und Juristen aus. So schilderte der 91-jährige Leo Bretholz aus Baltimore eindringlich, wie er im Herbst 1942 von Paris aus mit tausend anderen in Viehwaggons gepfercht Richtung Auschwitz deportiert wurde – ohne Wasser, mit nur einem "Stück verdorbenem Brot und einem Stück Käse" als Proviant. Die SNCF habe den Transport durchgeführt und sei dafür von den Nazis "pro Kopf und Kilometer" bezahlt worden. Insgesamt wurden nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen mehr als 76.000 Juden und Widerstandskämpfer in Zügen der französischen SNCF in die Todeslager deportiert. Nur etwa 2000 überlebten den Krieg. Bretholz selber konnte beim Transport nach Auschwitz fliehen. In den USA wird derzeit ein Gesetz, der Holocaust Rail Justice Act, vorbereitet, das Entschädigungsansprüche von Überlebenden der NS-Barbarei gegenüber am Holocaust beteiligten Bahngesellschaften sichern soll. Die Deutsche Bahn rechnet derweil nicht damit, demnächst Millionen an NS-Opfer zahlen zu müssen, sollte das Gesetz in Kraft treten. Anders als die SNCF, die bis heute keinerlei Wiedergutmachung leistete, habe man einen zweistelligen Millionenbetrag in den von der deutschen Wirtschaft aufgelegten Zwangsarbeiterfonds einbezahlt. SNCF-Chef Guillaume Pepy hatte im vergangenen Jahr eingeräumt, sein Unternehmen sei ein "Zahnrad in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis" gewesen.

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