Klimaforscher werfen Politik Augenwischerei vor

Vor dem am Montag beginnenden Weltklimagipfel in Doha haben führende Klimaforscher die Politik aufgefordert, sich von unrealistischen Zielen zu verabschieden. Die Erwärmung der Erde auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen sei "politisch kaum durchsetzbar", sagte Jochem Marotzke, der Vorsitzende des Deutschen Klimakonsortiums. Selbst ein Drei-Grad-Ziel "wäre natürlich weltweit mit gewaltigen Anstrengungen verbunden", so Marotzke, der das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg leitet. "Es stellt sich die Frage, ob es gute Politik ist, unerreichbare Ziele zu proklamieren."

"Das Zwei-Grad-Ziel muss dringend fallen gelassen werden", forderte auch der Klimapolitikexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Oliver Geden. Eine Phantomdiskussion, wie sie in Doha wieder zu befürchten sei, verstelle lediglich den Blick auf pragmatische Lösungen. Zielführender im Kampf gegen die Erderwärmung sei es, wenn einzelne Länder, aber auch Unternehmen oder Städte sich verbündeten, um klimafreundliche Konzepte umzusetzen.

EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard warnte dagegen davor, am Zwei-Grad-Ziel zu rütteln. "Sollten wir das Ziel nicht erreichen, wird es für alle von uns sehr viel teurer, als wir es uns heute ausmalen können." Hedegaard räumte gleichzeitig ein, dass es der Europäischen Union nicht gelungen sei, mit ehrgeizigen Klimaschutzzielen in die Verhandlungen von Doha zu gehen. Der Ursprungsplan der EU, bis 2020 mindestens 30 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen, war vom Kohleland Polen durchkreuzt worden. Kurzfristig sei er nicht mehr umzusetzen, so Hedegaard.

Deutsche Politiker übten unterdessen harsche Kritik an der Klimapolitik der Bundesregierung. Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) forderte Union und FDP auf, die Energiewende entschlossener als bisher anzugehen. "Die Energiewende ist zunächst einmal nur eine Stromerzeugungswende", so Töpfer. "Wenn wir unsere Klimaziele nicht in Frage stellen wollen, müssen wir aber die Themen Wärme, Mobilität und Energieeffizienz genauso entschlossen angehen. Da passiert viel zu wenig."

Der grüne Klimapolitiker Hermann Ott kritisierte: "Von der selbsternannten Klimakanzlerin Angela Merkel ist nichts übrig geblieben."

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