Neue US-Quellen legen nahe: Sowjetunion misstraute Bundeskanzler Helmut Schmidt

Wäre Helmut Schmidt schon Anfang der siebziger Jahre Kanzler gewesen, hätte die Sowjetunion mit der Bundesrepublik "nicht einen einzigen Vertrag geschlossen". Die historischen Verträge der neuen Ostpolitik, die auch zur Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Polens Westgrenze führten, hätte es womöglich nie gegeben. Diese Einschätzung findet sich in einem eben veröffentlichten "Top Secret"-Dokument der US-Regierung aus dem Jahr 1975. Zitiert wird darin eine bislang unbekannte Informationsquelle der US-Nachrichtendienste mit Zugang zu höchsten Kreisen der sowjetischen Führung. Danach beurteilte der Kreml Willy Brandts Rücktritt als Bundeskanzler als "extrem unvorteilhaft" für die Sowjetunion und sah in der Bundesrepublik bereits "eine Koalition mit Strauß" heraufziehen. Die Sowjets hegten eine eindeutige Vorliebe für den Sozialdemokraten Brandt, obwohl sie seine Außenpolitik für "ebenso imperialistisch" wie die von Strauß hielten. "Strauß wollte Europa mit der Atombombe erschrecken, doch Brandt glaubt, dass das sozialistische Lager auch durch Beschwichtigungspolitik aufgebrochen werden kann." Die Sowjets argwöhnten, dass Brandt die Grenzen Polens anerkennen wolle, um das Land aus dem Ostblock herauszulösen. Trotzdem unterhielten die Herrscher im Kreml ein gutes persönliches Verhältnis zu Brandt, während sie sich für seinen Nachfolger und Parteigenossen Helmut Schmidt nicht erwärmen konnten, weil er ihnen weniger kompromissbereit erschien.

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