Nachlässige Ermittlungen im Fall des vierjährigen Mohamed


Im Fall des vierjährigen Mohamed, der von Silvio S. aus Brandenburg entführt, missbraucht und kurz darauf getötet wurde, hat die Berliner Polizei vorrangig gegen die Flüchtlingsfamilie ermittelt und die Suchmaßnahmen nach dem Jungen vernachlässigt. Die Beamten vermuteten Familienstreitigkeiten und sogar die Vortäuschung der Entführung, um die bevorstehende Abschiebung der bosnischstämmigen Familie zu verhindern. Das belegen Recherchen des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL, dem mehr als 3000 Seiten Ermittlungsakten vorliegen. Am Tag nach der Entführung sei "nicht zweifelsfrei" festzulegen gewesen, "ob es sich tatsächlich um einen Vermisstenfall oder vielmehr um Familienstreitigkeiten handelte", heißt es in den Akten: Insofern wurde "zunächst von weiteren Maßnahmen abgesehen". Erst drei Tage später gingen die Ermittlungen weiter. Videoaufnahmen, die zu dem Tatverdächtigen führten, fanden die Ermittler nach 20 Tagen. Weitere 5 Tage vergingen, bevor sie das Material auswerteten.

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In der Antwort auf eine bislang unveröffentlichte Schriftliche Anfrage der Grünen gibt die Senatsverwaltung für Inneres an, dass die Polizei wegen vorgetäuschter Entführung ermittelt habe. Dabei gab es in den vergangenen fünf Jahren laut Senat keinen Fall "vorgetäuschter Kindesentführung mit dem Motiv der Sicherung des Aufenthaltstitels". Die Anfrage hatte der innenpolitische Sprecher der Grünen, Benedikt Lux, gestellt. Er kritisiert das Verhalten der Ermittler: "Die Berliner Polizei hat im Fall Mohamed zunächst nachlässig ermittelt." Polizei und Staatsanwaltschaft wollen sich zu den Vorwürfen nicht äußern, nur eins: "Falls es Versäumnisse gab, werden wir das intern klären."



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