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"Zeit"-Chefredakteur distanziert sich von Pädophilie-freundlichem Text

"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat sich von Pädophilie-freundlichen Texten des langjährigen Feuilletonchefs der Zeit, Rudolf Walter Leonhardt, distanziert. Er sei "von Zeile zu Zeile mehr beschämt" gewesen, "dass so etwas den Weg in die 'Zeit' finden konnte", sagte er dem SPIEGEL. "Hier hat der Freiheitsdrang der liberalen Medien in die Irre geführt." Es sei "grotesk, welch bildungsbürgerlicher Aufwand betrieben worden ist, um die eigentliche Aussage zu kaschieren, Fummeln mit Kindern sei nicht so schlimm." Leonhardt hatte 1969 in der "Zeit" eine dreiteilige Serie unter dem Titel "Unfug mit Unschuld und Unzucht" veröffentlicht, in der er für eine Entkriminalisierung von Sex mit Kindern eintritt.

Auch Parteienforscher Franz Walter kritisiert Leonhardts Texte: "Im Gegensatz zu dem, was Leonhardt geschrieben hat, sind manche Funde, die wir zu Grünen-Politikern gemacht haben und die für große Aufregung sorgen, geradezu läppisch", sagte er dem SPIEGEL. "Die ,Zeit' war damals die Deutungsinstanz des Bildungsbürgertums und gab den Befürwortern der Pädophilie eine Art intellektuelle Weihe. Leonhardt verteidigt mit einem unerträglich süffisanten und zugleich arrogant den Spießer belehrenden Ton den Missbrauch. Nach dem Motto: 'Wenn große Denker und Dichter Sex mit Kindern hatten, dann kann es sich doch nicht um Missbrauch gehandelt haben.'"

Walter und die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL haben außer Texten Leonhardts weitere Veröffentlichungen gefunden, die Sex mit Kindern bagatellisieren. Darunter einen Beitrag im SPIEGEL von 1980, der die Protagonisten der "Pädo-Bewegung" als "schmusende und tätschelnde Pädos" verharmlost, als Menschen "selbst meist kindlichen Gemüts", die "ein adäquates Interesse an ihren kleinen Liebes-Partnern haben". In einer Ausgabe des "Zeit-Magazins" von 1973 werden unter der Überschrift "Doktorspiele" auf fünf Seiten Fotos ausgebreitet, die drei bis sechs Jahre alte Kinder zeigen, die, so der Begleittext des "Zeit-Magazins", "sich zärtlich streicheln, ihre Brustwarzen mit Niveacreme einschmieren, mit sechs Jahren ihren Penis erigieren und die Beine spreizen".

"Ich war schon konsterniert, als ich gesehen habe, wie Pädophilen-empathisch damals manche Leitmedien geschrieben haben", sagt Walter. "Das war keineswegs nur Gedankengut einer kleinen linken Szene. Das drang über ,Zeit' und SPIEGEL auch in das deutsche Bildungsbürgertum." Der SPIEGEL, sagt Walter, sei aufgrund seiner "manchmal schnoddrigen Art zu berichten", dabei weniger in die Gefahr geraten, "sich auf die Seite der Pädophilen zu schlagen". Er schramme an moralischen Grenzen entlang, übertrete sie aber nicht.

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