Ein Essay von Jan Friedmann
Bildungspolitik in Deutschland ist die Wiederkehr des ewig Gleichen. Angenommen, ein Zeitreisender würde sich aus der Gegenwart in ein niedersächsisches Lehrerzimmer vor 39 Jahren beamen, dann würden ihm die vielen Schlaghosen und Schnauzbärte auffallen. Der Raum wäre anders als heute schwer verqualmt - aber die Gespräche kämen ihm seltsam bekannt vor.
Die Zitate stammen aus dem Landtagswahlkampf von 1974, sie könnten aber auch nur wenige Wochen alt sein. Denn die Diskussion scheint wieder auf dem Stand von damals angekommen, seit in Hannover die neugewählte rot-grüne Landesregierung das Sitzenbleiben zum Auslaufmodell erklärt hat.
Schulreform ja, aber richtig: Finnland lässt nur die junge Elite auf die Kinder los, in Deutschland dagegen werden zu viele aus den falschen Gründen Lehrer, findet SPIEGEL-Autor Dietmar Pieper. Ein Plädoyer für Pädagogen als begeisterte Dienstleister. mehr...
Das Ende der heilsamen empirischen Wende?
Deutsche Bildungspolitik droht in alte ideologische Konfrontationen zurückzufallen, die die Errungenschaften der vergangenen Jahre zunichte machen könnten. Dem Zwist von 1974 folgte ein Vierteljahrhundert finsteren Schulkampfes. Unversöhnlich standen sich die Anhänger der Gesamtschule und die Verteidiger des traditionellen Gymnasiums gegenüber. Derweil stagnierte die Qualität der Schulen auf mäßigem Niveau, bis der Pisa-Schock von 2001 sie aus der Starre erweckte.
Erst seit kurzem haben sich Politiker aus der lähmenden Diskussion darüber befreit, welche gesellschaftlichen Ziele in der Schulpolitik erreicht werden sollen. Stattdessen wird seit Pisa vornehmlich gemessen, was die Schule wirklich leistet, und zwar im Unterricht. Bildungsforscher sprechen von einer heilsamen "empirischen Wende".
Doch diese kurze gute Phase könnte schon wieder zu Ende gehen. Schuld an der Reideologisierung trägt vor allem die SPD. Denn die Sozialdemokraten können derzeit in der Schulpolitik weitgehend durchregieren. Nach Machtwechseln in mehreren Bundesländern stellen sie 11 von 16 Bildungsministern. Der christsoziale Kultusminister Ludwig Spaenle ist der einzige verbliebene Konservative in der Ministerriege, die Union hat das Politikfeld Bildung weitgehend geräumt.
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© DER SPIEGEL 9/2013
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