AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Deutsche sind... Gestresst, humorlos - und öfter nackt als nötig

Wie wirken die Deutschen auf Ausländer? Vier Korrespondentinnen ausländischer Medien beschreiben ihre liebsten wahren Deutschen-Klischees.

Nishant Choksi/DER SPIEGEL


Tonia Mastrobuoni berichtet für die italienische Zeitung "La Repubblica" aus Berlin:

Deutsche... sind sparsam.

Als Helmut Kohl starb, haben sich viele in Italien gewundert, dass er in einem "bescheidenen Haus" gewohnt hat. Natürlich haben über 20 Jahre von Silvio Berlusconis Größenwahn in unseren Köpfen viele Schäden angerichtet: Wenn ein amtierender oder ehemaliger Regierungschef keine Villa mit fünfzig Zimmern auf Sardinien und eine Megajacht erhascht hat, ist er ein Loser. Dabei ist es so wunderbar, dass die Deutschen nicht viel Wert auf teure Klamotten, luxuriöse Villen und andere Statussymbole legen (es sei denn, man schaut in ihre Garagen).

... können nicht (italienisch) kochen.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Der Gaumen muss erkennen, was auf dem Teller ist. Aber wenn die Hälfte der Pastagerichte in Deutschland mit Parmesan nicht bloß ergänzt wird, sondern regelrecht käseüberbacken ist, und wenn überall beliebig Basilikum oder Rosmarin oder Sahne draufgeschmissen wird, ist es schwer, noch irgendetwas rauszuschmecken. Hier ein paar wegweisende, allgemeine Tipps: Parmesan gehört zum Beispiel nicht auf Arrabbiata und nicht auf Spaghetti alle vongole, auch zu Fisch wird selten Parmesan verwendet. Und niemals, aber wirklich niemals sollte man Cappuccino nach dem Essen bestellen. In Italien gibt es darüber empörte Literatur.

... sind pünktlich.

Außer der Deutschen Bahn, des BER und der Elbphilharmonie. Aber das macht andererseits auch alles etwas lockerer und sympathischer. Unsere Schadenfreude wegen des BER nimmt kein Ende, wir kommentieren erleichtert, wie lange sich alles hinzieht, und machen unsägliche Vergleiche mit der ewigen Baustelle der Autobahn Salerno-Reggio Calabria. Aber allgemein stimmt es: Deutsch heißt pünktlich, und es ist toll. Zumindest für eine Italienerin, die in der römischen chronischen Unpünktlichkeit aufgewachsen ist.

... haben keinen Humor.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass der pädagogische, korrigierende Ansatz bei vielen Deutschen die Überhand gewinnt und jede Ironie tötet. Aber wer länger in Deutschland lebt, lernt auch auf Deutsch zu lachen. Mit der "heute-show". Oder mit Loriot (der ist so deutsch, dass man ihn nicht übersetzen kann).


Deborah Cole, amerikanische Korrespondentin für die Nachrichtenagentur AFP:

Deutsche ... ... sind risikofreudig.

Ich bin Amerikanerin, und gemeinhin wird den USA eine große Risikofreude zugeschrieben. Aber heutzutage erlebe ich Deutschland als optimistischer und weniger ängstlich als meine Heimat. In Deutschland wird viel über "helicopter parenting" diskutiert. Aber mal ehrlich: Wenn uns Freunde aus New York besuchen, dann staunen sie über all die Kinder, die in Berlin völlig ungeschützt über Abenteuerspielplätze toben oder morgens allein zur Schule gehen. Angela Merkel wird im eigenen Land als zögerlich und zaudernd wahrgenommen. In den USA dagegen gilt Merkel als ausgesprochen risikofreudig, was die einen als waghalsig kritisieren, die anderen als mutig loben. In beiden Fällen aber ist es genau das Gegenteil der sprichwörtlichen "German Angst".

Nishant Choksi/DER SPIEGEL

... sind korrekt.

Nie vergessen werde ich eine Szene in Berlin vor einigen Jahren während einer großen Sportveranstaltung: lange Schlange beim Supermarkt in der Innenstadt, viele Gäste aus dem Ausland. Ein asiatisch aussehender Mann steht vor mir, eine Cola und einen Euro in der Hand, wie es auch auf dem Preisschild steht. Die Kassiererin bellt: "1 Euro 25". Und während der Mann verwirrt guckt, tippt sie ungeduldig aufs Display: "Dosenpfand!!" Der Mann überreicht einfach sein Portemonnaie, und die Dame nimmt das Kleingeld heraus. Ihr Kunde schaut erleichtert, bis sie fragt: "Sammeln Sie Rabattmarken? OB SIE RABATTMARKEN SAMMELN???"

... sind fähig zum Mitgefühl.

Wenn ich im Winter mal mit dem Fahrrad hinfalle, erwarte ich, dass Passanten und Freunde spontan und besorgt ausrufen: "Alles okay? Wie geht es dir? Das tut mir aber leid!" Nichts da. Stattdessen werde ich von deutschen Freunden oft erst einmal mit einer ganzen Reihe an Detailfragen ins Verhör genommen: Warum hast du die Hauptstraße im Berufsverkehr genommen? Wie alt ist das Fahrrad schon? Hast du ein Zeichen gegeben, als du links abbiegen wolltest? Ich dachte zuerst, das wäre ein Zeichen von Kälte, von mangelnder Empathie. Aber eigentlich ist es das genaue Gegenteil. Denn wenn es um die praktische Notfallversorgung geht, schnurrt das System wie geschmiert. Wenn ich mir mal wirklich wehtue, bin ich heilfroh, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich jederzeit schnell, kompetent und erschwinglich von einem Arzt behandelt werde. Effiziente Hilfe statt gefühliger Lippenbekenntnisse: Das ist vielleicht die richtige Fürsorglichkeit.

... sind geschichtsbewusst.

Ein schönes Wort, das es im Englischen so gar nicht gibt. Mein Weg zur Arbeit führt mich durch eine Landschaft der Erinnerung: Denkmale, Tafeln, Stolpersteine. All diese Mahnmale kommen aus der Mitte der Gesellschaft und werden von Anwohnern und Schulklassen bewusst wahrgenommen und betreut. Die Last der Geschichte ist enorm hier, besonders in Berlin, aber die sorgfältige Pflege der Erinnerung hat ein Land geschaffen, das in der Lage ist, mit sich und der Welt in Frieden zu leben.

... sind durchaus tolerant.

Eigentlich ein doofes Wort. Zu passiv, zu neutral. Alte Filme transportieren immer noch das Image des gleichgeschalteten preußischen Obrigkeitsstaates: "Achtung, stillgestanden, Hände hoch!" Aber Deutschland ist in den über zwei Dekaden, in denen ich hier lebe, bunter geworden. Und es geht trotz Pegida und AfD ziemlich entspannt mit dieser neuen Vielstimmigkeit um. Ich freue mich jeden Juli in der Woche vor der riesigen Christopher-Street-Day-Parade, wenn am Polizeirevier in meinem Berliner Kiez eine Regenbogenfahne weht. Und trotz diverser politischer Krisen und einer mittlerweile härteren Grenzpolitik hat Deutschland doch Hunderttausende Asyl suchende Menschen zumindest vorübergehend zu einem absolut kritischen Zeitpunkt aufgenommen.


Antonia Yamin, Europakorrespondentin der israelischen Rundfunkanstalt Kan:

Deutsche ... ... lieben ihre Regeln.

Wenn es eine Sache gibt, die ich während meiner Zeit in Deutschland gelernt habe, ist es diese: Leg dich nicht mit deutschen Regeln an, und frag vor allem nie: "Warum?" Denn die Antwort lautet immer: "So ist es halt." Es erinnert mich ein wenig an meinen israelischen Militärdienst, obwohl es mir sogar dort ab und zu gelang, meine Offiziere zu umgehen. Die Deutschen lieben ihre Strukturen und können sich nicht vorstellen, Dinge etwas anders zu machen, als das Regelwerk vorschreibt. Manchmal scheint es, dass die Deutschen ein maximales Vergnügen daraus ziehen, Papier zu produzieren. Sie schwelgen darin. Sie suhlen sich darin. Sie bedecken sich mit Papier, inhalieren seinen Geruch. Geht es Deutschland nicht angeblich darum, umweltfreundlich zu sein und den Planeten zu retten? Dann hört endlich auf, mir Papierformulare zu geben, die ich ausfüllen muss!

Nishant Choksi/DER SPIEGEL

... sind distanziert.

Die Deutschen mögen ihren persönlichen Raum, und sie haben den besten und festesten Händedruck, auch die Frauen. Aber wenn du es auf die "israelische Art" versuchst - eine Umarmung und einen Kuss auf die Wange - , können sie sich in einen Stein verwandeln. Sie mögen es auch nicht, Sätze zu artikulieren wie: "Ich liebe dich." Ich erinnere mich, wie ich meinem deutschen Onkel zum ersten Mal sagte, dass ich ihn liebe. Er schaute mich an, als wäre ich vom Himmel gefallen, und wusste einfach nicht, wie er mit diesem sechsjährigen Mädchen mit den seltsamen Ideen umgehen sollte. Wenn aber ein Deutscher dich als Freund ansieht, dann gilt das für das ganze Leben. Manche meiner besten Freunde sind Deutsche.

... mögen ihre Privatsphäre.

Deutsche haben es mit ihrer Privatsphäre, vor allem im Internet. Die meisten meiner deutschen Freunde benutzen auf Facebook nicht ihren vollen Namen. Manche benutzen sogar einen komplett erfundenen Spitznamen, den ich mir merken muss, wenn ich ihnen auf Facebook eine Nachricht schicken will. Sie mögen es auch nicht, Fotos von sich zu posten, vom Urlaub posten sie höchstens ein Landschaftsfoto. Und bitte: Hört auf, euch am Telefon mit dem Nachnamen zu melden, deutsche Familiennamen sind so schwer auszusprechen.

... sind leider immer "gestresst".

Schon als Kleinkind habe ich im Haus meiner Großeltern in Mannheim das Wort "gestresst" gehört. Am Anfang dachte ich, nur meine Oma und mein Opa hätten so viel im Kopf, dass sie nie entspannen können. Aber dann lernte ich, dass alle Deutschen Stress mögen. Warum seid ihr so "gestresst"? Ihr habt eine florierende Wirtschaft, ein großartiges Gesundheitssystem, es fallen keine Raketen auf eure Häuser, und eure Chefs kommen nur selten auf die Idee, euch außerhalb der Bürozeiten anzurufen. Außerdem ist eure Kanzlerin die Führerin Europas. Warum steht ihr trotzdem unter Stress?

... lieben ihre Urlaubstage.

Manchmal hat man den Eindruck, dass die deutsche Wirtschaft ganz von selbst läuft, ohne dass Menschen dabei irgendetwas tun, außer zu fotokopieren und Papiere zu stempeln. Die Deutschen haben so viele Urlaubstage, dass es oft unmöglich ist, sie zu erreichen. Immer wenn ich einen Interviewpartner brauche, ist er im Urlaub, oder es gibt gerade einen nationalen (oder regionalen!) Feiertag. Wenn Deutsche Urlaub haben, werfen sie ihre Smartphones, Laptops und iPads aus dem Haus. Vielleicht sollte ich es mit einer Brieftaube versuchen. Wer verrät mir das Geheimnis, warum Deutschland trotzdem eine der höchsten Produktivitätsraten der Welt hat?


Birgit Schwarz, Korrespondentin des Österreichischen Rundfunks ORF in Berlin:

Deutsche ... ... sind stets pünktlich.

Und zwar sowohl beruflich wie privat. Und, ganz ehrlich, nach vielen Jahren als Deutschlandkorrespondentin weiß ich das sehr zu schätzen und ertappe mich dabei, dass ich den Wiener Schlendrian nach dem Motto "Das geht sich schon aus" zunehmend anstrengend finde. Dafür bin ich jedes Mal besonders sauer, wenn die Deutsche Bahn Verspätung hat.

... sind von Natur aus humorlos.

Viele Deutsche lachen über laute, einfallslose und gern auch frauenfeindliche Witze, in einem ewigen Reigen nicht besonders origineller Comedyshows im deutschen Fernsehen. Zum Umgewöhnen empfehle ich die subtilen und hintergründigen Kriminalromane des Österreichers Wolf Haas. Der (ebenfalls österreichische) Schauspieler Christoph Waltz hat die Frage nach dem Unterschied zwischen deutschem und österreichischem Humor mit einer Gegenfrage beantwortet: "Was ist der Unterschied zwischen Walzertanzen und Stechschritt?"

Nishant Choksi/DER SPIEGEL

... tragen Sandalen mit Socken.

Das ist jederzeit zu beobachten, in deutschen Innenstädten genauso wie auf den Wanderpfaden von La Gomera oder vor dem Kolosseum in Rom. Die Socke in der Sandale prägt das Bild der Deutschen: bieder, praktisch, unelegant. Aber Achtung, inzwischen hat ein anderer typisch deutscher Schuhtrend den Siegeszug um die Welt angetreten: Birkenstocksandalen. Ganz wichtig: ohne Socken. Hollywoodschauspielerinnen und Supermodels lassen sich damit fotografieren. Das Ursymbol für deutsche Spießigkeit ist salonfähig geworden.

... machen sich auch ansonsten gern nackig.

Das ist kein Vorurteil, sondern die nackte Wahrheit. Jedenfalls im Osten Deutschlands und in den Bädern und an den Seen rund um Berlin. Auch im Berliner Tiergarten in Sichtweite zum Amtssitz des Bundespräsidenten ist hüllenloses Sonnenbaden kein öffentliches Ärgernis, sondern blanke Selbstverständlichkeit. Ich finde das nicht so schön. Aber ich ertappe mich dabei, dass ich immer dann zum glühenden Fan deutscher Freikörperkultur werde, wenn ich Italiener im Skiurlaub dabei beobachte, wie sie mit chlorwassertriefenden Badehosen jede Sauna zum Dampfbad machen.

... mögen es billig.

Die Deutschen sind Schnäppchenjäger - und beim Essen nicht sehr wählerisch. Beim Blick auf deutsche Wurst- und Fleischtheken möchte ich manchmal ausrufen: "Hey, Deutsche, es gibt kein Menschenrecht auf ein Kilogramm Hackfleisch für 3,50 Euro!" Wer für seine tägliche (auch das ist sehr deutsch) Fleischration weniger bezahlen möchte als für eine halbe Schachtel Zigaretten, der sollte sich nicht wundern, wenn dann auch mal Pferdefleisch aus Kasachstan in der Fertiglasagne landet. Die Österreicher essen übrigens pro Kopf noch mehr Fleisch als die Deutschen, sie sind aber bereit, für bessere Qualität und Biofleisch auch deutlich mehr Geld auszugeben.

Auslandskorrespondenten im Video: Was vermisse ich am meisten?

OHNE

Die Zeichnungen stammen vom englischen Illustrator Nishant Choksi, Brighton.



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