AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Machtstrategie der Kanzlerin Warum Merkel auf Frauen setzt

In der CDU haben Frauen die Männer abgehängt. Dahinter steckt kein feministisches Programm, sondern genau jenes Prinzip, das über Jahrhunderte die Herrschaft von Männern zementiert hat: Machterhalt.

Kanzlerin Merkel, CDU-Frauen
Angelika von Stocki/Face to Face

Kanzlerin Merkel, CDU-Frauen

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Die Ankündigung kommt beiläufig. Ohne Pathos, ohne große Geste, ohne: "Weil es 2017 ist." Gut einen Monat vor der Bundestagswahl lässt sich Angela Merkel von ein paar YouTubern interviewen. Merkel spricht sich für "ein bisschen mehr Sportunterricht" an Schulen aus und verrät, was ihr Lieblings-Emoji ist: der Smiley natürlich. Erst nach mehr als einer Stunde stellt YouTuber Ischtar Isik die Frage: Werden Sie, wenn Sie Bundeskanzlerin bleiben, im Kabinett einen Frauenanteil von 50 Prozent anstreben?

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Ein paar Monate zuvor hatte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz angekündigt, dass die Sozialdemokraten genau so viele Frauen wie Männer in ihre nächste Regierung schicken werden. Merkel dagegen ist nicht als Anhängerin von Frauenquoten bekannt, im April hatte sie sich auf einem Podium mit Ivanka Trump und Christine Lagarde lange gewunden, bis sie eine Antwort auf die Frage herausbrachte, ob sie Feministin sei. Am Ende sagte sie etwas wie: Zu viel der Ehre, diesen Titel habe sie nicht verdient. Es war ziemlich peinlich. Und jetzt eine Quote für das Kabinett?

Doch Merkel zeigt sich überraschend offen. Sie fände das, sagt sie, "absolut erstrebenswert". Sie würde "schon darauf achten, dass wir, fast jedenfalls, die 50 Prozent erreichen". Im Rückblick kann man das als Untertreibung bezeichnen.

Zu Beginn von Merkels vierter Amtszeit ist die deutsche Spitzenpolitik so weiblich wie nie zuvor in der Geschichte der Nation. Noch nie hatten Frauen so viel Macht, gab es so viele Frauen an der Spitze von Parteien, Fraktionen und Ministerien.

Was zuallererst auffällt: wie wenig es Thema ist. Die neue Macht der Frauen in der deutschen Politik wird, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt, als wäre sie längst Normalität, eine Selbstverständlichkeit. Als wäre, wem das überhaupt noch auffällt, schon von gestern. Dabei ist es überhaupt nicht selbstverständlich.

Anderswo in Europa krempeln gerade forsche junge Männer das Parteiensystem um, in Frankreich, Österreich, Italien, die deutsche Kanzlerin setzt dagegen zuallererst auf Frauen. Sie besetzte drei von sechs CDU-Ministerposten mit Frauen, dazu sind drei von vier Staatsministern im Kanzleramt weiblich. Und sie holte als Generalsekretärin eine zweite Frau an die Spitze der CDU. Für ihre Nachfolge stehen damit, Stand jetzt, zwei Frauen in der besten Ausgangsposition: Annegret Kramp-Karrenbauer und Parteivizin Ursula von der Leyen. In der einstmals konservativen Volkspartei CDU haben Frauen die Männer schlicht abgehängt.

Das ist wirklich nicht selbstverständlich. Doch hinter den Zahlen, der Aufzählung, der Frauenriege verbirgt sich noch eine viel tiefgreifendere Veränderung. Jetzt, da das Ende der Amtszeit der ersten deutschen Kanzlerin absehbar ist, zeigt sich, dass etwas Grundsätzliches passiert ist. Merkels Kanzlerschaft hat das Verhältnis der Geschlechter in der Politik verändert, mehr vielleicht als Feminismus und Frauenquoten.

Wie gesagt: Dahinter stand kein frauenpolitisches Programm. Merkel wollte ja nie Frauenpolitikerin sein, sie hielt sich von der traditionellen feministischen Gleichstellungsdebatte fern, in der es um das Dabeisein von Frauen geht, um den Anspruch, dass Frauen einziehen in die männerdominierten Chefetagen: Frauen können das auch.

Darum ging es Angela Merkel nicht. Wie so oft, wie eigentlich fast immer, ging es ihr um Macht. So ist es auch jetzt wieder, und deshalb ist es kein Zufall, dass Merkel gerade jetzt immer mehr auf Frauen setzt, da sie das Ende ihrer Macht vorbereitet, da sie dabei ist, ihre Umgebung vor dem absehbaren Ende ihrer Kanzlerschaft zu ordnen.

Für Merkel geht es in ihrer vierten Kanzlerschaft um ihren Nachruhm, sie muss ihr Erbe sichern und ihren Abgang einleiten. Wie kann es ihr gelingen, selbstbestimmt von der Macht abzutreten, mit Würde, wie kann sie verhindern, aus dem Amt gedrängt, getrieben zu werden, geht das überhaupt?

Merkel braucht Nachfolger, die ihr Erbe bewahren, ihren Modernisierungskurs in der Union fortsetzen und die Fehler ihrer Flüchtlingspolitik nicht an den Pranger stellen, sie muss jetzt die Pflöcke einschlagen für die Zukunft des Merkelismus. Und sie braucht Raum, um ihren Abgang zu organisieren, ohne dass einer an ihrem Stuhl sägt, ohne dass ihr ein potenzieller Nachfolger im Nacken sitzt wie Markus Söder in Bayern Horst Seehofer. Sie braucht Loyalität bis zum Schluss.

Und die traut sie offenbar am ehesten Frauen zu, das ist der wahre Grund für Merkels Matriarchat. Dafür, dass sie als ernst zu nehmende Nachfolgekandidaten bisher nur Frauen in Position gebracht hat - und vielleicht noch Peter Altmaier.

In einer Demokratie kann niemand seinen Nachfolger bestimmen, alles, was Merkel tun kann, ist Leute zu fördern, die sie für fähig und loyal hält. Kramp-Karrenbauer hat Loyalität versprochen, sie hat in ihrer Parteitagsrede klargemacht, dass sie Merkels Anspruch, bis 2021 Kanzlerin zu bleiben, nicht infrage stellen wird. Sie werde nicht mit den Hufen scharren, das war ihre Botschaft.

Merkels gesamter politischer Aufstieg legt ihr nahe, Männern weniger zu vertrauen als Frauen. Kohls Mädchen, der Andenpakt, Mutti, all das kam von Männern. Auf der Weltbühne wie zu Hause sind Merkels Gegner und Kritiker fast ausschließlich Männer. Auch in der Flüchtlingskrise, als ihre Autorität bröckelte und Putschgerüchte kursierten, kamen innerhalb der Union die Angriffe ohne Ausnahme von Männern, von Erika Steinbach einmal abgesehen. Jedes Mal, wenn Merkel Angriffsfläche bietet, wird die eher zaghafte Kritik aus der eigenen Partei verstärkt von ihren ehemaligen Widersachern aus dem Off, Männern, die sich durch Merkels Aufstieg gedemütigt fühlten wie Roland Koch und Friedrich Merz, publizistisch begleitet von männlichen Journalisten, die ihre besten Zeiten unter Schröder erlebt haben und seitdem immer weiter nach rechts gerückt sind.

Ihre engsten Vertrauten waren dagegen Frauen, niemand gehört so lange zum innersten Zirkel wie ihre Büroleiterin Beate Baumann und Kommunikationschefin Eva Christiansen. Machtpolitisch nicht entscheidend, aber emotional bedeutsam war, dass die CDU-Chefin sich immer auf den Rückhalt der Frauen Union verlassen konnte. Und dann gibt es einfach keine Frauen, die sie sich zu Feinden gemacht hätte, keine, die sie aus dem Weg geräumt und abserviert hat, die jetzt gegen sie sticheln und aus dem Hintergrund andere gegen sie aufhetzen. Wenn überhaupt, hat Ursula von der Leyen mit ihr noch eine Rechnung offen, der sie Hoffnung gemacht hatte, Bundespräsidentin zu werden, und die sie dann enttäuschte.

Bei Grünen und Linken wacht seit Langem eine Quote darüber, dass auch Frauen in Partei und Fraktion in Spitzenpositionen kommen, das war für die Sache der Frauen nicht immer hilfreich, denn so gelangte auch manche Quotenfrau ins Amt. Unter Merkel kamen Frauen dagegen quasi organisch an die Macht, weil sie das System änderte. Jetzt ging es nicht mehr um das Dabeisein in männlich geprägten Strukturen, Merkel definierte neu und anders, was gute Politik ist, sie merkelisierte die Politik - und öffnete damit den Frauen die Tür.

Es ist genau jenes Prinzip, das über Jahrhunderte die Herrschaft von Männern zementiert hat. Aus dem Old Boys' Network ist ein Old Girls' Network geworden. Merkel tat, was man bisher vor allem männlichen Chefs nachgesagt hatte: Sie förderte Politiker ihres eigenen Typs, Politiker, die ähnlich ticken wie sie selbst, mit ähnlichen Eigenschaften: No-Bullshit-Typen, pragmatisch und rational, uneitel, diszipliniert, auf die Sache fokussiert, ohne übermäßigen Geltungsdrang. Ursula von der Leyen mit ihrem forschen öffentlichen Auftritt ist schon die maximale Abweichung von diesem Typus.

Die Politik wurde merkelesk, manche sagen, das machte sie weiblicher. In jedem Fall entsprechen auffällig häufig Frauen dem, was unter Merkel zum Profil des erfolgreichen Politikers wurde. Auch unter Männern bevorzugte Merkel die stillen Arbeiter vom Typ eines Hermann Gröhe oder Thomas de Maizière, Männer, die gehorsam und geräuschlos abtreten, wenn sie es von ihnen verlangt. Der testosterongesteuerte Macho, der seinen Machtwillen offensiv zur Schau stellt, verschwand aus Merkels politischem Orbit.

Sie änderte die Maßstäbe, die Regeln, ihre Prinzipien wurden zu Kultur. Männlichkeit wurde umgewertet. Eigenschaften, die zuvor im positiven Sinn als männlich gegolten hatten, wurden zum Makel. Männlichkeit stand nicht mehr für Führungsstärke, Machtinstinkt und kühlen Kopf, im Gegenteil, Männer gelten jetzt als impulsiv, unbeherrscht und triebgesteuert.

In den neuen Machtstrukturen müssen Frauen nicht mehr sein wie Männer, um Erfolg zu haben, eher umgekehrt. Tendenziell gelten nun Frauen als die besseren Politiker, die geschickter, weniger konfrontativ, zielführender mit Macht und Verantwortung umgehen. Die Weltgeschichte kam Merkel zu Hilfe: Von Wladimir Putin über Recep Tayyip Erdogan bis zu Donald Trump lieferte sie Männer, die mit ihrem Gemisch aus Egomanie, Ehrpusseligkeit und unbedingtem Machtanspruch die Welt in Brand zu setzen drohen.

Die Nachteile des Systems Merkel liegen auf der Hand: Wer vor allem auf einen Typ setzt, wird mit der Zeit einseitig, er lässt Talente verkümmern. So fehlen jetzt die großen Redner, die Strategen, die Leidenschaftlichen, die Visionäre. Die politische Streitkultur in Deutschland verkümmerte, der deutschen Politik kamen Schärfe und Würze abhanden.

Mag sein, dass der Merkelismus fragil ist, aber vieles spricht dafür, dass sich die Machtstrukturen nachhaltig verändert haben, dass die Frau an der Spitze nicht mehr der einsame Leuchtturm bleiben wird - wie Margaret Thatcher oder Indira Gandhi -, die Ausnahme in einer langen Reihe mächtiger Männer. Auf eine Frau könnte wieder eine Frau folgen. Ganz selbstverständlich.



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