Nach dem Terroranschlag Barcelona, meine Liebe

Von Klein auf ist unser Autor mit Barcelona vertraut. Sein Großonkel hat die Metro mitgebaut, sein Vetter betrieb eine Bar - doch nun musste seine Cousine Terroropfer behandeln. Ändert sich das Leben in der Stadt?

Trauerbekundung auf einem Balkon in Barcelona: Vom Terrorismus verstehen Spanier leider etwas
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Trauerbekundung auf einem Balkon in Barcelona: Vom Terrorismus verstehen Spanier leider etwas

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Barcelona ist die erste Großstadt, an die ich mich erinnern kann. Ich war sieben oder acht. Die Stadt war für mich ein Moloch, ein Planet der Irren, ein surreales Theater, das nichts mit dem zu tun hatte, was ich aus Deutschland kannte. Jedes Jahr fuhren wir in unserem Ford Taunus mittendurch. Meine Eltern waren Gastarbeiter in Deutschland. Zu Beginn der Sommerferien quetschte mein Vater ein halbes Dutzend Koffer ins Auto, einige auch zwischen uns drei Brüder auf die Rückbank.


Über den Autor

Juan Moreno, 1972 in Andalusien geboren, studierte Volkswirtschaftslehre in Florenz und Köln. Seit 2008 schreibt er für den SPIEGEL, vorwiegend für die Ressorts Sport und Gesellschaft. Barcelona war die erste Großstadt, die er als Kind kennenlernte. Ein Großteil seiner Familie lebt bis heute dort. Morenos Cousine, eine Ärztin, behandelte Verletzte des Anschlags auf die Ramblas.


"Merkt euch, meine Söhne, niemals Gepäckträger, wir sind keine Türken", und dann fuhr er, nur er, von Hessen bis nach Südspanien. Pausen nur zum Tanken. Barcelona erreichten wir nach ungefähr 18 Stunden.

Mein Vater verabscheute die Stadt schon deshalb, weil sie damals keinen Autobahnring hatte. Wir mussten immer ins Zentrum. Er verfuhr sich jedes Mal.

Ich liebte es, wenn das passierte. Mit platter Nase am Autofenster sah ich Barcelona beim Barcelona-Sein zu. Vespa-Fahrer, die sich wie Todgeweihte zwischen die Wagenkolonnen schlängelten, kleine, weiße Renault 4 und Seat 600, die sich auf der Avinguda Diagonal aufführten wie ein Löwenrudel bei der Treibjagd. An den Ampeln wurde der Ford Taunus von Bettlern belagert. "Gitanos!", schrie meine Mutter und kurbelte die Fenster hoch: "Die klauen uns alles aus dem Auto."

Ich war oft in dieser Stadt. Als Kind, wenn mein Vater widerwillig doch für einige Tage hielt, weil irgendein Familienfest anstand. Später als Student. Ich wusste zwar nicht genau, was ich hier sollte, aber es war so ziemlich das Coolste, was man mit Anfang zwanzig machen konnte. Als Journalist beschrieb ich, wie sich Barcelona in die Herzen der Touristen katapultiert hatte. Wie hart die Finanzkrise von 2008 die Stadt traf. Wie gespalten diese Schönheit hinter ihren romanischen, gotischen und katalanisch-modernistischen Fassaden doch ist. Barcelona war nicht immer die unnahbare Schönheit, die sie nach den Olympischen Sommerspielen von 1992 werden sollte, nicht das Supermodel von heute, kein Hipster-Utopia, keine Kulisse für Woody-Allen-Filme, kein Trampelpfad für 699-Euro-Kreuzfahrer.

Barcelona war eine quirlige, lebendige, im Grunde aber sehr verlorene Stadt, die dem Meer den Rücken zuwandte und wie ganz Spanien das bisschen Industrie, das Francos Wirtschaftspolitik nicht ruiniert hatte, an die beginnende Globalisierung abgab. Wo heute Strand ist, wo Shoppingmalls mit Meeresblick entstanden, wo Horden von Restauranttänzern Touristen zu schlechter Paella überreden, standen früher Fabrikanlagen, Lagerhallen, Hafengebäude. Dazwischen Spelunken, bevölkert von Matrosen, Nutten und Drogenabhängigen.

Wer früher als Tourist in die Stadt kam, war oft auf der Durchreise. Touristen wollten damals noch nicht Gaudís Park Güell oder die Sagrada-Família-Kathedrale sehen. Nicht mal der FC Barcelona taugte etwas. Viele kamen einfach, weil die Stadt nicht weit von Lloret de Mar entfernt war, wo man zwei Wochen Bettenburg samt Sonnenbrand buchen konnte.

Meine Familie stammt aus Andalusien. Bauern, großes Herz, große Klappe. Wie viele Andalusier führen wir keine normalen Unterhaltungen. Wir schreien uns an, halten das aber für normal. Wie viele Andalusier ist ein nicht kleiner Teil meiner Familie irgendwann nach Katalonien gegangen, weil die andalusische Heimat alles außer einer Zukunft bot.

Einer meiner Großonkel hat an Barcelonas Metro mitgebaut, ein Cousin führte bis vor ein paar Jahren eine dieser sehr spanischen Bars, in denen immer Ducado-Qualm in der Luft lag und schon morgens mehr Cafés mit Weinbrand als mit Milch verkauft wurden. Inzwischen führt die Bar ein Chinese.

Tanten, Onkel, Cousinen, alle, die nach Barcelona gingen, haben keinen andalusischen Akzent mehr. Wenn sie spanisch sprechen, klingen sie wie Pep Guardiola. Francisco Candel, ein wunderbarer katalanischer Autor, hat diese Leute die "anderen Katalanen" genannt. Südspanier, die auf der Suche nach dem Glück in die Stadt kamen und hier Wurzeln schlugen.

Als vergangene Woche ein Lieferwagen in die Menschenmenge auf den Ramblas raste und 13 Unschuldige tötete, dachte ich zuallererst an die anderen Katalanen in meiner Familie. Ich war mir ziemlich sicher, dass niemand von ihnen unter den Opfern sein würde. Jeder, der in Barcelona lebt, meidet die Ramblas, zumal im August. In den Nachrichten war von einem Anschlag auf die Prachtstraße Barcelonas die Rede. Das sind die Ramblas schon lange nicht mehr. Früher holten sich die Anwohner hier ihre Zeitung, kauften Blumen. Wer Geld hatte, ging auf den Ramblas ins Theater. Ramblejar, so viel wie herumstreunen, nannten das einige. Heute ist die Straße eine Touristenmeile, vollgepackt mit schlechten Restaurants und noch schlechteren Souvenirläden.

Meine Cousine, die erste Ärztin in unserer Familie, schrieb mir, dass es ihnen allen gut gehe. Sie seien traurig, aber wohlauf. Irgendwie habe man damit gerechnet. Die Stadt sei fällig gewesen, sagte sie. Es war ihre erste Woche in der Notaufnahme eines Krankenhauses im Norden Barcelonas. Die Verletzten des Anschlags wurden über die ganze Stadt verteilt. Einige von ihnen betreute meine Cousine. Eine Britin habe die ganze Zeit geweint und immer nur "why" geschrien. Sie hatte nur Prellungen und Verstauchungen, die sie sich beim Wegrennen zugezogen hatte. Andere hätten fast gar nicht gesprochen und nur gebeten, dass man ihnen keinen Fernseher ins Zimmer stelle. Als könnte man so den Terror verbannen.

Es gibt nichts Leichteres, als sich in diese großartige Stadt zu verlieben. Barcelona ist wunderschön, offen, liberal, gelassen und modern. Wer einige Zeit hier lebt und keine neuen Freunde findet, der braucht professionelle Hilfe. Das Meer, das Essen, die Bars, das Wetter, die Kultur, die Gelassenheit, die Freude und die Würde, mit der hier dem Leben begegnet wird - wer in Barcelona unglücklich ist, ist es vermutlich überall.

Ich glaube nicht, dass die Stadt eine andere werden wird nach den Anschlägen. Von Terrorismus verstehen Spanier leider etwas. Vor 30 Jahren jagten baskische Eta-Terroristen hier einen Ford Sierra vor einem Einkaufszentrum in die Luft. 21 Menschen starben, 45 wurden verletzt.

Einen Tag nach dem Anschlag der vergangenen Woche waren die Ramblas wieder belebt. "El País" und andere titelten: "Wir haben keine Angst."

Nicht islamistischer Terror wird die Stadt verändern, sondern der ewige Streit um die Unabhängigkeit, der Wunsch, sich als Region von Spanien zu lösen. Das war immer ein großes Thema in Barcelona, der Hauptstadt Kataloniens. Aber noch nie wurden die Diskussionen so verbissen, so wütend, so hasserfüllt geführt. Man kann in dieser Stadt nicht über Politik, über Wirtschaft, über Kultur, Theater, Erziehung, man kann nicht mal über Fußball reden, ohne dass es am Ende darum geht: Bist du für oder gegen die Unabhängigkeit? Für oder gegen das Referendum, das Anfang Oktober stattfinden soll? Freunde, Familien, Liebespaare sind an dieser Frage zerbrochen. Und es ist immer noch unvorstellbar, dass die spanische Nationalmannschaft im Barceloner Fußballstadion Camp Nou spielt.

20 Stunden dauerte es, bis die Regierungschefs von Katalonien und Spanien nach dem Anschlag sichtlich widerwillig zusammentrafen, um eine gemeinsame Vorgehensweise zu koordinieren. Die Tatsache, dass der spanische König nach dem Anschlag gemeinsam mit dem spanischen und dem katalanischen Ministerpräsidenten den Trauerzug für die Opfer anführte, war ein Politikum, das ganze Morgensendungen füllte. Auch diesmal, trotz des Terrors, trotz aller Trauer, geschah, was immer geschieht in Spanien: Die Hauptstadtpresse in Madrid warf der katalanischen Polizei Ermittlungspannen vor. Katalanische Zeitungen verteidigten die Behörde. Politiker unterschieden zwischen "spanischen" und "katalanischen" Opfern. Am Ende gaben Angehörige einer katalanischen Regierungspartei dem spanischen König eine Mitschuld an den Anschlägen.

Dieser Streit, diese Spannung liegt über der Stadt, viel spürbarer als noch vor drei, vier Jahren. Dabei steht überhaupt nicht fest, ob sich die Mehrheit der Bürger wirklich von Spanien lossagen will. Vermutlich ist das Gegenteil wahrscheinlich. Ich glaube, dass viele nicht mehr wissen, was sie wollen, dass sie den Lärm nicht mehr ertragen, die ewig gleichen Vorwürfe, dieses Geschreie in Fernsehen und Radio, die Hassprediger in den Redaktionsstuben. Wer die Hoffnung hatte, der Terror könnte zur Folge haben, dass diese Auseinandersetzung leiser, besonnener geführt werde, wurde enttäuscht.

Der Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens hat die Stadt verändert. Nicht diese barbarischen Mörder, die im Namen Allahs Unschuldige totfahren. Vor solchen Verbrechern hat Barcelona keine Angst.

Es gibt nichts Leichteres, als sich in diese großartige Stadt zu verlieben. Sie ist offen, gelassen.



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