AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

"Dritte-Mann-Phänomen" Warum Bergsteiger so oft Geister sehen

Mediziner haben die Halluzinationen von Bergsteigern systematisch untersucht. In großer Höhe gesellen sich gern wispernde Gespenster zur Seilschaft - mit teils furchtbaren Folgen.

Alpinist auf dem Mount Everest in Nepal
Tournaire Pascal / ASA / picture-alliance / DPA

Alpinist auf dem Mount Everest in Nepal

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An einem Septembertag im letzten Jahr machte sich Sergio Zigliotto auf den Weg, den Gipfel des Manaslu zu erklimmen, des mit 8163 Metern achthöchsten Berges der Erde. Gegen ein Uhr in der Frühe verließ der Italiener das Camp, gut 700 Meter unterhalb des Gipfels im Himalaja. Im Stockdunkeln stapfte er bergan, durch Schnee und Eis. Dann begann der Höhenwahn.

"Nach etwa zwei Stunden war ich überzeugt, durch einen Wald zu laufen", erinnert sich Zigliotto, "ich kam an Berghütten vorbei; plötzlich hörte ich lautes Donnern." Trotz sternenklaren Himmels sah der Bergsteiger Blitze. "Und ich war über jemanden verärgert, der neben mir lief; er wärmte mir nicht meine kalten Füße."

Zigliotto beschreibt die Symptome einer höhenbedingten Psychose. Bergsteiger, die auf über 7000 Meter klettern, berichten häufig über Wahrnehmungsstörungen. Forscher der Universität Innsbruck und des Eurac-Forschungszentrums in Bozen haben das Phänomen nun untersucht.

Die Mediziner analysierten 83 Berichte von Bergsteigern. Ihre Erkenntnisse: Wer in großer Höhe halluziniert, ist nicht zwangsläufig krank oder verrückt. Und: Auf dem Rückweg, weiter unten am Berg, ist meistens alles wieder in Ordnung.

"Wir haben es mit zeitweisen Psychosen bei ansonsten vollkommen gesunden Personen zu tun", sagt Katharina Hüfner, Neurologin und Psychiaterin an der Universität Innsbruck. Wenn Bergsteiger lange in der Höhe blieben, könnten die psychotischen Symptome über mehrere Stunden oder sogar Tage anhalten. "Über die genauen Ursachen können wir bisher nur mutmaßen."

Aufenthalte in großer Höhe bereiten den meisten Menschen körperliche Probleme. Zwei Drittel aller Menschen, die auf über 4000 Metern übernachten, werden höhenkrank. Der geringe Sauerstoffdruck verwirrt das fein justierte Regelsystem des Körpers. Das Hirn meldet Sauerstoffnot. Um den Transport des überlebenswichtigen Gases zu beschleunigen, steigt der Blutdruck. Doch weil die Höhenluft zu wenig Sauerstoff enthält, lässt sich der Mangel nicht beheben: Das Herz pumpt immer schneller. Irgendwann baut sich so viel Druck in den Gefäßen auf, dass Blutwasser in die Lunge gepresst wird. Auch im Gehirn sammelt sich Wasser. Kopfweh, Übelkeit, Halluzinationen, gar Koma und Tod können die Folgen sein.

Was Hüfner und ihre Kollegen nun beschreiben, grenzt sich jedoch ab von dem gefürchteten Höhenhirnödem. Auch ohne Höhenkrankheit, so die Erkenntnis, spielen die Sinne auf hohen Bergen verrückt. Das Gehirn gaukelt den Bergsteigern dann Gerüche, Stimmen oder den Klang vertrauter Gesänge vor. Am häufigsten aber werde das "Dritte-Mann-Phänomen" beschrieben, sagt Hermann Brugger, Chef des Instituts für Alpine Notfallmedizin am Eurac-Forschungszentrum in Bozen: "Die Bergsteiger haben das Gefühl, eine weitere Person sei anwesend."

So wie "Jimmy", ein imaginärer Begleiter des britischen Extrembergsteigers Jeremy Windsor. "Ich traf Jimmy zum ersten Mal auf einem kalten, windumtosten Schneefeld hoch auf dem südöstlichen Grat des Mount Everest", notierte Windsor nach dem Erlebnis im Jahr 2008, "unsere Begrüßung war kurz, kaum mehr als ein dumpfes 'Hallo'." "Ich war sicher, dass ich sehen konnte, wie sich Jimmy leichtfüßig in der Dunkelheit bewegte", berichtet Windsor weiter. Man habe "ein paar ermutigende Worte" ausgetauscht.

Das ist typisch für die Höhenpsychose: "Ob positiv oder negativ, die Halluzinationen sind immer mit Emotionen verbunden", sagt Brugger. Der dritte Mann spreche Mut zu oder flöße Angst ein und gebe schlechte Ratschläge.

Davon kann der slowenische Arzt und Bergsteiger Iztok Tomazin berichten. Im Dezember 1987 bestieg er den 8167 Meter hohen Himalaja-Gipfel Dhaulagiri. Bereits geschwächt und unterkühlt, verlor Tomazin beim Abstieg seinen Kletterpartner aus den Augen. "Kurz nachdem wir getrennt waren, begannen die Halluzinationen", erzählt er. "Einige Leute stiegen mit mir ab", mit ihnen stritt er über den Weg. Lebensgefährlich wurde es, als er plötzlich am Rand eines 2000 Meter abfallenden Abgrunds stand. "Liebevoll und energisch" gaben ihm die imaginären Begleiter Ratschläge: "Spring hinunter, und in ein paar Sekunden wirst du an einem flachen, sicheren Ort sein", flüsterten sie ihm ein, "dies wird alle deine Probleme lösen."

Extremsportler Windsor: "Ein paar ermutigende Worte"
Xtreme Everest

Extremsportler Windsor: "Ein paar ermutigende Worte"

"So stand ich dort, bereit zu springen, weil die Stimmen mich fast überzeugt hatten", erzählt Tomazin. Ein Geistesblitz rettete ihn: "Was, wenn es nicht wahr ist? Dann sterbe ich!" Tomazin sprang zum Test zwei Meter auf einen Felsvorsprung hinab. Der Schmerz beim Aufprall warf ihn in die Wirklichkeit zurück. Er fand den richtigen Weg und kehrte heil zurück.

Der Fall zeigt, wie gefährlich der Wahn am Berg sein kann. Zugleich weist Tomazins Erlebnis auf mögliche Ursachen des Gipfelirrsinns hin. "Ich war extrem erschöpft, unterkühlt und gefangen in schwierigem Terrain", notierte er danach, "ich sehnte mich nach einem warmen, sicheren Ort." War der Wunsch Vater des wirren Gedankens?

Die Forscher können sich eine Kombination aus verschiedenen Ursachen vorstellen. Vereinsamung und soziale Isolation gehören dazu, extremer Stress, Angst, Hunger, Durst und Kälte, vor allem aber Sauerstoffmangel im Gehirn. "Extrembergsteiger haben einen Sauerstoffgehalt im Blut, bei dem Intensivmediziner sofort Reanimationsmaßnahmen einleiten würden", sagt Brugger. Bestimmte Hirnregionen arbeiteten dann nicht mehr ordentlich.

Experimente mit Ratten zeigen, dass bei Sauerstoffmangel mehr Serotonin und Dopamin ausgeschüttet werden. Ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter wird mit Psychosen in Verbindung gebracht.

"Die Bergsteiger befinden sich körperlich wie psychisch in einer extremen Ausnahmesituation", sagt Hüfner. Oft träten die Episoden auch bei Lebensbedrohung auf, etwa bei akuter Lawinengefahr oder drohenden Abstürzen.

Viele Bergsteiger berichten, dass sie in solchen Situationen scheinbar ihren eigenen Körper verlassen. "Ich fühlte, wie ich abhob und mehrere Meter hoch in der Luft flog; das Gefühl, dort oben zu sein, war genauso real wie das Gefühl, auf dem Fels zu stehen und das Seil zu halten", erzählte ein Bergsteiger, der 1999 von einem Forscherteam befragt wurde. Ein anderer bemerkte ein "leeres Gefühl", eine "ausgeprägte Hohlheit" des eigenen Körpers.

Oder das Erlebnis des polnischen Bergsteigers Wojciech Kurtyka, protokolliert von der Autorin Bernadette McDonald im Buch "Klettern für Freiheit": Kurtyka hatte beschlossen, mit dem Österreicher Robert Schauer die steile Westwand des Gasherbrum IV zu durchsteigen, eines 7925 Meter hohen Gipfels im Karakorum-Gebirge Zentralasiens. Eine Erstbegehung, die sich als extrem schwierig erwies. Sechs Tage dauerte es, die 2500 Meter hohe Felswand zu erklimmen. Vollkommen erschöpft erreichten die Bergsteiger die letzten Schneefelder unter dem Gipfel. Dann schlug auch noch das Wetter um.

"Zustände halb wie im Fieberwahn kamen und gingen, als ihnen der Sauerstoffmangel und die Austrocknung das Leben aus den erschöpften Körpern saugten", schrieb McDonald, "beide Kletterer erahnten einen unheilvollen Geist am Berg."

Als Lawinen über sie hinweggingen, glaubte Schauer, "der dritte Mann versuche, sie vom Felsband in die Tiefe zu stürzen", schreibt McDonald. Dem Tode nahe, begannen die beiden den Abstieg. Eine weise Entscheidung. Schauers Halluzinationen nahmen eine überraschende Wendung: "Er fand sich in einer wogenden Menschenmenge wieder, alle strahlten Wärme aus", berichtet McDonald, "er betrat einen Supermarkt, wo er die köstlichsten Würste verkostete; danach wurde er in ein elegantes Restaurant seiner Heimatstadt Graz verpflanzt, wo er einen saftigen Schweinebraten und knusprige, mit Butter bestrichene Brötchen verspeiste."

Kurtyka dagegen "neigte den Kopf zur Seite und strengte sich an, die Klänge zu hören, die seiner Meinung nach eindeutig die einer von Barbra Streisand gesungenen, wohlbekannten Melodie waren".

"Weiter unten hörten die Erscheinungen auf", schließt McDonald den Bericht. Kurtyka und Schauer überlebten, vielleicht gerade wegen der Halluzinationen.

Doch das sei eher die glückliche Ausnahme, glauben die Bergmediziner. In den meisten Fällen erhöhe die Höhenpsychose das Risiko, sagt Hüfner: "Es gibt wahrscheinlich viele durch Psychosen ausgelöste Unfälle am Berg, von denen wir nie erfahren, weil sie tödlich ausgehen."

Um das Phänomen besser zu verstehen, planen die Mediziner nun eine Studie in Nepal, direkt am Mount Everest. Ärzte der Everest Base Camp Medical Clinic auf gut 5000 Meter Höhe sollen die Gipfelstürmer nach der Rückkehr vom höchsten Berg der Erde nach ihren Erfahrungen befragen. Im Frühjahr startet das Projekt.

Hüfner erhofft sich Erkenntnisse, die auch zum besseren Verständnis psychiatrischer Erkrankungen führen könnten. Vor allem aber will die Medizinerin für Aufklärung sorgen. "Bergsteiger sollten sich dieser Phänomene und ihrer Symptome bewusst sein", sagt sie. "Jemandem, der eine Psychose hat, sollte man am Berg lieber keine Entscheidungen überlassen." Und sie empfiehlt, Mitstreiter da oben niemals aus den Augen zu lassen.

Wie wichtig dieser Rat sein kann, zeigt das Erlebnis des Bergführers Hajo Netzer am 8126 Meter hohen Nanga Parbat im Westhimalaja. Auf 7100 Metern hatte Netzer sein kleines "Hochlagerzelt" aufgeschlagen, das er mit drei weiteren Bergsteigern teilte. Mitten in der Nacht stellte er fest, dass seine spanische Zeltnachbarin verschwunden war.

"Notgedrungen wand ich mich aus dem Zelt, um sie zu suchen", berichtet Netzer. Er fand sie draußen, "total in ihre Arbeit vertieft", die darin bestand, "in dieser kalten Nacht mit bloßen Händen Schneeballen" aufeinanderzutürmen.

"Sie erklärte mir, sie müsse Damentoiletten errichten", schreibt Netzer, "ihre Argumentation überzeugte mich nicht, und mit rabiater Entschlossenheit schubste ich sie wieder ins wärmende Zelt."



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