AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Gleiche Löhne Frauen, leider Pech gehabt!

Die Bundesregierung wollte dafür sorgen, dass Frauen und Männer bei gleicher Arbeit auch endlich gleich viel Geld verdienen. Doch dieser Plan scheitert. Was jetzt zu tun ist.

Protestierende Frauen 1979: "Da bin ich vom Hocker gefallen"
Klaus Rose / picture-alliance / DPA

Protestierende Frauen 1979: "Da bin ich vom Hocker gefallen"


Von Susanne Amann, Isabell Hülsen, Francis Mohammady, Ann-Katrin Müller, Ann-Kathrin Nezik, Anne Seith und Hanna Voß

Eigentlich konnte Sylvia Wilson ziemlich stolz sein auf ihre Karriere. Mit Anfang dreißig leitete die Controllerin bei einem Verpackungshersteller in Köln schon eine Abteilung mit 40 Mitarbeitern. Doch eines Tages erfuhr sie durch Zufall, dass einer ihrer Untergebenen mehr verdiente als sie selbst.

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Heft 37/2017
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Und es kam noch besser: Bei einem Gespräch mit einem anderen Kollegen fand Wilson heraus, dass die übrigen Führungskräfte auf ihrer Hierarchieebene im Schnitt rund 50.000 Euro im Jahr mehr bekamen als sie. "In dem Moment bin ich wirklich vom Hocker gefallen", sagt die heute 39-Jährige. Sie kündigte und zog vor Gericht.

Das Verfahren endete in einem Vergleich.

Wilsons Fall ist symptomatisch. Gleiche Arbeit heißt in der deutschen Wirtschaft längst nicht: gleicher Verdienst - vor allem nicht für Frauen. Laut Statistischem Bundesamt bekommen sie für die gleichen Tätigkeiten im Schnitt sechs Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.

Berücksichtigt man außerdem noch, dass Frauen zum Beispiel öfter schlecht bezahlte, aber wichtige Berufe im Bildungsbereich oder in der Pflege ausüben, weitet sich diese sogenannte Gender Pay Gap sogar auf 21 Prozent. Und daran hat sich in den vergangenen Jahren "nichts Wesentliches geändert", wie der aktuelle Gleichstellungsbericht für die Bundesregierung konstatiert, den Wissenschaftler regelmäßig erstellen. Die Folgen sind dramatisch.

Die eigenständigen Rentenleistungen von Frauen lagen schon 2015 im Schnitt um 53 Prozent niedriger als die der Männer, aufs ganze Leben betrachtet, liegt das Einkommen von Frauen um rund 49 Prozent unter dem von Männern.

Das Thema bewegt viele Menschen. Als der SPD-Parteivorstand im Juli eine repräsentative Umfrage zum Thema Gerechtigkeit erstellen ließ, empfanden 73 Prozent der Befragten die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern als ungerecht oder sehr ungerecht.

Grüne und SPD schmücken ihre Wahlplakate deshalb unter anderem mit flotten Sprüchen, dass die Lohnlücke endlich geschlossen werden müsse. Doch haben sie dafür die richtigen Ideen? Und warum hat sich in den vergangenen Jahren so wenig an einer Situation geändert, die seit Langem bekannt ist?

Dabei hatte die Legislaturperiode fulminant angefangen: Die damalige Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) erkor die Lohngerechtigkeit zu ihrem Herzensthema. Als Ende März dieses Jahres dann das sogenannte Entgelttransparenzgesetz verabschiedet wurde, begann sie ihre Rede im Bundestag mit den Worten: "Es ist heute ein guter Tag."

Wäre es allerdings nach Heide Pfarr gegangen, wäre das Gesetz so niemals in Kraft getreten. Die emeritierte Professorin für Arbeitsrecht zählt zu jenen Juristen, die mit dem Projekt beauftragt worden waren. Anfangs war Pfarr euphorisch: Der erste Entwurf, der in die Abstimmung zwischen den Ministerien ging, "konnte sich sehen lassen", sagt sie. "Doch der Widerstand dagegen war unglaublich."

Laut Pfarr kam er von allen Seiten: aus dem Kanzleramt, aus dem Arbeitsministerium, aus dem Arbeitgeberverband BDA und, zu Pfarrs Überraschung, von den Gewerkschaften, die um ihre Tarifautonomie fürchteten. Am Ende war das Vorzeigeprojekt so zerpflückt, dass Pfarr und diverse Frauenverbände Schwesig rieten, den Entwurf zurückzuziehen, um der Frauensache nicht zu schaden.

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Das Gesetz in seiner jetzigen Form "hat null Auswirkung", glaubt auch Markulf Behrendt, der als Rechtsanwalt bei der Kanzlei Allen & Overy Unternehmen berät und eigentlich froh sein könnte, dass seine Klientel gut wegkommt. Doch dafür sei das Thema zu wichtig, sagt er.

Die Liste der Mängel ist lang: Dem Gesetz zufolge kann eine Frau lediglich Auskunft verlangen über drei Komponenten der Einkommen ihrer Kollegen - etwa Grundgehalt, Bonus oder sachliche Vergünstigungen wie Dienstwagen oder -handys. Wer aber sagt ihr, dass sie die richtigen Komponenten auswählt?

Noch dazu werden ihr nicht alle Gehälter verraten, sondern nur der sogenannte Median einer Vergleichsgruppe - bei sieben Kollegen ist das vereinfacht gesprochen jener Betrag, den der Kollege bekommt, der in der Mitte liegt. Was aber sagt diese Zahl aus, wenn der Arbeitgeber argumentieren kann, dass andere männliche Kollegen noch weniger verdienen?

Nicht zuletzt sind die Konsequenzen für Firmen, die die entsprechenden Auskünfte verweigern oder falsche Informationen geben, gering. Ihnen drohe kein Bußgeld und auch sonst keine Strafe, sagt Behrendt.

Und selbst wenn Frauen die entsprechenden Auskünfte bekommen, müssen sie noch immer vor Gericht ziehen - und dort beweisen, dass der Entgeltunterschied mit ihrem Geschlecht zusammenhängt. "Das ist in der Praxis in den meisten Fällen unmöglich", glaubt Behrendt.

Das zeigt etwa der Fall der ZDF-Journalistin Birte Meier: Die preisgekrönte "Frontal 21"-Reporterin zog vergangenes Jahr vor Gericht, weil nach ihren Recherchen selbst jüngere Kollegen mehr verdienten als sie. Doch die Klage wurde abgewiesen, der Richter sah keine Anzeichen für Diskriminierung. Das ZDF hatte das höhere Gehalt eines Kollegen unter anderem damit begründet, dass der Mann im Gegensatz zu Meier Journalistik studiert habe.

Wie will man beweisen, dass ein Magister in drei geisteswissenschaftlichen Fächern, wie Meier ihn hat, genauso viel zählt?

Auch die Schreinermeisterin Edeltraud Walla scheiterte mit ihrer Klage, am Ende sogar vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie leitet seit Jahren die Werkstatt in der Fakultät für Architektur an der Uni Stuttgart und fand irgendwann heraus, dass ein Kollege mit geringerer Qualifizierung 1200 Euro brutto mehr im Monat nach Hause trug als sie. Die Hochschule erklärte, das Gehalt des Kollegen sei "historisch begründet" gewesen, von einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung könne keine Rede sein.

Wie man Lohngleichheit tatsächlich befördern kann, zeigt Island: Anfang Juni verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das weltweit einmalig ist, weil es die Verantwortung für die Gleichbehandlung den Unternehmen zuschiebt - und nicht wie bisher üblich den Frauen. Isländische Firmen mit mehr als 25 Mitarbeitern müssen künftig nachweisen, dass sie Frauen und Männer gleich entlohnen.

Im deutschen Entgelttransparenzgesetz werden Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern lediglich "aufgefordert", ihre Lohnstrukturen regelmäßig von sich aus auf Ungerechtigkeiten zu überprüfen.

Dieser freundlichen Bitte dürfte aber nach Überzeugung von Anwalt Behrendt kaum ein Unternehmen nachkommen. Denn das hätte seiner Ansicht nach dramatische Konsequenzen. In Paragraf 20 des Gesetzes nämlich wird das Unternehmen verpflichtet, die Ergebnisse einer solchen Prüfung den Mitarbeitern mitzuteilen. "Für einen Unternehmer heißt das: Wenn er freiwillig seine Lohnstrukturen überprüft und dabei eine Unwucht feststellt, entsteht daraus die Pflicht, die Mitarbeiter zu informieren - und ihnen so einen Klagegrund auf dem Silbertablett zu präsentieren. Das wird kaum einer machen", sagt Behrendt.

Auch Sebastian Pacher, Vergütungsexperte bei der Unternehmensberatung Kienbaum, hält das Gesetz an vielen Stellen schlicht für zu vage und unsauber formuliert, es habe zu wenig Biss.

Der eine oder andere Firmenchef, sagt er, sei schon auf die Idee gekommen, seine Betriebe einfach so umzustrukturieren, dass sie weniger als 200 Mitarbeiter haben¿- dann greift das Gesetz nicht. Andere Chefs ließen anklingen, dass Frauen, die das vorgesehene Auskunftsrecht in Anspruch nähmen, ihre Karriere in der Firma auch gleich beenden könnten.

Wieder andere wähnen sich Pacher zufolge in Sicherheit, weil sie ihre Mitarbeiter nach Tarif bezahlen - bei Tariflöhnen sieht das Gesetz nämlich, dank der Lobbyarbeit von Arbeitgebern und Gewerkschaften, nur eingeschränkte Auskunftsrechte der Frauen vor.

Tarifverträge würden schließlich nicht zwischen Männern und Frauen unterscheiden, lautet das Argument für diese Ausnahmeregelung. Aber ist das so? Auch in Tarifverträgen schneiden typisch weibliche Berufe oft schlechter ab als die männlich geprägten: Müllmänner etwa, die Müllwagen von innen reinigen, bekommen zu Recht einen Erschwerniszuschlag. Aber Altenpflegerinnen, deren Job oft sicherlich nicht weniger beschwerlich ist, erhalten einen solchen Zuschlag nicht.

Solche Unterschiede sind auch historisch bedingt. Lange stellten Frauen ihre Dienste, etwa die Kinder- und Altenpflege, der Gesellschaft gratis zur Verfügung. Deshalb werden noch heute typische Frauenberufe schlechter bezahlt als solche, die Männer ausführen.

Im Wahlkampf hat die SPD das Thema wiederentdeckt. Der SPD-Kanzlerkandidat erklärt auf Anfrage, er werde die Lohnlücke "nicht hinnehmen".

Die Vorschläge der Sozialdemokraten klingen gut. So sollen etwa Eltern künftig staatliche Zuschüsse bekommen, wenn beide ihre Arbeitszeit auf 26 bis 36 Stunden reduzieren. Bislang arbeiten gerade Mütter im Schnitt oft viel weniger Stunden. "Das ist der richtige Kurs", sagt Elke Holst, die beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zum Thema Gleichstellung forscht. "Als Bundeskanzler wird dies eins meiner ersten Vorhaben sein", sagt SPD-Spitzenmann Schulz.

Und was, wenn Schulz nicht Bundeskanzler wird? Die Union will sich nach dem missratenen Gesetz für mehr Lohntransparenz zunächst ausruhen, was das Thema angeht. "Jetzt müssen wir erst einmal abwarten, dass das neue Gesetz Wirkung entfalten kann", sagt CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Dann könne man nachjustieren.



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