AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Er war Klempner und liebte Baseball Letzte Ehre - ab ins Stadionklo

Warum ein Baseballfan die Asche seines besten Freundes in Toiletten runterspült.

McDonald
John Taggart / NYT / Redux / Laif

McDonald

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Er tat es zum ersten Mal vor sieben Jahren, an einem Samstagnachmittag, während eines Play-off-Spiels ihrer Lieblingsmannschaft. Die New York Mets führten, seine Blase drückte, und Thomas McDonald spürte, es war der richtige Moment.

Er ging zu den Stadiontoiletten, in der Kabine vergewisserte er sich, dass die Tür hinter ihm verschlossen war. Dann nahm er eine Dose aus seiner Jackentasche, öffnete sie vorsichtig und schüttete ihren Inhalt, die Asche seines besten Freundes, in das Klo.

Um Verstorbene zu ehren, kommen Menschen auf die seltsamsten Ideen.

Es gibt Leute, die mischen die Asche ihrer Angehörigen mit Farbe und ritzen sie sich als Tattoo unter die Haut. Andere nehmen die kremierten Überreste und pressen daraus Schallplatten mit den Lieblingssongs der Toten. Im vergangenen Jahr wurde die Metropolitan Opera in New York wegen Terroralarm evakuiert, das Publikum glaubte, verdächtiges weißes Pulver im Orchestergraben entdeckt zu haben - tatsächlich war es die Asche eines dahingegangenen Vivaldi-Fans.

Roy Riegel, so hieß Thomas McDonalds bester Freund, hatte ihm nie gesagt, wie er bestattet werden wollte.

McDonald, 56, ein kleiner, runder Mann mit weißen Haaren, erzählt seine Geschichte, die nun in amerikanischen Kanalisationen endet, am Telefon. Roy und er kannten sich seit ihrer Kindheit. Sie wuchsen auf im New Yorker Stadtteil Queens, in der Nähe des Stadions, in dem die Mets damals noch spielten. Die anderen Jungen aus dem Viertel nannten Roy nur "Leek", weil er lang und dünn war wie ein Lauch, ihn selbst nannten sie "Porky", weil er rosig und dick war wie ein Schwein. "Wir bekamen nie ein Mädchen ab, aber wir waren glücklich", sagt McDonald, "sobald wir an Baseball dachten."

Ihre Väter nahmen sie jedes Wochenende mit zu einem Spiel. Zu Hause, in kleinen Erdnussdosen, sammelten sie die Eintrittskarten. Später, als sie erwachsen waren, gründeten sie ihren eigenen Fanklub, sie selbst waren seine einzigen Mitglieder und nannten ihn "Mets Underground", weil sie beide viel Zeit im Untergrund verbrachten.

Thomas McDonald verkaufte Fahrscheine in der New Yorker U-Bahn, Roy Riegel arbeitete als Klempner der Abwasserbetriebe. Sie blieben immer beste Freunde.

McDonald, noch immer Junggeselle, wohnt nach wie vor in Queens. Er habe in den vergangenen 42 Jahren fast jedes Heimspiel der Mets gesehen, 2881 Spiele insgesamt, und bei den meisten, so erzählt er, habe sein Freund Roy neben ihm gesessen. Es starb vor neun Jahren, am Tag der Saisoneröffnung, an plötzlichem Herzversagen. Er hinterließ keine Familie, sein Leichnam wurde verbrannt. McDonald sagt, er habe die Asche bekommen und drei Wochen geweint, er sei ein Jahr lang zu keinem Spiel gegangen. Er konnte sich nicht vorstellen, ohne Roy im Stadion zu sein, also suchte er nach einem Weg, Roy und das Stadion zu vereinen.

Einmal nahm er die Asche, schmuggelte sie mit auf die Tribüne und versuchte, sie heimlich auf den Rasen der Mets zu werfen. Er würde das nie wieder machen, sagt McDonald, "zu viel Wind, zu viel Publikum, das sich danach die Augen reibt".#

Von der Website Morgenpost.de

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Irgendwann, am Urinal eines Stadionpubs, kam ihm eine andere, bessere Idee. Er erinnerte sich, wie gern Roy Klempner gewesen war, wie oft er von Rohrsystemen und Abwasserleitungen geschwärmt hatte. Toiletten und Baseball, dachte McDonald, das waren Roys Leidenschaften; ein Abgang unter dem Jubel Tausender Fans, das wäre eine angemessene letzte Ehre.

Als er ein paar Gramm der Asche zum ersten Mal in ein Stadionklo spülte, an jenem Nachmittag vor sieben Jahren, so erzählt er, kämpfte er mit den Tränen, aber er musste auch lachen, weil er daran dachte, wie Roy darüber lachen würde.

Thomas McDonald hat es mittlerweile nicht mehr nur im Stadion der New York Mets getan, sondern auch bei Auswärtsspielen, auf den Toiletten der Cleveland Indians, der Chicago White Sox oder der Texas Rangers; in 16 Stadien in ganz Amerika. Er hat zu Hause eine Strichliste mit Roys Lieblingsstadien, er klappert sie der Reihe nach ab, er führt genau über alles Buch. "Es ist eine ernste Sache", sagt McDonald, "es ist wie Baseball, es gibt Regeln."

Zur Tarnung fülle er die Asche immer in eine Erdnussdose, wie früher die Eintrittskarten. Er würde es nie im Stadion der New York Yankees machen, weil Roy die Yankees hasste. Es müsse auf jeden Fall während des Spiels geschehen, weil Roy sich immer erst nach Anpfiff erleichterte. Er selbst mache es jetzt genauso, er pinkele in Ruhe, und danach, so will es das Ritual, ziehe er zweimal gründlich ab, sagt er, "um den Weg für Roy freizumachen".

Manchmal versucht McDonald, noch etwas Feierliches zu sagen, ein paar letzte Worte, wie bei einer Beerdigung. Einmal wollte er das Vaterunser beten, aber es ging nicht, es war zu komisch. Meistens flüstert er, ehe er die Spülung drückt: "Farewell", lebe wohl.

Er hat jetzt nur noch einen Löffel Asche übrig. Er will sie nächstes Jahr, wenn Roys Todestag sich zum zehnten Mal jährt, im Stadion der Durham Bulls, in North Carolina, auf die Reise durch die Katakomben schicken. Dort wurde ihr Lieblingsfilm "Annies Männer", eine Komödie über Baseball, Freundschaft und Loyalität, gedreht. Roy sei nicht mehr da, um sich den Film mit ihm anzusehen, sagt McDonald, "er ist aber irgendwo unter uns".



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